Rede zur Eröffnung der Autor:innenTheaterTage 2025 von Elemawusi Agbédjidji, Autor und Regisseur

Bei der Vorbereitung dieser Rede habe ich versucht mich richtig zu verorten: Aus welcher Perspektive kann ich mich heute an Sie wenden, um die Bedeutung der Künste und der Kultur – des Ökosystems, in dem wir alle, Sie und wir, leben – zum Ausdruck zu bringen? Wie kann ich sie lautstark verkünden, sie herausschreien?

Ich habe nach der richtigen Ausgangsposition gesucht, um mich nicht nur an politische Entscheidungsträger:innen, sondern an möglichst viele Menschen, also an uns alle, zu wenden.

So kam mir diese Idee, und diese von meiner Freundin Carole Fréchette inspirierten Worte.

Wenn ich ein politischer Entscheidungsträger wäre,
Kulturminister eines Kulturministeriums,
gewählter Vertreter dieser Stadt,
Leiter einer Behörde oder Direktor eines Festivals,
wenn ich einer von diesen Menschen wäre, würde ich natürlich versuchen, meine Kolleg:innen von der Bedeutung der Förderung von Kunst und Kultur zu überzeugen. Natürlich würden sie mir zuhören. Sobald es jedoch um die Vergabe der Mittel gehen würde, würden sie behaupten, dass man sich auf die wirklich dringenden Probleme, die wirklichen Notwendigkeiten, die wirklich wichtigen Angelegenheiten konzentrieren muss: Sicherheit – Wirtschaft – Entwicklung – Einfluss – Gesundheit – Krieg – Bildung – Einwanderung und dies und das und jenes und jenes und dies.

Aber dann, anstatt ihnen die tausendmal wiederholten Argumente zu servieren – künstlerisches Schaffen als Motor der wirtschaftlichen Entwicklung,
Ausdruck unserer Identität par excellence
und blablabla –
würde ich sofort „Tage ohne Kultur” verordnen. Tage, an denen jegliche künstlerische Aktivität, jegliche Manifestation des kulturellen Lebens absolut verboten wäre.

Ein Tag ohne Musik –
Alle Konzertsäle geschlossen, alle kleinen Bühnen in allen kleinen Bars der verlassenen Städte und Dörfer, keine Musik im Fernsehen, im Radio, nicht einmal der kleine Jingle, der die Nachrichten einleitet, alle iPhones und Androids gesperrt, alle iPads, MP3-Player gesperrt, alle YouTube-Clips gestört.

Und dann

Tage ohne Shows, ohne Aufführungen, ohne jede Form von Fiktion. Kein Kino, weder im Saal noch zu Hause auf dem Fernseher, dem Computer oder dem Telefon. Keine Fernsehserien, keine Webserien, keine Soaps, keine Kindersendungen, kein Theater, kein Tanz, keine Performances, kein Zirkus, keine Straßenshows.

Und dann

Das Verbot, einen Roman, eine Kurzgeschichtensammlung, einen Gedichtband oder einen Comic zu öffnen.

Und dann

Tage ohne bildende Kunst. Alle Museen sind verbarrikadiert, auch alle öffentlichen Kunstwerke müssen versteckt werden.
Überall in Berlin, in ganz Deutschland werden Statuen und Denkmäler mit Laken verhüllt. Skulpturen, Gemälde, die die Wände von Gebäuden schmücken, und das auch in den Häusern, in allen Häusern.
Eine große Aktion zum Verhüllen von Gemälden, Fotos, Zeichnungen, Reproduktionen, von allen Kunstgegenständen, die unseren Alltag begleiten. ALLES alles alles...
Laken werden über alle Mauern Kreuzbergs gespannt, werden über die Freiheitsstatue gespannt, ALLES alles alles...

Und dann

Das Verbot, sich an der architektonischen Schönheit aller Gebäude, aller Formen der Architektur zu erfreuen.
Die Verpflichtung, beim Gang durch die Stadt den Blick auf die Füße zu richten. Bei Bedarf würden Scheuklappen verteilt, um sicherzustellen, dass das Auge keine elegante Linie eines Gebäudes erfassen kann.

Wie lange würden diese „Tage ohne Kultur” dauern?

Ich weiß es bereits.

So lange, wie es dauern würde, um die erstickende Hölle zu spüren, die unser Leben in diesem Universum, ohne provokative, faszinierende, bewegende Bilder, ohne zarte oder energiegeladene Musik wäre. Ohne die Möglichkeit, die Welt dank Fantasie neu zu interpretieren, und entlang des Schicksals erfundener Figuren aus Filmen, Theaterstücken, Romanen usw. über unser eigenes Leben zu lachen und zu weinen.

Ja, die Zeit, die es braucht, um die Leere, die Dürre, die tiefe Depression zu spüren.
Dann würden die ersten Anzeichen einer Funktionsstörung auftreten.

Die Zeit, die es braucht, bis meine Kolleg:innen tief Luft holen und zum Feierabend ihren Film, ihre Lektüre, ihre Fernsehserien, ihre Videoclips, ihre Musik, die Schönheit an ihren Wänden zurückfordern würden.

Die Zeit, die es braucht, bis wir aufhören, von „Unterstützung” zu sprechen, wenn wir über Kulturförderung sprechen. Denn Kunst ist ein lebenswichtiges Bedürfnis, ja, und das ist noch milde ausgedrückt!

Die Zeit, die es braucht, bis sie aufhören, mich als Vertreter des Überflüssigen zu betrachten, und mich als Minister für das Gleichgewicht der Seelen, als Bürgermeister des Herzschlags, als Direktor des Atmens, als Hüter des Sauerstoffs an den Verhandlungstisch für das Wesentliche einladen.

– vorgetragen am 11. Juni 2025, auf der DT Bühne