Von der vorbereitenden Recherche bis auf die DT Bühne Ein Gespräch zwischen den Hospitantinnen der Produktion Automatenbüfett
Rivka: Ich bin Rivka Seifarth, 23 und Regie-Hospitantin. Außerhalb der Produktion studiere ich Europäische Ethnologie und deutsche Literatur und bewerbe mich zusätzlich für Theaterregie. Im Kern begeistert mich an der Theaterarbeit, Geschichten zu erzählen von Menschen und über Menschen. Und spezifisch an dieser Produktion finde ich eben interessant, dass es diese Kleinstadt ist, wo ganz viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Dringlichkeiten zusammenkommen, die alle miteinander verhandelt werden müssen.
Tamara: Ich bin Tamara Kosmala, auch 23 und mache eine Dramaturgie-Hospitanz. Außerhalb der Hospitanz studiere ich Angewandte Literaturwissenschaft hier in Berlin. Darüber hat sich für mich auch die Gelegenheit ergeben, für eine Produktion am DT zu hospitieren. Mich interessiert die vorbereitende Arbeit am Text sehr und ich finde es immer wieder spannend, wie unterschiedlich eine Geschichte auf der Bühne erzählt werden kann. An unserem Stück finde ich auch besonders, dass es die große Welt im Kleinen erzählt, wobei die verschiedenen Figuren mit ihren ganz unterschiedlichen Nöten zusammenkommen.
Mattea: Hallo, ich bin Mattea Müther. Ich bin auch 23 und habe gerade meinen Bachelor in Architektur abgeschlossen. Jetzt bewerbe ich mich auf den Master, wollte mich aber auch ein bisschen umorientieren und mache deshalb hier Bühnenbild-Hospitanz. Ich finde es vor allem spannend, wie die Räume, die man gestaltet, die Geschichten miterzählen können beziehungsweise als Rahmen für die Geschichte dienen und spezifisch bei unserem Stück auch, dass das Bühnenbild sehr abstrakt ist und sich stetig verändert. Ich freue mich sehr darauf zu sehen, wie die Schauspieler*innen das Bühnenbild und diese abstrakten Objekte annehmen.
Tamara: Möchtest du erstmal erzählen, wie das Bühnenbild gerade aussieht und was die Idee dahinter ist?
Mattea: Also das Main-Thema ist ein Karussell, was auf der Bühne steht. Und es kommen immer mehr Objekte im Laufe des Stücks dazu, die alle zweckentfremdet sind, wie zum Beispiel Stühle, die eigentlich aus Körben gemacht sind oder aus einer alten Wärmelampe. Die Idee war auch, dass alle Objekte eine interessante mechanische Funktion und Bewegung haben sollen. Dafür sind wir viel durch den Fundus gelaufen und haben überlegt, was man gut nutzen kann. Alle diese Objekte zusammen ergeben unser Automatenbüffet, aber sehr abstrakt gedacht – das heißt, die Getränke und das Essen kommen beispielsweise vom Plafond des Karussells heruntergeflogen anstatt aus dem Automaten raus.
Tamara: Das ist natürlich auch eine Herausforderung für die Abläufe auf der Bühne. Was gab es denn aus der Perspektive der Regie für Herausforderungen?
Rivka: Aus der Regieperspektive ist es erstmal eine Herausforderung, dass es ein verhältnismäßig großes Ensemble ist, weil man diese Kleinstadt ja mit ihren ganz unterschiedlichen Menschen darstellen möchte. Das führt manchmal zu sehr wuseligen Proben, aber bietet natürlich auch viel Potential für Dialog und Miteinander, auch im Umgang mit dem abstrakten Bühnenbild. Weil das Stück fast 100 Jahre alt ist, muss man natürlich erforschen, wie naturalistisch man es spielt, wie viel man vom Inhalt des Stückes übernimmt beziehungsweise auf welche Punkte und auf welche Figuren man den Fokus legt und was das im Nachhinein über die einzelnen Figuren und über das Miteinander erzählt.
„Natürlich hat man durch die historische Distanz auch einen anderen, vielleicht nochmal differenzierteren Blick auf die Figuren, bei dem man sich dann andererseits aber auch fragen muss, inwieweit man in die Originalhandlungen oder -texte eingreifen möchte” – Tamara Kosmala, Dramaturgiehospitantin
Tamara: Ich glaube, dass das auch aus dramaturgischer Sicht eine Herausforderung ist: Zu entscheiden, wie sehr man ins Heute überträgt, wie sehr man aber auch in dieser spannenden Zeitlichkeit bleibt, dass es eben beispielsweise das Phänomen des Automatenbüffets gibt, was man heute exakt so gar nicht mehr kennt. Natürlich hat man durch die historische Distanz auch einen anderen, vielleicht nochmal differenzierteren Blick auf die Figuren, bei dem man sich dann andererseits aber auch fragen muss, inwieweit man in die Originalhandlungen oder -texte eingreifen möchte, in welchen Fällen man es dadurch vielleicht harmloser machen würde und in welchen Fällen es aber auch sinnvoll ist, gewisse Dinge auszusparen, um nicht Gewalt oder Gewalt in Sprache zu reproduzieren, die man dann im Kontext des Stückes gar nicht ausreichend thematisieren kann. Dabei muss man vielleicht auch gerade bei einem Stück wie Automatenbüfett, das so spät wiederentdeckt wurde, bedenken, dass die meisten Zuschauer:innen weder die Autorin noch den Entstehungskontext des Stückes kennen.
Inwiefern ist der Umstand, dass das Stück bereits 1932 geschrieben wurde, denn relevant für das Bühnenbild?
Mattea: Ich war bei dem Entstehungsprozess für das Bühnenbild nicht von Anfang an dabei, aber ich würde sagen dadurch, dass Automatenbüffets in unserer jetzigen Gesellschaft nicht mehr so bekannt sind, ist es gar nicht nötig, ein naturalistisches Automatenbüffet auf die Bühne zu stellen, weil ein Publikum sich da sowieso nicht drin wiederfindet. Ich denke, weil es da ohnehin einer Übertragung bedarf, ist diese Abstraktion entstanden. Dabei werden die Prozesse, die in einem Automatenbüffet stattfinden, ja auch auf unserer Bühne gezeigt und ob das Essen oder die Getränke aus einem Automaten rauskommen oder in Körben runterkommen, macht für die Geschichte dieser Kleinstadt erstmal keinen Unterschied. Es geht eher darum, diese komische technische Neuerung darzustellen, die Automatenbüfetts damals für die Leute waren und weil uns heute ein Automat nicht mehr so überraschen würde, aber so ein Karussell, das Essen bringt, schon sehr, braucht es diese Übertragung ins Absurde, sodass das Publikum auf etwas Neues, Unerwartetes blickt.
Rivka: Ich fand es im Entstehungsprozess auch aus der Regieperspektive interessant zu bemerken, was sozusagen veraltet ist oder wo man den Fokus nicht mehr so sehr darauf legen muss, was sich aber auch kaum verändert hat beziehungsweise was man eins zu eins auf die heutige Zeit übertragen kann. Mich interessiert da besonders die Figur der Eva und wie man die Geschichte der jungen Frau, die diese Kleinstadt auf den Kopf stellt, erzählt. Bei der Originalfassung hat man hier und da schon noch das Gefühl, dass die vor allem älteren Herren eine andere Blickweise auf sie haben, als man sich vielleicht wünschen würde und das war eines der Dinge, wo ich für mich gemerkt habe, dass sich in diesem Bereich bis heute noch nicht so viel getan hat. Das hat in den Probenprozessen für ein größtenteils weibliches Team hinter der Bühne auch für viele Gespräche darüber gesorgt, wie man damit umgeht, also wie man diese junge Frau umgeben primär von älteren Männern und einer einzigen etwas älteren Frau erzählt und wie auch die Solidarität zwischen den beiden Frauen sich über das Stück hinweg entwickelt. Ich nehme es auch so wahr, dass die zwei Frauenfiguren meistens allein für sich innerhalb dieser Kleinstadt sind, während die Männer eben durch den Zusammenschluss im Verein gestärkt miteinander als Gruppe unterwegs sind.
Mattea: Es ist schon auch schlimm zu realisieren, wie aktuell viele Themen noch sind, die Gmeyner damals angesprochen hat und die jetzt, so viele Jahre später, immer noch genauso ein Problem sind. Dabei ist nicht nur sehr spannend zu sehen, wie man damit umgeht, sondern auch als Zuschauer:in zu wissen, dass es eben ein altes Stück ist, welches aber in Bezug auf viele Konflikte noch genauso relevant ist wie damals.
Tamara: Ich finde auch, dass das Gespräch darüber, wie die zwei Frauenfiguren zueinanderstehen, eigentlich eins von den interessantesten Gesprächen ist, das in unseren Proben entstanden ist. Gerade im Vergleich zu anderen Aspekten des Stücks, an denen man sehr deutlich merkt, dass es auf jeden Fall eine Frau geschrieben hat, die sich auch viel dabei gedacht hat, sieht man an dem Verhältnis der beiden Frauenfiguren zueinander, dass die Relevanz von weiblicher Solidarität im Originalstück noch nicht direkt Thema war und der Blick auf diese unfreiwillige Konkurrenz zwischen den beiden Frauenfiguren auch nicht immer ein liebevoller ist. Ich glaube, dass der aber in dem Bewusstsein, dass es sich um ein systematisches Problem handelt, durchaus erzählt werden kann, woran wir in den Proben ja gerade auch arbeiten.
Rivka: In der Spielsituation der beiden Frauenfiguren mit all diesen Männern drumherum bietet sich natürlich auch genau die Chance dafür, nicht nur diesen Konkurrenzgedanken abzubilden.
Mattea: Das ist ja auch etwas Schönes, das sich sehr entwickelt hat, dass man mittlerweile, zumindest aus meiner Sicht, Solidarität unter Frauen sehr großschreibt und lebt. Wir haben es ja auch inhaltlich mit Themen wie häuslicher Gewalt und Misogynie zu tun, was sich vor allem durch die Kommentare von den Männern im Stück äußert. Eine große Herausforderung ist es dabei auch, dem Publikum nicht zu suggerieren, dass man solche Kommentare ruhig sagen kann, weil es ja viel auch lustig und eine Komödie ist, sondern es zu schaffen, dass man dem Publikum zeigt, dass es so nicht geht, anstatt zu reproduzieren.
„Der Prozess von der Leseprobe zur Premiere ist immer besonders: Wie sich Stück für Stück Themen herauskristallisieren und wie alle zusammenkommen, mit dem Bühnenbild, die Schauspieler*innen, die Gewerke und die Geschichte.” – Rivka Seifarth, Regiehospitantin
Tamara: Glaubt ihr, das Bühnenbild in seiner Absurdität hilft dabei, das auch so auszustellen?
Mattea: Wenn man nach bestimmten Szenen mit seinen Emotionen dasitzt und eigentlich darüber nachdenkt, wie schlimm das gerade war und dann dreht sich auf der Bühne plötzlich wieder das Karussell und die bunten Lichter gehen an, dann hat das schon etwas Albtraummäßiges. Das zeigt vielleicht gerade den Personen, die das sonst nicht unbedingt wahrnehmen oder den Ernst von manchen Situationen nicht so ganz verstehen würden, dadurch, dass es einem so ein unangenehmes Gefühl gibt, was da passiert. Auf der anderen Seite bedeutet unser Bühnenbild natürlich auch eine große Herausforderung, verschiedene Ebenen beziehungsweise Räume zu schaffen, sodass gleichermaßen diese großen Szenen wie das Fest am Ende wirken können, bei dem alle auf der Bühne sind, ganz viel passiert, es laut ist und das bunte Karussell sich dreht, dann aber genauso auch die Intimität herstellen zu können für solche Szenen, in denen zum Beispiel zwei Leute im Bett liegen und den Fokus brauchen, ohne dass das Karussell dahinter komplett ablenkt oder verdeckt werden muss.
Rivka: Das ist natürlich auch eine Herausforderung für die Regie insofern, dass es ganz unterschiedliche Ebenen gibt, die bespielt werden müssen und dass es intime Szenen gibt, die halt ganz klein und reduziert sind, die aber genauso in diesem großen Bühnenbild und in diesem wuseligen Gemenge der Kneipensituation stattfinden.
Tamara: Gab es im Vorbereitungsprozess für euch besondere Momente oder Erfolgserlebnisse? Mir fällt da zum Beispiel ein erster Moment noch vor Probenbeginn ein, als
die Familie von Anna Gemeyner sich auf mein Anschreiben zurückgemeldet und nicht nur die handgeschriebenen Gedichte der Autorin für unsere Vorbereitungen zur Verfügung gestellt hat, sondern auch so begeistert war, dass sie sich schließlich entschieden haben, zur Premiere nach Berlin zu kommen.
Mattea: Für mich war vor allem der Moment beeindruckend, das erste Mal das Karussell auf der Bühne dastehen zu sehen, nachdem man die ganze Zeit Pläne davon und Skizzen von den Objekten vor sich hatte. Jetzt, wo wir auf der Bühne proben und immer mehr die realen Objekte und nicht mehr nur die Dummy-Requisiten für die Proben haben, versteht man auch nochmal viel besser, wie das Bühnenbild als Automatenbüfett genutzt werden kann.
Rivka: Für mich gab es in der Entstehung nicht einen großen, besonderen Moment. Der Prozess von der Leseprobe zur Premiere ist immer besonders: Wie sich Stück für Stück Themen herauskristallisieren und wie alle zusammenkommen, mit dem Bühnenbild, die Schauspieler*innen, die Gewerke und die Geschichte.
Das Gespräch führte Tamara Kosmala mit Rivka Seifarth und Mattea Müther.