Verstehen? Nicht verstehen!
Autorin Nele Stuhler und Regisseur FX Mayr über ihr Projekt Leichter Gesang und die Frage, wie ein Stücktext neue Begegnung ermöglichen kann und was es mit dem Nicht-Verstehen auf sich hat.
Leichter Gesang ist aus einem vielschichtigen, gemeinsamen Prozess entstanden. Wie habt ihr diese Annäherung erlebt, deren Zwischenstand bei der Langen Nacht der Autor:innen 2024 erstmals zu sehen war?
NELE STUHLER Am Anfang stand der Wunsch, im Rahmen eines Ateliers, also im Kontakt mit Spielenden, einen Text für ein inklusives Ensemble zu schreiben, genauer gesagt: für eine Gruppe, die sich aus Spieler:innen des RambaZamba Theaters und des Deutschen Theaters zusammensetzt. Viel mehr wussten wir zu Beginn nicht. Wir haben uns also immer wieder getroffen, auch um herauszufinden: Sind wir überhaupt die Richtigen für diese Zusammenarbeit? Deshalb war der erste Schritt, sich in unterschiedlichen Konstellationen der beiden Ensembles kennenzulernen, was hieß: Zusammen zu sein, zu tanzen und eben gemeinsam Texte zu lesen. Ich habe dafür verschiedene ältere Texte von mir mitgebracht, um zu schauen, bei welchen Arten von Text und auch bei welchen Themen etwas passiert, in dieser spezifischen Konstellation. Und es gab Texte, die ich einfach noch nie so toll gehört habe, wie auf diesen Proben. Ich hatte das Gefühl, da geht etwas auf zwischen dem Text und wie sich die Spielenden darauf einlassen.
Textarbeit
Ich weiß zwar immer noch nicht, ob es richtig ist, dass ich den Text für dieses Ensemble bzw. diese Konstellation schreibe, aber ich weiß, dass es für mein Schreiben unglaublich großartig war und ist, mit diesem Ensemble zu arbeiten. Dann war die Frage: Wie lässt sich diese besondere Qualität, die hier für mich bzw. für uns entsteht, in einen neuen Text übersetzen? Was für einen Text braucht es, um dieser Begegnung gerecht zu werden? Ich habe dann also immer wieder Material mitgebracht, das wir gemeinsam gelesen haben, um herauszuhören, wo zwischen Ensemble und Text etwas passiert und wo nicht. So haben wir uns Schritt für Schritt einem Text für die Lange Nacht der Autor:innen angenähert, der für uns aber immer ein Zwischenstand war.
Für alle Beteiligten war es eine wertvolle Erfahrung, zu spüren: Ich kann das. Ich kann mit meiner künstlerischen Arbeit auf andere treffen und dabei entsteht etwas, das uns gegenseitig bereichert. Wenn es gelingt, unterschiedliche künstlerische Sprachen und Arbeitsweisen in Beziehung zueinander zu setzen, entsteht oft genau das: ein wechselseitiger Zugewinn. – FX Mayr
FX MAYR Gemeinsam mit Nele habe ich begonnen, die beiden Ensembles in ihrem Zusammenspiel kennenzulernen. Das klingt vielleicht zunächst banal: „Die Leute kennenlernen“. Tatsächlich arbeiten an beiden Theatern Künstler:innen, die jeweils ganz eigene künstlerische Sprachen und Ausdrucksformen entwickelt haben. Diese lassen sich nicht einfach nebeneinanderstellen, denn ihre Arbeitsweisen unterscheiden sich zum Teil grundlegend. Gerade deshalb kommen alle Beteiligten nicht darum herum, sich auf die künstlerischen Sprachen der anderen einzulassen; auf das Gegenüber, auf die Gruppe. Das erfordert eine hohe Kompetenz: zuzuhören, wahrzunehmen, zu reagieren. Der künstlerische Prozess entsteht parallel. Diese doppelte Herausforderung hat, glaube ich, alle auf eine sehr produktive Weise gefordert. Und diese Art der Anforderung hat, vielleicht gerade, weil sie so anspruchsvoll war, alle auf eine bestimmte Weise erfüllt – ja, sogar glücklich gemacht – und auf eine tiefe, nachhaltige Weise miteinander verbunden. Für alle Beteiligten war es eine wertvolle Erfahrung, zu spüren: Ich kann das. Ich kann mit meiner künstlerischen Arbeit auf andere treffen und dabei entsteht etwas, das uns gegenseitig bereichert.
Schön ist, dass man ganz im Moment zusammen tätig ist.
Wenn es gelingt, unterschiedliche künstlerische Sprachen und Arbeitsweisen in Beziehung zueinander zu setzen, entsteht oft genau das: ein wechselseitiger Zugewinn. Diese Qualität war schon im ersten Kennenlernen spürbar. Für gewöhnlich läuft Kennenlernen nach dem Prinzip: Wir erzählen, was wir vorhaben, und dann legen wir los. Aber in Wahrheit braucht dieser Prozess Zeit. Eine Zeit, die sich nicht abkürzen lässt. Es braucht zudem eine gewisse Gelassenheit. Nicht unbedingt eine, die man schon mitbringt, sondern eine, die man zulassen, finden und der man vertrauen muss. Erst dann kann echtes Kennenlernen überhaupt stattfinden. Wenn so unterschiedliche Künstler:innen aufeinandertreffen, löst sich dieser klassische Ablauf ein Stück weit auf. Man kann gar nicht mehr so sehr ans fertige Ergebnis denken, sondern muss sich von Moment zu Moment hangeln und überlegen, wie man den nächsten Schritt gemeinsam gestalten kann. Schön ist, dass man ganz im Moment zusammen tätig ist.
Könnt ihr beschreiben, was ihr in dieser Begegnung entdeckt habt, sowohl textlich als auch szenisch.
NELE Ich glaube, das hat auch mit einer gewissen Momenthaftigkeit zu tun. Was auch eine Frage im Schreiben war: Was für einen Text braucht es, damit sich Künstler:innen auf der Bühne begegnen können, ohne dass sie – zum Beispiel durch eine Figurenlogik – in einem hierarchischen Verhältnis zueinander stehen? Wobei man sagen muss: In inklusiven Theater-Kontexten sind viele Fragen – etwa zur Darstellung, Rollenverteilung oder Zugänglichkeit – schon viel mehr weitergedacht als im klassischen Stadttheater. Hier wird etwas deutlich, was eigentlich jedem Theaterprozess inhärent ist. Kein Ensemble ist homogen. Jeder Theaterprozess handelt von Begegnung, Andersartigkeiten treffen aufeinander. Ich habe mich dann über diese Frage mit Leichter Sprache beschäftigt, weil sie in ihrer Einfachheit zugleich Zugänglichkeit ermöglicht und Fremdheit erzeugt. Auch ihre versartige Struktur besitzt für mich großes poetisches Potential. Ich wollte aber keinen Text in Leichter Sprache verfassen – ich kann es auch einfach nicht – sondern bestimmte Prinzipien nutzen, zum Beispiel die Nutzung von Hauptsätzen oder das schwierige Worte erklärt werden müssen. Und es stellt sich die Frage: Wo fängt man da an?
Aufeinander zugehen
Wenn man das ernst nimmt, wird das Klären und Erklären fast eine Grundhaltung, bei der sich aber nie etwas klärt, weil jedes Erklären wieder Neues bringt, was geklärt werden muss. Das deckt sich eigentlich auch mit meiner Welterfahrung. So suche ich eine zugleich einfache und komplizierte Sprache, eine Sprache, die für alle Beteiligten eine Fremdheit besitzt und somit niemand weiß, wie es geht, wie dieser Text gesprochen und gespielt werden muss. Auch ich weiß das nicht. Deshalb müssen alle auf den Text zugehen, weil er im Lesen vielleicht erstmal befremdlich wirkt, der aber im Sprechen bzw. Singen (hoffentlich) Sinn ergibt, über die Praxis, das gemeinsame Einschwingen. Komplizierte Sprache, aber Leichter Gesang.
FX Dieses Zusammensein, das Aufeinander-Zugehen, die entstehende Gemeinschaft, das passiert auf eine besondere Weise, weil sich der Text selbst als Teil dieser Gemeinschaft versteht. Wir sind keine Gruppe, die ein fertiges Stück in einem Umschlag bekommt, sich sechs Wochen zurückzieht und es dann präsentiert. Es ist etwas anderes. Nele, die einen wesentlichen Teil des Abends verantwortet, stellt das Material her, das die ganze Zeit mitschwingt: in der Luft, in den Ohren, in den Körpern. Sie ist präsent, ansprechbar, spürt den Prozess mit. Und auch die, die am Material arbeiten, tun das oft im selben Raum. Das Ensemble erlebt: Der Text ist zwar geschrieben, aber er bleibt lebendig. Er entsteht weiter im Jetzt. So entsteht etwas Demokratisches. Der Text ist flexibel, der Raum ist flexibel, die Körper, die Stimmen, alles bleibt in Bewegung. Niemand sagt: „So steht es hier, so muss es gemacht werden.“ Diese starre Autorität gibt es nicht. Stattdessen entsteht eine Atmosphäre, in der alle gefordert sind. Das macht etwas mit der Stimmung, mit der Offenheit, mit den Herzen. Und ehrlich gesagt: Das sind seit einigen Jahren Werkzeuge, ohne die ich gar nicht mehr arbeiten will.
Ich empfinde jedoch oft genau dann Genuss im Theater, wenn ich etwas nicht sofort verstehe. Nicht verstehen muss. – Nele Stuhler
Gerade im Umgang mit Leichter Sprache, die auf Zugänglichkeit zielt, entsteht bei euch etwas sinnlich Erfahrbares. Würdet ihr sagen, dass genau darin das Besondere liegt, dass dieser Text nur in dieser konkreten Konstellation aus Körpern, Stimmen und Begegnungen funktioniert?
FX Mich fasziniert, das aus verschiedenen Perspektiven und Macharten zu betrachten. Sobald man tiefer einsteigt, landet man sofort bei größeren Fragen: über Sehgewohnheiten, über Körper auf der Bühne, über Repräsentation. Und ja, bestimmte Körper erzeugen bestimmte Lesarten. Das wäre spannend, genauer zu untersuchen. Aber gleichzeitig denke ich: So what? Es sind eben immer bestimmte Körper auf der Bühne. Künstler:innen, die gemeinsam etwas bearbeiten. Meine künstlerische Arbeit basiert ohnehin oft auf Irrtümern und meistens bin ich selbst ihr Ausgangspunkt. Insofern: Ich arbeite mit Vermutungen, nicht mit Gewissheiten.
NELE Ja, wir beschreiben hier immer den „besonderen” Prozess, aber jeder Prozess ist „besonders“. Und toll wäre, wenn man sich dafür immer diese Zeit nehmen könnte. Ich erlebe zum Beispiel sonst sehr oft – in Proben oder auch nach Vorstellungen – dass das Nicht-Verstehen als Problem wahrgenommen wird, wenn jemand herausgeht und sagt: Ich hab’s nicht verstanden. Und oft hängt das mit Scham zusammen, die vermeintlichen Anforderungen etwas zu erfüllen, um überhaupt ins Theater gehen zu dürfen. Leichter Gesang ist im Idealfall ohne jedes Vorwissen „verständlich”.
Was bedeutet Verstehen überhaupt?
Wenn jemand sagt: Ich habe es nicht verstanden, meint er glaube ich oft: Es spricht nicht zu mir. Was ein emotionales Verstehen ist. Oder umgekehrt: ich glaube, etwas verstanden zu haben, weil ich die Selbstsicherheit habe, die Zeichen deuten zu können und zu dürfen. Ich empfinde jedoch oft genau dann Genuss im Theater, wenn ich etwas nicht sofort verstehe. Nicht verstehen muss. Das liegt aber auch daran, dass ich Theater studiert habe, schon lange ins Theater gehe und keine Angst vor dem Nicht-Verstehen habe. Für viele andere jedoch ist das Nichtverstehen im Theater ein großer Stressfaktor. Im Idealfall ist Leichter Gesang ein Abend, an dem das Nicht-Verstehen nicht als Stress empfunden wird, weil das Verstehen sich auf eine andere Ebene verschiebt, vielleicht ein emotionales Verstehen, über eine Freude am Spiel.
Meine künstlerische Arbeit basiert ohnehin oft auf Irrtümern und meistens bin ich selbst ihr Ausgangspunkt. Insofern: Ich arbeite mit Vermutungen, nicht mit Gewissheiten. – FX Mayr
Wie geht es jetzt weiter?
FX Es wird etwas Neues kommen. Und das ist vielleicht auch ein Vorteil des Textes. Er gibt nicht vor, für bestimmte Personen mit einem bestimmten Altersverhältnis geschrieben zu sein. Ich habe das Gefühl, ich kann loslassen, dass ein Körper etwas repräsentieren muss.
NELE Was mich jetzt vor Probenbeginn besonders freut ist, dass der Raum diesmal viel konkreter wird und der Text stark vom Raum ausgeht und von den Objekten in ihm. Es geht um Wände, Türen, Stühle, Tische; um Dinge, die den Raum strukturieren und damit unser Leben. Diese alltäglichen Strukturen, die wir oft übersehen, prägen unser Miteinander. Ich bin sehr gespannt, was die Konkretheit mit dem Text macht – und freue mich in den Proben besonders darauf.
Das Gespräch führte Christopher-Fares Köhler.