Der Mensch als Zahlenlawine von Lilly Busch

Stanisław Lem gilt als einer der wichtigsten Science-Fiction- Autoren des 20. Jahrhunderts. In seinem umfangreichen und kreativ überbordenden Werk hat er zahlreiche technologische Entwicklungen der Zukunft prognostiziert und sie vor ihrem tatsächlichen Entstehen kritisch durchgespielt – von Robotik über das Internet bis zur Raumfahrt. Dies brachte ihm, angelehnt an die griechische Weissagerin, den Spitznamen „Kassandra aus  Krakau“ ein. Romane wie Solaris oder Der Futurologische Kongress wurden zu Klassikern der fantastischen Literatur. Nun entdeckt die Regisseurin Anita Vulesica einen bisher weniger beleuchteten Text von Lem für die Bühne. 

Nach ihrer Faszination für den Autor gefragt, hält Vulesica fest: „Lem ist für mich ein langjähriger Begleiter und ein absolut aktueller Autor. Ich finde, Science-Fiction ist immer eine Untersuchung, wer wir eigentlich sind, wo wir herkommen und wo wir hin könnten. Sie zeigt den Menschen in seiner Suche nach Halt und Antworten.“ Obwohl zahlreiche seiner Werke in außerirdischen Welten spielen, bezeichnete Lem sich selbst ungern als ScienceFiction-Autor, sondern verstand sich eher als Technikphilosoph oder als Futorologe. Literatur war für ihn ein Weg, die Beziehung von Wissenschaft, Technik und Gesellschaft zu erforschen und sich dabei die großen Menschheitsfragen zu stellen.

Der Text, den sich Anita Vulesica am DT vorknöpft, heißt Eine Minute der Menschheit und ist kein ScienceFiction-Roman, sondern ein Essay, beziehungsweise: eine fiktive Buchrezension. Es ist ein Buch über ein Buch, das versucht festzuhalten, was in einer Minute der Menschheit passiert. Darin werden Statistiken über Tod, Fortpflanzung, Überbevölkerung und Ressourcenknappheit diskutiert, aber auch die pro Minute produzierte Kunst, entrichtete Kirchensteuer oder von Menschen verspeisten Tiere. Es lässt sich zusammenfassen als Versuch, dem Menschsein als Solches auf die Schliche zu kommen. Erschwert wird das durch das Wesen der Zeit selbst, denn im Moment ihres Porträts läuft die Zeit weiter, verliert die gerade erhobene Statistik schon ihre Aktualität. Anita Vulesica: „Mich reizt an dem Gedankenspiel, dass es per se zum Scheitern verurteilt ist. Nicht nur, weil in der Schwebe bleibt, ob es das Buch wirklich gibt, sondern weil es irrwitzig ist, sich überhaupt die Denkaufgabe zu stellen, alles, was die Menschheit in einer Minute so treibt, zu erfassen.”

Eine Minute der Menschheit berührt im Grunde die Frage nach dem Gelingen des menschlichen Zusammenlebens: Wie kann der Mensch es schaffen, im Bewusstsein dafür zu leben, dass wir nicht alleine sind, dass wir uns die Erde teilen? Die Tragikomik, die in dem Versuch steckt, eine vergehende Minute im Leben der ganzen Menschheit rational, aber auch sinnlich nachzuvollziehen, ist für die Komödienspezialistin Vulesica essenziell: „Absurde Grundsituationen, das verzweifelte Ringen um Antworten darauf, wie mit dem Leben umzugehen ist, sind Zutaten, die ich für mein Theatermachen brauche und die ich bei Lem finde. Das Buch tippt Fragen an, mit denen sich unsere Zivilisation herumplagt: Wie teilen wir uns die Erde auf und wer profitiert am meisten davon? Gleichzeitig ist es auch ein Versuch, Empathie zu schulen.“

Lem hat als 1921 in Polen geborener Jude viele Katastrophen des 20. Jahrhunderts miterlebt, die sich in seinem Schaffen niederschlagen. Seine literarischen Weltentwürfe gehen stets vom Leben als ungeheurem Zufall und permanentem Balanceakt zwischen Katastrophen aus. Die Regisseurin meint: „Lem begegnet den Traumata seiner Lebenszeit mit einer expandierenden Fantasie, und darin liegt auch ein Trost. Ich spüre bei Lem eine Notwendigkeit, über den Menschen nachzudenken und neue Formen dafür zu suchen. Damit kann ich mich verbinden und von da aus möchte ich starten. Die Prägung eines Lebenswegs durch Brüche und Verzweiflungen ist ein guter Grundstein, um Theater zu machen, was nicht bedeutet, dass es schwere Kost werden muss oder nicht unterhaltsam sein darf.”

Für das gemeinsame Erleben von Schmerz und Trost ist das Theater als Ort prädestiniert, findet Anita Vulesica: „Theater ist für mich ein Hoffnungsort, weil Menschen da reingehen, um anderen Menschen zuzusehen, die sich verausgaben füreinander, die sich gegenseitig Zeit schenken.”