Was zum Teufel ist hier los? Im Gespräch mit Noah Haidle
 

Noah Haidle ist preisgekrönter Dramatiker und Drehbuchautor, dessen Werke am Broadway, in den USA und weltweit aufgeführt werden. Mit Spirit And The Dust hat er ein großes Stück über das Leben geschrieben. Er verhandelt darin echte Freundschaft, späte Liebe, und tiefen Schmerz. Mit ihm sprach der Dramaturg Daniel Richter.

DANIEL RICHTER Du hast Dein Theater einmal mit einem „weltlichen Gottesdienst“ verglichen. War Dir die Theologie zu finster? Oder warum schreibst Du für das Theater?

NOAH HAIDLE Oh je, habe ich wirklich geschrieben, dass Theater wie ein weltlicher Gottesdienst ist? Das klingt furchtbar prätentiös. Theater ist im Gegensatz zu Film und Fernsehen eine aktive Kunstform. Man lehnt sich nicht zurück und entspannt sich, sondern als Zuschauer:in erschafft man die Geschichte in seiner eigenen Vorstellung. Da unsere Vorstellungskraft verkümmert – KI-Technologien behaupten, unsere Fähigkeiten zu verstärken, aber meiner Erfahrung nach lassen sie die kognitiven Funktionen verkümmern – wird das Theater zu einem Ort, an dem Menschen diese Kraft wieder aktivieren müssen. Und da unsere individuellen Realitäten so verzerrt sind, dass es keinen Konsens darüber geben kann, was wahr ist, wird das Theater zu einem seltenen Ort, an dem jeder Mensch unbestreitbar genau dasselbe erlebt. Eine Art weltlicher Gottesdienst. Verdammt. Vielleicht war dieser Vergleich doch nicht so schlecht, so prätentiös er auch sein mag.

DR Deine Stücke werden seit vielen Jahren international  aufgeführt. Worin liegen für dich die Unterschiede zwischen  der amerikanischen und der deutschen Theatertradition?

NH Der Unterschied ist einfach: Das amerikanische Theater ist das Medium des Dramatikers, während das deutsche Theater dem Regisseur gehört. In Amerika darf niemand ohne die Zustimmung des Dramatikers auch nur ein einziges Wort am Textbuch ändern – und das meine ich rechtlich, das steht in jedem Vertrag. In Deutschland kann man machen, was man will. Der Theatertext ist hier ein Ausgangspunkt für kreative Ausdrucksformen, während eine Inszenierung in den USA in der Regel die Umsetzung der Vision des Dramatikers ist. Ich bin mir meiner sehr unterschiedlichen Rollen in beiden Ländern bewusst. Wenn ich eine Inszenierung eines meiner Stücke in den USA sehe, kann ich eine getreue Interpretation eines Fragments meiner Gedanken erwarten. In Deutschland komme ich oft zur Aufführung und denke: Was zum Teufel ist hier los? Der andere wesentliche Unterschied ist die Unterstützung. Finanziell und kulturell wird das Theater in Deutschland als integraler Bestandteil einer gesunden Gesellschaft angesehen. In Amerika ist das nicht so sehr der Fall. Als ich meine Frau kennenlernte und ihr erzählte, dass ich Theaterstücke schreibe, fragte sie: „Machen die Leute das immer noch?”

„Ich bin nicht im Geschichtenerzählen-Geschäft, ich bin im Hoffnungs- Geschäft.” – Noah Haidle

DR Deine Stücke The Homemaker, Birthday Candles und  Spirit And The Dust spielen alle in Einbauküchen, was sicherlich kein Zufall ist. Woher kommt deine Vorliebe für Küchen?

NH „Kitchen Sink Naturalism” („Küchen-Naturalismus”)  beschreibt den Versuch, das reale Leben auf der Bühne zu dramatisieren – die Küchengeräte funktionieren und es sind echte Menschen, die ein echtes Leben führen … Während Naturalismus für Fernsehen und Film angemessen erscheint, finde ich ihn im Theater verrückt. Die drei Stücke haben alle die gleiche Besetzung: drei Frauen und drei Männer. Sie spielen alle in einer Küche – natürlich – und verwenden alle unterschiedliche Theatertechniken, um dem veralteten und absurden Versuch, Theater immer noch für Naturalismus zu nutzen, den Mittelfinger zu zeigen.

DR Deine Stücke zeigen meist zerbrochene Welten. Sie erzählen vom Chaos, das man Leben nennt. Die Menschen suchen nach Orientierung, um mit Lebenskrisen fertig zu werden. Trotz aller dystopischen Vorahnungen sind deine Figuren mit großer Zuneigung gezeichnet und deine Texte strahlen Wärme aus.  Wie viel Hoffnung steckt in deinen Texten?

NH Einer meiner Lieblingsmenschen, Sylvester Stallone, bringt es in seiner treffend betitelten Biografie Sly auf den Punkt: „Ich bin nicht im Geschichtenerzählen-Geschäft, ich bin im Hoffnungs- Geschäft.” Die Kunst, die Sly und ich schaffen wollen, bietet ein kleines Gegenmittel zum unerbittlichen Chaos unserer Welt. 

„Annas Fantasie und meine passen zusammen. Das ist eine einzigartige Verbindung, die nicht auf zwischenmenschlichen Beziehungen basiert.” – Noah Haidle

DR „Man kann das Wesen einer Person erst in seiner Gesamtheit erfassen, wenn ihr Leben geendet hat. Dann sieht man das Muster”, sagt Hope Foster, Hauptfigur in Spirit And The Dust – gespielt von Corinna Harfouch. Schreibst du aus der Perspektive des Todes vom Ende her, also von dem Moment, in dem zum ersten Mal alles in Stein gemeißelt ist und man das Muster seines eigenen Lebens erkennen kann?

NH Ausgehend vom Moment des Todes? Ich habe das noch nie gemacht, aber es ist eine faszinierende Idee. Vielleicht probiere ich es beim nächsten Mal aus. Weniger spannend ist, dass ich einfach Zeile für Zeile schreibe, ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was als Nächstes passieren wird. Meine Theorie ist, dass, wenn ich von dem, was passieren wird, überrascht bin, das Publikum ähnlich überrascht sein wird. Wie Hope kann auch ich das Muster innerhalb eines Stücks erst  erkennen, wenn es fertig ist.

DR Regisseurin Anna Bergmann inszeniert bereits dein drittes Stück. Was verbindet Euch miteinander? 

NH Annas Fantasie und meine passen zusammen. Das ist eine einzigartige Verbindung, die nicht auf zwischenmenschlichen Beziehungen basiert. Aus irgendeinem wunderbar mysteriösen Grund scheinen meine Stücke in ihr eine besondere Art von Kraft zu wecken. Sie hat alle drei „KitchenSink”-Stücke inszeniert, und wer weiß, wie viele Stücke wir noch machen werden, bis alles vorbei ist. In dem Moment, in dem ich irgendwann zurückblicke, werde ich feststellen, dass Anna eine Konstante in meinem fantasievollen Leben geblieben ist.