„Warum ich fürs Theater schreibe...” Ein Brief von Rosa von Praunheim
Warum ich fürs Theater schreibe, bzw überhaupt schreibe, Bilder male und Filme mache und warum ich Künstler und damit etwas Besonderes, also praktisch ein Auserwählter bin, also ein Perverser, der keinen Sport liebt und keine Autos und keine Popmusik, aber Stofftiere und Kröten aus Plastik. Und auch Erdbeerfrösche.
Fürs Theater wachgeküsst hat mich Ulrich Khuon, der Intendant des Deutschen Theaters. Ich saß in seinem Büro und schlug ihm vor, ein Musical über mein Leben zu schreiben, präsentierte ihm eine halbe Seite und verschwieg ihm, dass ich meine Theatertexte zuvor an alle möglichen Dramaturgen, Theater und Verlage geschickt hatte – mit jeweils vernichtenden Rückantworten. Michael Eberth schrieb: „Das ist keine Kunst“.
So konnte ich am Deutschen Theater ganz jungfräulich beginnen und hatte mit „Jeder Idiot hat eine Oma, nur ich nicht“ einen großen Erfolg. Dem Intendanten schenkte ich daraufhin aus Dankbarkeit bei jedem unserer Treffen einen Plastikwurm oder eine Plastikspinne. Mein zweites Stück am Deutschen Theater hieß „Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs“.
Nun muss ich dazu sagen, dass nicht „ich“ schreibe, sondern „es“ schreibt mich. Kunst ist etwas Magisches, wir sind nur das Medium. Ich sitze vor meinem Computer und es fließt nur so aus mir heraus, ähnlich wie auf der Toilette, und da ich eine Reizblase habe und nachts siebenmal raus muss, habe ich das Clo lieben gelernt. Als Schwuler sowieso, in einer Zeit, in der Homosexualität kriminalisiert war und die Clos die wenigen Treffpunkte waren, um sich heimlich zu lieben. Einmal zur Weihnachtszeit ging ich am Ernst-Reuter-Platz in Berlin auf eine unterirdische Toilette und wurde von einem Stricher bedroht. Da ich kein Bargeld dabeihatte, bot ich ihm meine Weihnachtstüten an, die er aber ablehnte.
Warum gehen Leute immer noch ins Theater? Es gab eine Zeit, da Schauspielerinnen als Huren galten. Und Opernaufführungen als Puffs. Es gab eine Zeit, in der man den Beruf des Regisseurs nicht kannte, sondern sich alles nur um einen Star gruppierte. Und es gab eine Zeit in den fünfziger Jahren, als ich mit grünen Schuhen in die Deutsche Oper ging und in der Pause den Saal nicht verlassen durfte.
Das Schönste am Theater sind die Pausen, wenn man über andere lästern kann, wenn man sich über das Gesehene aufregen kann. Und das Beste am Theater ist das unsichtbare Theater, im Café, in der U-Bahn oder nachts im Park, wenn nackte Männer durch die Büsche hüpfen. Das allerschönste Theater sind Beerdigungen, wenn Leute Liebe vorgaukeln. Und das allerallerschönste Theater ist die eigene Beerdigung. Damit ich davon etwas habe, feiere ich am 16. Oktober 2023 meine eigene am Alten St.-Matthäus-Friedhof in Berlin, denn eine besoffene Wahrsagerin sagte mir einst dieses Datum voraus. Ich wäre dann kurz vor meinem 81. Geburtstag, und ich freue mich schon unbändig darauf. Bis dahin habe ich noch Zeit, viele Theaterstücke, Filme und Romane zu schreiben.
Mit einem Gedicht möchte ich schließen: