Lieben, Hungern, Betteln von Karla Mäder
Clementine Adam ist eine geschäftstüchtige Frau. Mit einem kleinen Erbe hat sie ein Wunder der modernsten Technologie im Gastgewerbe geschaffen: ein Automatenbüfett. Hier fallen wie von Zauberhand auf Knopfdruck belegte Brötchen in den Ausgabeschacht, zapft sich das Bier ganz von allein, eine Jukebox und ein Billardtisch sorgen für Unterhaltung, und durch das Radio kommen die neuesten Nachrichten.
Doch Glück im Geschäft heißt Pech in der Liebe: Frau Adams Ehe ist etwas erkaltet, und ihr Mann ist auch weniger zupackender Geschäftsmann als vielmehr intellektueller Träumer. Lieber hält er am Weidenteich die Angel ins Wasser und denkt über die Weltprobleme nach, als dass er im Büfett Brötchen schmieren hilft. Die eingefahrene Situation bekommt eine gewisse Dynamik, als Adam eines Tages eine Selbstmörderin aus dem Wasser zieht und mit nachhause bringt.
Die junge Eva, dieser tropfnasse Unglücksmensch, entpuppt sich als leuchtende Schönheit, die die Kundschaft anzieht und den Umsatz im Laden ordentlich steigert. Was Frau Adam als Geschäftsfrau große Freude und als Frau um die fünfzig einfach nur Kummer bereitet. Noch dazu, weil ihr Mann Eva strategisch einspannt, um Mitstreiter für seine neueste, weltumstürzende Idee zu gewinnen, die das Zeug haben könnte, die wirtschaftliche Entwicklung der Gemeinde zu fördern und ein Menschheitsproblem zu lösen.
Was wäre, wenn man in den Weidenteichen fett- und proteinreichen Zuchtkarpfen aussetzt und damit eine gesunde und preiswerte Ernährungsgrundlage für die hungernde Bevölkerung schafft? Die Träume werden immer größer: Auch eine Konservenfabrik und ein Schifffahrtskanal zur Ostsee scheinen in greifbare Nähe zu rücken. – Am Ende geht natürlich alles gründlich schief, Schuld ist wieder mal das fehlende Kapital, und nur die Liebe bleibt so kompliziert, wie sie immer schon war.
„Eine schräge Adam-und-Eva-Geschichte, eine Auseinandersetzung mit lokalem Wirtschaften in einer zunehmend von Kapitalinteressen getriebenen Welt, eine Stadtgemeinschaft in einer politischen Umbruchssituation: Anna Gmeyner verbindet im Automatenbüfett Themen ihrer Zeit.”
Das Automatenbüfett entstand 1932 und steht am Ende einer kurzen Entwicklungslinie, die 1923 mit Ernst Tollers Hinkemann begann und mit vielen kritischen, sogenannten „Zeitstücken” endet, bevor die Nazis wieder eine geregeltere Dramatik in männliche Formen meißelten.
Doch zuvor erlebte Berlin in den „Goldenen Zwanzigern” eine theatral reiche und bunte Zeit, in der auch viele Autorinnen produktiv waren. Es ist genau jene Zeit, in der Max Reinhardt in seinem Deutschen Theater ein poetisches Theater mit vielen Klassikerinszenierungen zur Blüte brachte und Erwin Piscator in der Volksbühne und später in eigenen Theatern eine dem Reinhardtschen Zauber- und Illusionstheater radikal entgegengesetzte Theaterästhetik entwickelte. Ein sogenanntes „Maschinentheater“, das die Bühnenmechanik bloßlegte und sozialkritische Stücke mit oft proletarischem Personal auf die Bühne brachte. Piscator war Mitglied der kommunistischen Partei und politische Einflussnahme durch das Theater war sein Anliegen.
Und in diesem Theaterkosmos förderte er auch eine junge Wienerin, die als großes Komödientalent und „Zufallsschülerin“ des (im Übrigen ein Jahr jüngeren) Ödön von Horváth galt: Anna Gmeyner.
„Spätestens 1933 trifft sie der „dreifache Fluch” als Frau, Jüdin und Sozialistin.”
Geboren 1900, war sie laut eigener Aussage seit ihrem 5. Lebensjahr davon besessen, eine erfolgreiche Autorin zu werden. Um ihre Ambitionen zu verwirklichen, macht sie sich auf nach Berlin. Piscator fördert sie und führt ihre Texte auf. Eine lobende Erwähnung bei der Verleihung des Kleistpreises (an eine andere Autorin) ist der vorläufige Höhepunkt ihrer Bekanntheit.
Spätestens 1933 trifft sie der „dreifache Fluch” als Frau, Jüdin und Sozialistin. Nach der Bücherverbrennung durch die Nazis flieht sie genau wie ihr Landsmann Max Reinhardt und viele andere ins Exil, wo sie allerdings bald ihre literarischen Ambitionen aufgibt. Sie kehrt nie mehr auf den Kontinent zurück und stirbt erst 1991 hochbetagt in einem Altersheim in England. Offenbar hat sie noch die zaghaften Wiederentdeckungsversuche ihrer Werke durch die westdeutsche feministische Forschung in den 80er Jahren mitbekommen.
Eine schräge Adam-und-Eva-Geschichte, eine Auseinandersetzung mit lokalem Wirtschaften in einer zunehmend von Kapitalinteressen getriebenen Welt, eine Stadtgemeinschaft in einer politischen Umbruchssituation: Anna Gmeyner verbindet im Automatenbüfett Themen ihrer Zeit, die 100 Jahre später wie ein fernes Echo in unsere Gegenwart herüberwehen.
Das Ergebnis ist eine dunkel grundierte Komödie mit liebenswerten Figuren und pointierten Dialogen, die hier und heute (wieder)entdeckt werden kann.