NO MAN'S LAND von Daniel Richter
„Nervenzusammenbruch in der Antarktis – russischer Forscher sticht Kollegen nieder“ – titelte das Fokus-Magazin im Oktober 2018. Die russischen Ermittler, die den Fall untersuchten, kamen zum Schluss, dass der Forscher von seinem Kollegen angegriffen wurde, weil er diesem immer wieder den Ausgang von Büchern verraten hatte. Beide Männer, Oleg B. und Sergeij S., waren begeisterte Leser, und füllten so die langen Stunden in der antarktischen Einsamkeit. Was zunächst wie ein ungewöhnlicher Streit um Bücher und Spoilern klingt, offenbart eine komplexe Geschichte über menschliche Grenzen in der unendlichen Weite der Antarktis.
Als staatenloses „Niemandsland” ist die Antarktis einer der letzten gemeinsamen Räume der Menschheit und die letzte große zusammenhängende Region der Erde, die vom Menschen noch weitgehend unbeeinflusst ist. Ihre Abgeschiedenheit und ihr ungestörter natürlicher Zustand bieten außergewöhnliche Bedingungen für wissenschaftliche Forschung und internationale Zusammenarbeit. Sie ist ebenfalls ein zentraler Forschungsstandort im Kampf gegen den Klimawandel. Allerdings ist die Sonderstellung der Antarktis als gemeinsamer Ort der Menschheit in einem neuen Zeitalter des Imperialismus fragil geworden. Daher ist die Antarktis nicht nur ökologisch, sondern auch politisch ein besonderer, ein utopischer Ort.
In der Antarktis lernt man die Menschen so gut kennen, dass man im Vergleich dazu die Menschen in der Zivilisation überhaupt nicht zu kennen scheint. Apsley Cherry-Garrard Die schlimmste Reise der Welt
Als der Regisseur Jan-Christoph Gockel 2018 von dem Verbrechen im Eis las, war er von der Geschichte so sehr elektrisiert, dass sie ihn nicht mehr losgelassen hat. Als ihm die ehemalige Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven Antje Boetius dann noch erzählte, dass sich aus dieser Geschichte – mit all den dazugehörenden Fragen zu Literatur, Zeit, Einsamkeit, Ökologie und Forschung – „die große, nicht erzählte Geschichte der Antarktis“ ableiten lasse und dass die antarktische Umgebung so besonders sei, dass man den Ort selbst zum zentralen Akteur der Geschichte machen müsse, stand fest, daraus ein Theaterprojekt zu machen.
Im Januar 2026 reisen vier Künstler*innen des Deutschen Theaters – der Regisseur Jan-Christoph Gockel, der Dokumentarfilmer Lion Bischof, die Schauspieler*innen Julia Gräfner und Wolfram Koch – in Kooperation mit dem Alfred-Wegener-Institut auf die Neumayer-Station III in die Antarktis. Die Reise führt über Oslo nach Kapstadt zur norwegischen Antarktis-Station Troll. Von dort aus sind es noch einige hundert Kilometer zur Neumayer-Station. Auf der Station wird das Team den Arbeitsalltag begleiten und mit den neun Überwinterern – die anschließend für ein dreiviertel Jahr allein auf der Station bleiben – künstlerisch zusammenarbeiten. Welche Geschichten reisen mit in Richtung Südpol? Welche Kostüme haben sie im Gepäck? Und welche extremen Erfahrungen und Erlebnisse bringen sie wieder zurück nach Berlin? Am Ende der langen Reise steht ein surreales Mocumentary-Theaterstück zwischen Fiktion und filmischer Dokumentation, in dem die weiße Landschaft der Antarktis nicht nur zur Landkarte des Erzählens wird, sondern auch zum Spiegel der menschlichen Seele.