Mit Wundern rechnen.
von Johann Otten
Die Welt könnte so einfach sein, würde sich doch niemand ins so gut geregelte, eigene Leben einmischen.
Wenn es bei Cheryl gut läuft, dann fühlt sich das an wie ein Fließen, ihre einstudierten Abläufe durchdachter Alltagsbewältigung und Selbstorganisation, fast so, als ob sie Hausangestellte hätte, dabei ist sie es doch selbst, die so zwanghaft für das reibungslose Gelingen ihres Lebens arbeitet. Und je besser es fließt, desto weniger fällt auch auf, dass dieses Leben eigentlich ganz schön einsam ist, so ohne Freundschaften, mit nur wenigen Arbeitsbeziehungen und vor allem ohne die Erfahrung, wie sie sich denn eigentlich wirklich anfühlt, die Liebe. Oder besser, in der Realität: Cheryl lebt in der Welt ihrer eigenen Fantasien, in der sie das Vorstandsmitglied der Firma begehrt, für die sie arbeitet (dort werden Selbstverteidigungsvideos für Frauen vertrieben). Philipp, ein alter Sack mit nur wenig Empathievermögen. Der wiederum seinerseits verliebt ist in eine viel zu junge Frau und für diese Liebe ausgerechnet bei Cheryl mit obszönen SMS um Erlaubnis fragt. Das ist aber deswegen kein großes Problem, da in Cheryls Fantasie Philipp und sie seit spätestens der Steinzeit schon ein Paar sind, so verbunden wie sich ihre beiden Leben anfühlen.
„Hinter jeder noch so bürgerlichen und gesitteten Oberfläche brodelt es...”
Da ist es verständlicherweise ein nahezu seismischer Schock, als plötzlich Clee bei ihr einzieht, eine Frau halb so jung wie sie, mit langen, blonden Haaren, stinkenden Füßen und einer, gelinde gesagt, recht unverstellten Art. Erst macht sie sich nur auf dem Sofa breit, wenig später stellt sie Cheryls gesamtes Leben in Frage: Ist es möglich, dass sie sich etwa in diese Frau verliebt hat?
Miranda July, geboren 1974, ist amerikanische Erfolgsautorin, aber auch Multimediakünstlerin, Regisseurin und Performerin. In ihren Arbeiten sprechen Menschen mit Katzen, leben Familien von ausgefuchstem Trickbetrug und können sich nie sicher sein, ob die Plots, die ihnen Miranda July schreibt, nicht plötzlich noch ein völlig unerwartetes Schnippchen schlagen. Hinter jeder noch so bürgerlichen und gesitteten Oberfläche brodelt es und jede von Julys Geschichten entlarvt trickreich, liebevoll und mit feinstem Gespür fürs neurotische Potenzial der Menschheit im Spätkapitalismus, dass die Behauptung, man wüsste nun, wie der Hase läuft und hätte das eigene Leben im Griff – einfach nur eine Behauptung ist.
In der Kammer wird Der erste fiese Typ, 2015 als erster Roman von Mirandy July erschienen, als Monolog mit Ensemblemitglied Maren Eggert adaptiert.