Programmzettel Schicklgruber
Die letzten Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Führerbunker unter der Reichskanzlei in Berlin: Die Lage ist ziemlich aussichtslos. Mitte April 1945 hat der Krieg das Stadtzentrum erreicht, und im Bunker ist dicke Luft. Und das, obwohl Adolf Hitler (Vegetarier, Abstinenzler, Nichtraucher) allen das Rauchen verboten hat. Am 20. April, seinem 56. Geburtstag, hat er sich in seinem Zimmer verschanzt und beschäftigt sich mit dem Horoskop. Eva Braun betrinkt sich derweil und denkt an ihre Hochzeit, Joseph Goebbels hofft auf eine große Rede vom Führer, die vielleicht doch noch alles herumreißen könnte. Zyankali für alle macht die Runde, während Hermann Göring versucht, Nachwuchs für die Luftwaffe zu rekrutieren. Ebenfalls anwesend sind die sechs Goebbels-Kinder samt ihrem Kindermädchen Martha sowie Hitlers Kammerdiener Heinz Linge. Nicht zu vergessen sein Schäferhund Blondi. Doch das Böse stirbt nicht so leicht, wenn der Tod erschöpft und genervt ist von einem langen Krieg …
Schicklgruber alias Adolf Hitler hieß das ikonische Puppen-Solo von Neville Tranter, das dieser ab 2003 weltweit in zahllosen Aufführungen gespielt hat. Der seit 1978 in Amsterdam lebende Australier, gilt als Altmeister des Klappmaul-Puppenspiels. Er war maßgeblich daran beteiligt, Puppenspiel als ernstzunehmende Kunstform für Erwachsene durchzusetzen und über die ästhetische Erfahrung von Virtuosität und Humor auch komplizierte und schmerzhafte Themen für ein breites Publikum zu erschließen. Nach dem Ende seiner aktiven Zeit als Puppenspieler übergibt Neville Tranter nun seine Puppen und den Stücktext in die Hände von Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm.
Heil, Schicklgruber! von Karla Mäder
Eigentlich hätte er Schicklgruber heißen müssen. Die Rede ist von Adolf Hitler. Sein Vater, Aloys, war der uneheliche Sohn von Maria Anna Schicklgruber, in der Geburtsurkunde ist kein Vater erwähnt. Als Aloys fünf Jahre alt war, heiratete seine Mutter einen Johann Georg Hiedler. 15 Jahre vor der Geburt seines eigenen Sohns ließ Aloys seinen Eintrag im Geburtsregister durch einen Priester ändern und aus Aloys Schicklgruber wurde – vermutlich durch einen Schreibfehler – Alois Hitler.
Dessen Sohn Adolf ist eine singuläre Erscheinung in der Weltgeschichte. Das gesamte 20. Jahrhundert ist stark mit den Auswirkungen seiner Kanzlerschaft zwischen 1933 und 1945 verbunden, und über Generationen hinweg und bis heute beschäftigen der Zweite Weltkrieg, die Vernichtungslager, die Nazi-Ideologie unsere Gesellschaft. Dabei hat Hitler weder als erster deutscher Politiker Gebietsansprüche jenseits des eigenen Territoriums formuliert und auch nicht den Faschismus, den Militarismus oder den Antisemitismus erfunden. All dies waren generelle Tendenzen seiner Zeit, die er allerdings extrem wirkungsvoll für seine eigene Politik eingesetzt hat.
Überbleibsel
Wenn man von der Friedrichstraße zum Deutschen Theater geht, passiert man den Hochbunker an der Reinhardt-/Ecke Albrechtstraße, der so riesig wie unzerstörbar ist, dass die Stadt nicht umhinkommt, ihn zivil weiter zu nutzen: zuletzt bis 1996 als legendären Technoklub, und aktuell als Ausstellungsfläche für eine hochkarätige private Kunstsammlung, die Boros Collection. Der ehemalige „Reichsbahnbunker“ war 1943 von Zwangsarbeitern gebaut worden, um bis zu 2.500 Reisenden vom Bahnhof Friedrichstraße und dem Publikum des DT Zuflucht zu bieten. Die Grundfläche des Hochbunkers entspricht ungefähr jener des Bunkers, in dem Adolf Hitler seine letzten Tage verbrachte. Allerdings war dieser eingeschossig und unterirdisch unter der Reichskanzlei angelegt, mit einer ca. vier Meter dicken Betondecke, die jedem Bombeneinschlag standhalten konnte. Er befand sich etwa einen Kilometer Luftlinie vom Deutschen Theater entfernt. An diesen Bunker erinnert heute nur noch eine Schautafel, die der Verein „Berliner Unterwelten e. V.“ 2006 in der Gertrud-KolmarStraße aufgestellt hat. „Die Tafel soll den geschichtsinteressierten Besuchern aus aller Welt die Möglichkeit geben, diesen bedeutenden, wenngleich auch mit einer negativen Historie belasteten Ort auffinden zu können. Durch eine Sichtbarmachung des Areals des ehemaligen ‚Führerbunkers‘ soll einer Mythenbildung und einer nostalgischen Verklärung entgegengewirkt werden“, schreibt der Verein auf seiner Webseite.
Die Bühne des Untergangs
In der frühen Nachkriegszeit wurde Hitler als einer der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte dämonisiert, doch seit einigen Jahren wird er vermehrt auch als Privatperson gezeigt und differenzierter betrachtet. Der Kinofilm Der Untergang mit Bruno Ganz als Hitler (und u. a. Ulrich Matthes und Corinna Harfouch als Ehepaar Goebbels) löste 2004 eine Debatte darüber aus, ob man Hitler überhaupt „menschlich“ zeigen dürfe. Das Stück Schicklgruber alias Adolf Hitler, mit dem Neville Tranter viele Jahre um die Welt getourt ist und welches ein ikonisches Stück Puppentheater für Erwachsene werden sollte, hatte bereits 2003, also ein Jahr vor dem Film Premiere. Neville Tranter schildert, wie er darum gerungen hat, diese Figur auf die Bühne zu bringen: „Ich hatte eine Premiere in Weimar mit Frankenstein, und die Verantwortlichen dort machten den Vorschlag, dass ich als nächstes doch ein Stück über Hitler machen könne. Offenbar dachten sie, ich sei ein Spezialist für Monster. Ich habe sofort nein gesagt. Dann aber habe ich angefangen darüber nachzudenken, wie man Hitler vielleicht doch darstellen könnte. Ich habe drei Jahre lang recherchiert und alles gelesen, was ich bekommen konnte. Wenn es geht, dachte ich, dann mit Puppen.“ Genau wie der Film konzentriert sich auch Schicklgruber auf die letzten Tage von Adolf Hitler im Führerbunker, der zur Bühne seines Untergangs wird.
Die letzten Tage
Am 20. April 1945 beging Adolf Hitler seinen 56. Geburtstag im Führerbunker. Zehn Tage später, am 30. April, brachte er sich darin um, indem er sich eine Kugel in den Kopf schoss und gleichzeitig eine Zyankali -Kapsel zerbiss. Zuvor hatte seinen Adjutanten angewiesen, seine und die Leiche von Eva Braun im Hof der Reichskanzlei zu verbrennen, denn weder tot noch lebendig wollte er den Sowjets als Trophäe in die Hände fallen. Der Kampf um Berlin hatte am 16. April begonnen, kostete Schätzungen zufolge 170.000 Soldaten und einige 10.000 Zivilist:innen das Leben und hinterließ eine in großen Teilen zerstörte Stadt. Nach Hitlers Selbstmord nahmen sich am 1. Mai etliche Gefolgsleute im Führerbunker das Leben, am 2. Mai kapitulierte die Wehrmacht in Berlin und ergab sich bedingungslos der Roten Armee, am 8. Mai war der Krieg offiziell beendet. Am 2. Mai besetzten US-amerikanische Truppen kampflos auch Braunau am Inn, die Geburtsstadt von Adolf Hitler, die während der Nazi-Herrschaft ein Kult-Ort war. Die Sprengung des Geburtshauses misslang allerdings, was der Nachwelt in Sachen Nutzung des Gebäudes nicht wenig Kopfzerbrechen bereitete und erst vor kurzem gelöst wurde. Die Trümmer der Reichskanzlei hingegen wurden beseitigt und der Führerbunker verschwand, indem er einfach mit Sand verfüllt wurde. Man beschloss, zumindest an dieser Stelle Gras über die Sache wachsen zu lassen: Heute befinden sich am früheren Ort der Machtzentrale des Nationalsozialismus Wohnhäuser, ein Parkplatz und eine Grünfläche sowie unweit davon das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas.
„Ich bin ein Profi! Als Schauspieler kann ich jede Rolle spielen. Sogar Eva Braun, wenn Sie wollen. Aber ihn? Nein!“ – Puppe
Hitler, der Künstler
So oder so gelingt es uns bis heute aber immer noch nicht oder nur schwer, Hitler als abstrakte, historische Figur zu begreifen. Wir müssen ihm wohl erst einmal als Schauspieler (oder Puppe) begegnen. Er war ein bestenfalls mittelmäßiger Maler, aber ein charismatischer und ungewöhnlich begabter Redner seiner Zeit, der nur so populär und zum „Führer“ werden konnte, weil ihn große Teile der damals lebenden Deutschen dazu gemacht haben. Thomas Mann analysierte in seinem Essay Bruder Hitler bereits Ende der Dreißigerjahre das Verführungspotenzial seines Zeitgenossen, welches er aus dem Umstand ableitet, dass auch Hitler sich als Mann der Kunst sah. In Hitler stecke ein Anflug von Künstler, so wie in jedem Künstler der Traum vom Diktator schlummere. Deshalb kommt Thomas Mann in seinem Selbstexorzismus 1938 nicht umhin, „der Erscheinung eine gewisse angewiderte Bewunderung entgegenzubringen“. Und die Überzeugungskraft des Nationalsozialismus bestünde laut Thomas Mann eben genau darin, dass es Hitler gelungen sei, aus seinem ästhetischen Dilettantismus heraus einen neuen Stil nationaler Gewalttätigkeit zu erfinden, der auf breiter Front anschlussfähig war.
Bilder für die Massen
Tatsächlich verstand es der Nationalsozialismus seine Ideologie visuell mitreißend zu inszenieren, um die Mär vom „gesunden deutschen Volkskörper“ in Opposition zu allem „Fremdvölkischen“ und „Kranken“ zu erzählen. „Die deutsche Volksgemeinschaft“ war die ästhetisch überformte Weimarer Klassengesellschaft, der das Versprechen gegeben wurde, ohne das komplizierte Parteiensystem der Weimarer Republik auf direktem Weg in eine glorreiche Zukunft marschieren zu können. Geschlossenheit und Entschlossenheit: das vor allem suggerierten die kraftvoll inszenierten Bilder einer modernen Industrie- und Wohlstandsgesellschaft mit Massenveranstaltungen, Massentourismus, Massenkonsum, Massenkommunikation, Massenmotorisierung. Dass diese Bilder in Wirklichkeit massenmobilisierende Verführungsstrategien zum Zwecke eines gigantischen Weltanschauungs-, Raumeroberungs- und Völkervernichtungskrieges waren, wurde ab September 1939 mit dem Zweiten Weltkrieg bittere Realität. Dem jämmerlichen Tod des „ Führers“ in der Mausefalle seines Führerbunkers gingen der verlustreichste Krieg der Menschheitsgeschichte und unvorstellbare Verbrechen voraus: geschätzt 60 Millionen Menschen verloren in diesem Krieg ihr Leben, darunter 27 Millionen Sowjetbürger:innen (die Hälfte davon aus der Zivilgesellschaft) und sechs Millionen Jüd:innen, die mit nie dagewesener Effizienz und Grausamkeit in den Vernichtungslagern des Holocaust ermordet wurden.
Was würden Sie tun?
2015 fragte die New York Times ihre Leserschaft, ob sie bereit wäre, das Baby Adolf Hitler zu töten, wenn sie in dessen Geburtsjahr 1889 reisen könnte. 42% antworteten mit Ja. Ob man die Weltgeschichte mit einem Kindermord zum Besseren hätte wenden können, bleibt dahingestellt – viele vermeintlich gute Eliminierungen von Bösen brachten nicht das gewünschte Ergebnis, sondern nur anderen Kummer. Eine interessante moralische Frage ist es allemal. Immer wieder und insbesondere in Zeiten, in denen rechte Tendenzen in der Politik erstarken, sieht Deutschland sich mit der Frage konfrontiert, wie die Nationalsozialist:innen an die Macht kommen und warum Hitler nicht verhindert werden konnte. Und fragt sich bang: Könnte dies wieder passieren und wie kann es dann verhindert werden? Mag der Bunker verschüttet sein, mag die Geschichte der letzten Tage Adolf Hitlers im kriegszerstörten Berlin 80 Jahre her sein, die Wunden und Narben sind noch da – in den Familien über Generationen hinweg erlebbar, in mannigfacher Form im Stadtbild Berlins sichtbar, in unserem Verhältnis und unserer Verantwortung gegenüber anderen Ländern spürbar – und wirklich befreien können (und dürfen) wir uns davon noch nicht.