Kein Ende, sondern ein Anfang Bernd Isele im Gespräch mit der Regisseurin Anica Tomić
BERND Rosa Luxemburg wurde 1871 im Südosten des heutigen Polen geboren; sie begann als polnische Sozialdemokratin, studierte in der Schweiz und wurde dann zu einer Ikone der deutschen Linken in Berlin. Du bist in Zagreb geboren und lebst in Kroatien. In welchem Zusammenhang bist Du zum ersten Mal auf diese europäische Figur und aufmerksam geworden?
ANICA Ich bin Rosa Luxemburg schon früh begegnet, mit etwa achtzehn Jahren, als ich in Zagreb damit begonnen habe, vergleichende Literaturwissenschaft, Kroatistik und Philosophie zu studieren. Schon damals waren mir ihre Ideen emotional und intellektuell sehr nahe. Ich bin im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen; meine Generation hat den gewaltsamen Zusammenbruch eines politischen Systems, den Aufstieg des Nationalismus, Krieg und den Übergang zum Kapitalismus erlebt. Deshalb war Rosa Luxemburg für mich nie eine historische Figur aus einem anderen Jahrhundert. Viele der Fragen, die sie gestellt hat – Fragen zu Nationalismus, Militarismus, sozialer Ungleichheit und politischer Verantwortung –, waren Teil der Welt, die uns umgab.
Was mich an Rosa Luxemburg am meisten bewegt hat, war das Nebeneinander und die totale Gleichzeitigkeit von radikalen politischen Gedanken und einer außergewöhnlichen emotionalen Sensibilität. Rosa Luxemburg war intellektuell kompromisslos, aber gleichzeitig zutiefst aufmerksam gegenüber der Natur, den Tieren, dem Sanften, der Liebe und der menschlichen Verletzlichkeit. Dieser Widerspruch hat mich von Anfang an fasziniert und fasziniert mich bis heute.
Ist es das, was die Geschichte von Rosa Luxemburg erzählenswert macht?
Das Zeitgenössische an Rosa Luxemburg ist, dass viele der von ihr aufgeworfenen Fragen nach wie vor ungelöst sind. Wir leben wieder in einer Zeit, in der Militarisierung mit der Sprache von Krise und Sicherheit gerechtfertigt wird, während soziale Rechte außer Kraft gesetzt oder geschwächt werden. Der Nationalismus ist in ganz Europa auf dem Vormarsch, Angst wird zu einem politischen Instrument und Krieg wird wieder vorstellbar – ja sogar akzeptabel. Rosas Beharren auf internationaler Solidarität, Antimilitarismus und der Idee, dass Menschen nicht zu Instrumenten des Profits oder der Staatsmacht werden dürfen, fühlt sich heute dringlich an. Aber ich interessiere mich schon auch für ihre Menschlichkeit. Rosa war nicht nur eine Ikone; sie war auch eine Person, die außergewöhnliche Briefe über Einsamkeit, Natur, Liebe, Zweifel oder Blumen schrieb. In dieser Koexistenz von intellektueller Schärfe und emotionaler Offenheit liegt etwas Bewegendes. Vielleicht interessiert mich deshalb auch der Gedanke der „radikalen Sanftheit“, über den beispielsweise Lora Mathis schreibt. In einer gewalttätigen politischen Welt kann Sanftheit selbst zu einer Form des Widerstands werden.
Deine Stücke entstehen oft in Zusammenarbeit mit der Dramatikerin Jelena Kovačić. In diesem Fall gibt es eine Vorlage: einen Film von Margarethe von Trotta… bitte erzähl uns ein wenig über die Entstehung des Stücks.
Jelena Kovačić und ich sind seit über fünfundzwanzig Jahren künstlerisch verbunden. Im ehemaligen Jugoslawien waren langfristige Kooperationen zwischen Regisseurinnen und Dramaturginnen keine Seltenheit, sondern eine oft genutzte Möglichkeit, im Laufe gemeinsamer Jahre eine eigene Poetik aufzubauen. Jelena ist die Dramaturgin, mit der ich seit meinen allerersten Regieprüfungen Theaterwelten erschaffe. Jelena ist zudem eine der wichtigsten Übersetzerinnen des zeitgenössischen polnischen Dramas ins Kroatische.
Margarethe von Trottas Film ist für uns ein wichtiger Ausgangspunkt, nicht nur wegen seines Textmaterials, sondern auch wegen der Art und Weise, wie Rosa nicht nur als politische Figur, sondern als lebender Widerspruch dargestellt wird – verletzlich und kompromisslos zugleich.
Wir möchten eine Textadaption finden, die auf dem Drehbuch basiert und dann mit Rosas Briefen und Essays sowie mit zeitgenössischen politischen und philosophischen Texten interagiert. Die Aufführung soll nicht nur eine historische Rekonstruktion sein. Ich stelle mir eine fragmentierte Struktur vor, in der historisches Material ständig mit der Gegenwart kollidiert. Die Aufführung bewegt sich zwischen einer Lecture Performance, einer politischen Versammlung, einer Halluzination, einer Erinnerung und einem theatralen Vorgang.
Was sind das für Zusatztexte, von denen Du eben gesprochen hast?
Neben den Texten und Briefen von Rosa Luxemburg selbst interessieren mich zeitgenössische feministische und politische Texte, die sich mit Arbeit, Nationalismus, Militarisierung und den emotionalen Mechanismen von Macht befassen. Besonders wichtig sind die Essays der kroatischen Philosophin Ankica Čakardić, die Rosa Luxemburg aus einer zeitgenössischen linksfeministischen Perspektive liest und das Konzept der „radikalen Sanftheit“ zu einer Form des politischen Widerstands erklärt. Das Konzept der Radical Softness spielt auch im Werk der amerikanischen Dichterin, Künstlerin und Aktivistin Lora Mathis eine große Rolle.
Gleichzeitig gibt es auch theatralische und visuelle Bezüge: Schillers Wallenstein, Bilder von Kriegslagern, Denkmälern, Volksritualen, nationalen Mythen, politischen Versammlungen. Mich interessiert, wie Ideologie nicht nur durch politische Systeme, sondern auch durch Melodie, Wiederholung, kollektives Gedächtnis und Emotionen fortbesteht.
Auf Eurer Bühne gibt es hohe Mauern und Gefängnisgitter, aber auch einen kleinen blühenden Garten.
Die Aufführung beginnt in einem mythischen Polen, das historisch nicht genau verortet werden kann. Wir sehen Figuren in traditionellen Trachten, die polnische Volkslieder singen – fast wie ein alter Chor oder eine rituelle Versammlung. Die Melodien sind schön und beunruhigend. Sie tragen den Mythos der Nation in sich – genau den Mythos, gegen den Rosa Luxemburg gekämpft hat und der nun auf erschreckende Weise wieder auf dem Vormarsch ist. Von hier aus gehen wir über zu einer zeitgenössischen Vortragsperformance, die im Jahr 2026 spielt. Eine Gruppe von Frauen spricht über prekäre Arbeitsverhältnisse, Militarisierung, Angst und Krieg. Rosinas Worte erscheinen dann plötzlich nicht mehr als Geschichte, sondern als etwas, das direkt an uns gerichtet ist. Dann bricht diese Struktur zusammen. Die große Rückwand öffnet sich zu einer verwüsteten Landschaft – einem fast höllischen Lager, das teilweise von Schillers „Wallenstein“ inspiriert ist. Verbrannte Erde, verwundete Körper, Ruinen. Von diesem Bild aus bewegen wir uns langsam auf Rosa selbst zu, auf das Jahr 1900, das Gefängnis, die Liebe, den politischen Kampf und schließlich den Tod.
Das Gefängnis und der Garten sind für mich die Schlüsselbilder. Das Gefängnis steht für politische Gewalt, Isolation und Kontrollsysteme. Aber der kleine Garten – inspiriert von Rosinas Gefängnisbriefen und dem Film – steht für ihre unglaubliche Fähigkeit, ihre Sensibilität und Vorstellungskraft selbst unter brutalen historischen Umständen zu bewahren.
Letztendlich fühlt sich Rosinas Tod nicht wie ein Ende an. Es fühlt sich eher wie ein Anfang an.
Für mich ist Rosas Geschichte keine Illustration der Geschichte. Es geht um die Frage, ob Europa wirklich etwas aus seinen eigenen Katastrophen gelernt hat.