Märkisches Meer. Eine Umrundung. von Johann Otten
 

Geschichte besteht aus Geschichten. Individuelle Erfahrungen verdichten sich zu kollektiver Erinnerung, hinterlassen Spuren, werden überlagert, verwischt, verwoben, ergeben als Summe Vergangenheit, zusammen Geschichte – die eines Ortes, eines Landes, einer Nation oder Region.

Von fünfzehn Schicksalen erzählt Jenny Erpenbeck in Heimsuchung, verbunden über einen Zeitraum von über hundert Jahren durch ihre Beziehung zu einem ganz bestimmten Grundstück und Haus an einem märkischen See. Sie erzählt von der Sehnsucht nach Geborgenheit an einem Ort, der vielleicht Heimat wird. Und von der Gewalt, diese zu verlieren. Heimsuchung ist ein Roman, doch baut er auf recherchierten Lebensgeschichten und schließlich der Biografie der Autorin selbst auf – ihr eigenes Leben ist verbunden mit einem Haus am Scharmützelsee. Was ist das für ein Ort?

Genauer hinschauen

Wer im Herbst in Bad Saarow aus der Bahn steigt, mag einen Moment lang kaum glauben, auf einen Brandenburger Bahnsteig zu treten. Ein weißer Kollonadengang, das gestutzte Gras des Vorplatzes, die Touristeninformation: Ein historischer Kurort, der auch Wiesbaden oder Bad Kissingen heißen könnte, etwas kleiner vielleicht. Doch nur für einen Moment erkennt, wer genau hinschaut, die Splitterbrötchen in der Auslage des Bäckers und liest „Karl-Marx-Damm“ auf dem Straßenschild, weiß also, das hier kann nicht Hessen oder Bayern sein. Am Scharmützelsee, mit der Regionalbahn eine gute Stunde von Berlin entfernt, steht nicht nur eine bekannte Therme, hier befindet sich auch ein sehr besonderes Grundstück. Jenes, anhand dessen Jenny Erpenbeck von den Spuren zweier Kriege und vier politischer Systeme erzählt.

Wer im Herbst mit dem Fahrrad eine Runde um den See fährt, gelangt in eine Art Zwischenzeit. Zu spät ist es zum Baden, zu früh noch für die Thermalsaison. Am Steg schaukeln ein paar Mietboote, doch das Büro für die Ausleihe hat schon geschlossen. Vielleicht ein guter Moment für einen Besuch – wenn die Zeit nicht richtig greifbar scheint, umso genauer nach den Zeichen ihres Vergehens zu suchen.

Spuren der Vergangenheit

Eine Runde im Uhrzeigersinn, das bedeutet den Karl-Marx-Damm entlang, dort, wo neben den Plattenbauten Neubauten entstehen, die „Karl von Saarow” heißen, wo man sich laut der Immobilienagentur fühlt, wie in einem Urlaubsort am Wasser. Den Karl-Marx-Damm entlang, wo Plattenbauten stehen, weil auch hier 1938 ein Pogrom gegen jüdische Bewohner:innen stattfand und Häuser brannten. Ein Stolperstein erinnert, wer hier nicht bleiben durfte. Den Karl-Marx-Damm entlang, vorbei an einem Spielplatz unter Tannen mit geschnitzter Sandmännchenfigur und einer von Pittiplatsch aus Keramik, nebenan hängt von einem Bauzaun schlaff die Werbung für ein anderes Investment, unglücklicheres Projekt, das Haus lang schon ohne Fenster und mit noch länger verwucherndem Vorgarten.

Die Geschichte eines Hauses

Durch einen Wald hindurch weiter die Ostseite des Sees entlang und dann steht dort, neben bodenverglasten, rechtwinkligen Architektenvillen, ein Haus mit Reetdach. Eins, das keinem anderen gleicht, mit grau verputzten Wänden und buntverglasten, kleinen Fenstern. 1936 von einem Berliner Architekten errichtet, war es ab den 1950ern das Wohnhaus Hedda Zinners, Jenny Erpenbecks Großmutter, einer jüdischen Kommunistin und Schriftstellerin, die seit 1935 im Moskauer Exil lebte und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Berlin zurückkehrte. Als Kind verbrachte Jenny Erpenbeck viele Sommermonate hier, nach dem Ende der DDR erfährt ihre Familie von den Besitzansprüchen der bis dahin im Westen lebenden Nachkommen derer, denen das Haus vor der Gründung der DDR gehörte. Jene, die es wiederum 1939 von einer jüdischen Familie übernahmen, die es zur Finanzierung ihrer Flucht verkaufen mussten. Einer Flucht, die misslang und im Vernichtungslager Kulmhof endete. Nachdem das Grundstück zur Bundesrepublik Deutschland gehört, wird es in einem für die Erfahrung vieler DDR-Bürger:innen exemplarischen Prozess und nach langem Rechtsstreit an die Erben rückübertragen, über ein Jahrzehnt stand das Haus anschließend leer. Es ist ein realer Ort, von dem Erpenbeck erzählt.

Vom Gestern ins Heute

Mit dem Rad nun von der Ostseite zur Westseite: Hier heißt der Uferweg allerdings nicht Weg, sondern Straße und spürbar ist noch etwas von der Aufbruchsstimmung, mit der die großstadtmüde Avantgarde einst das Land um den See besiedelte. Wo 1914 ein Moorbad errichtet, 1927 eine Heilquelle aufgetan und der elf Kilometer lange See als ideal für den Segelsport befunden wurde, entstanden extravagante Gebäude wie die Villa Parolo in Form eines Fasses am Ufer, auch hier floh die jüdische Familie 1938 vor den Nazis. Ein paar Schritte durch den angrenzenden Fontanepark mit 16 Bonmots auf Metallstelen und bedeckt mit orangem Laub zur Eisdiele nebenan – hier ist die Saison jedoch auch schon vorüber. Nicht geschlossen aber ein Bücherschrank am Wegesrand, in dem sich passender nicht finden könnte: Ein Theatertext im Selbstverlag über Karl Marx im Himmel und eine Ausgabe von Stefan Heyms Ahasver. Heyms Roman über den ewigen Widerstand gegen Unterdrückung und das jüdische Schicksal. Hier zu verschenken – als ob die Verantwortung, sich mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen, auch besser den Besitzer wechseln sollte.

Das Märkische Meer, wo die Tage länger sind

Am Imbiss auf dem EDEKA-Parkplatz versammelt sich das hungrige Dorf. Eine Ärztin erzählt von ihrem Aufenthalt in einer Klinik in Boston, von der zuvorkommenden Art ihrer Kolleg:innen und dass man sich dort noch Zeit nehmen würde für die Behandlung. Es sei aber auch schön, wieder zurückzukommen. Ans märkische Meer, wo die Tage länger sind, wie es das Dorfmotto beschwört – in Diensdorf am Scharmützelsee.