Kettenreaktionen von Christopher-Fares Köhler
 

Stellen Sie sich vor: Sie entdecken eine Formel, nicht irgendeine, sondern jene, von der das Überleben der Menschheit abhängt. Was würden Sie tun? Sich verstecken, in der Hoffnung, das Schicksal möge unbemerkt vorüberziehen? Ihre Erkenntnis der Welt mitteilen; trotz aller Konsequenzen? Oder würden Sie sich vielleicht freiwillig in eine psychiatrische Klinik einweisen und behaupten, König Salomo sei Ihnen erschienen, um zu verhindern, dass Ihre Entdeckung – die sogenannte „Weltformel“ – in die falschen Hände gerät? Denn eines steht fest: In den Händen der Falschen könnte diese Formel nichts Geringeres bedeuten als den Untergang der Menschheit.

In Die Physiker treibt Friedrich Dürrenmatt dieses moralische Dilemma in die Groteske. Möbius, der eine Entdeckung gemacht hat, die alles verändern könnte, entscheidet sich für den Wahnsinn, oder zumindest für dessen Inszenierung. Dürrenmatt schrieb das Stück 1961, im Schatten des Kalten Krieges und der atomaren Bedrohung. Doch Die Physiker bleibt bis heute erschreckend aktuell. Die „Weltformel“ bleibt bewusst vage, ein Symbol für jede wissenschaftliche Erkenntnis, deren Tragweite nicht mehr kontrollierbar ist.

In einer Gegenwart, in der Wissen Macht bedeutet – und Macht selten moralisch ist – stellt das Stück eine bis heute offene Frage: Wer trägt Verantwortung für das, was denkbar ist? Die Wissenschaft? Die Politik? Oder leben wir längst in einer Welt, in der Technik und künstliche Intelligenz ethische Entscheidungen treffen, oder sie uns abnehmen?

Friedrich Dürrenmatt, 1921 in der Schweiz geboren, rebellierte früh gegen Religion, Autorität und Schule. Schon in der Kindheit entdeckte er seine Leidenschaft für Astronomie, ein Motiv, das sich durch sein literarisches Werk zieht. Mit Stücken wie Romulus der Große, Der Besuch der alten Dame und Die Physiker wurde er zu einem der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts. Seine Werke sind geprägt von dunklem Humor, philosophischer Tiefe und einem unerschütterlichen Misstrauen gegenüber Machtstrukturen.

Bastian Kraft, der am DT unter anderem schon Der Besuch der alten Dame, Max Frischs Biografie: Ein Spiel und George Bernard Shaws Pygmalion inszenierte, widmet sich in der Spielzeit 2025/26 erneut einem Dürrenmatt-Klassiker. Mit feinem Gespür für das Tragikomische und einem präzisen Blick auf die Abgründe unter der Oberfläche. Die Handlung der Tragikomödie entfaltet sich mit grotesken Wendungen und der Sogkraft eines Kriminalstücks. Dabei verdichtet sich zunehmend eine zentrale Frage: Ist eine Katastrophe noch aufzuhalten, wenn sie erst einmal als Möglichkeit in den Raum gestellt wurde? Die dramatische Struktur folgt dabei dem Prinzip einer Kettenreaktion; wie bei Dominosteinen genügt ein einziger Anstoß, um eine unaufhaltsame Bewegung auszulösen. Jede Szene wirkt wie ein Glied in dieser Abfolge, ein Schritt näher an den unausweichlichen Abgrund. Die wiederkehrende Referenz zur Atombombe unterstreicht diesen Gedanken: technisch wie moralisch. Und so wird Dürrenmatts Stück selbst zur dramatischen Kettenreaktion, in der das Unvermeidliche unaufhaltsam Form annimmt.