Der Zauberberg
nach Thomas Mann
REGIE Sebastian Hartmann
Premiere am 20.11.2020
letzte Vorstellung am 22.05.2021
Inhalt
Theatertreffen-Juror Franz Wille zu dieser Inszenierung:
Was hier von Thomas Manns Hochgebirgs-Bildungsroman an Textmaterial bleibt, sind im Wesentlichen das „Schnee“-Kapitel und das allerletzte Kapitel mit den brutalen Schlachtenszenen des Ersten Weltkriegs. „Schnee“ ist eine Erzählung des langsamen Orientierungsverlusts während einer Skitour bis kurz vorm Erfrieren, immer durchschossen mit den Gewaltexzessen des Frontkriegs.
Regisseur Sebastian Hartmann zeigt diese Erfahrungsräume von Kontrollverlust, Ohnmacht und Gewalt als zunehmend expressive Performance eines anonymen, weißgeschminkten, unförmig wattierten Ensembles. Keine Spur mehr von den hochkontrollierten narrativen Strukturen des Romans, denen er in seiner ersten „Zauberberg“-Inszenierung vor zehn Jahren in Leipzig noch gefolgt war. Der Erzählfaden ist mittlerweile in alle Winde verstreut, identifizierbare Figuren sind abhandengekommen, selbst nach Hans Castorp kann man vergeblich suchen.
Auch das Deutsche Theater Berlin war zur Premiere geschlossen. Stattdessen wurde die Arbeit an einem einzigen Datum, dem 20. November, als Livestream gezeigt, aufgezeichnet aus unterschiedlichsten Kameraperspektiven vor einem leeren Zuschauerraum: Pandemietheater. Zu sehen war ein Bilder-Flow aus Dissoziation und Auflösung. Das Nacheinander der verwendeten Texte ist ein wildes Schnipselwerk, in dem sich Raum und Zeit zergliedern. Traumsequenzen, in denen sich Castorp in arkadischen Landschaften wähnt, wechseln mit Mord- und Hexenfantasien, mit Naturbeschreibungen und Reflexionen über den Unterschied von toter und lebendiger Materie zu Fragen des Lebens schlechthin – „Was ist der Körper?“ – und Impressionen aus dem Röntgenlabor des Lungensanatoriums. Dazwischen erscheint immer wieder Markwart Müller-Elmau mit zittrig-fiebernden Beschwörungen der immer blutigeren Weltkriegsszenerien. Die Schauspieler*innen agieren durchweg auf hohem Energieniveau: schmerzverzerrte Gesichter, panische Auftritte, Verzweiflungsflüstern oder hypermechanischer Bewegungsirrsinn.
„Ich bin der Welt abhanden gekommen“ – dieses leitmotivische Castorp-Zitat des in siebenjähriger Liegekur allen talweltlichen Dingen enthobenen Zeitflüchtlings klingt plötzlich durch den Bilder- und Textsturm und beschreibt recht nüchtern und zutreffend die Situation. Dieses „Zauberberg“-Zeitbild trägt zwar nicht unbedingt zur Klärung der gegenwärtigen Verhältnisse bei, hat sie dabei aber ziemlich gut getroffen.
Besetzung und Regieteam
REGIE UND BÜHNE Sebastian Hartmann KOSTÜME Adriana Braga Peretzki MUSIK Samuel Wiese VIDEOANIMATION Tilo Baumgärtel LICHT Lothar Baumgarte DRAMATURGIE Claus Caesar LIVESTREAM BILDREGIE Jan Speckenbach LIVESTREAM KAMERA Marlene Blumert, Roman Kuskowski, Lennart Löttker, Dorian Sorg.
mit Elias Arens, Manuel Harder, Peter René Lüdicke, Markwart Müller-Elmau, Linda Pöppel, Birgit Unterweger, Cordelia Wege, Niklas Wetzel, Samuel Wiese (Live-Musik).
Pressestimmen
„Ein starker Abend über die Vergänglichkeit. Regisseur Sebastian Hartmann schafft einen stürmenden Bildersog mit Überblendungen und Überbelichtungen, aus Animation und Projektion. Das DT beweist mit dieser digitalen Premiere, dass Livestreaming weit mehr sein kann als nur die abgefilmte Vorstellung“. Patrick Wildermann, Tagesspiegel, 22.11.2020
„Hartmann ist das Spiel mit den Räumen nun besonders gut gelungen, die sich dank mitlaufender Handkameras in mehrere öffnen und damit auch die Zuschauersicht erweitern. Wechselblicke von der Bühne in den Zuschauerraum und zurück, Perspektiven von weit oben herab und aus den Seitenbühnen heraus, korrespondieren sogar noch pathetischer mit den verzweifelten Sinn- und Lebenssuchern auf der Bühne als im analogen Frontalraum. Nähe intensiviert sich und Verfremdung. Denn grafisch karikiert werden Gesichter überblendet und blitzartig durchleuchtet, dass Lust und Schrecken, Tod und seine medizinische Beherrschung immer gleich präsent bleiben." Doris Meierheinrich, Berliner Zeitung, 21.11.2020
„Der mit sechs Kameras und über Mikroports aufgenommene Livestream liefert einmalig ein ganz eigenes expressionistisch-düsteres Gesamtkunstwerk um den Krieg der Körper und die Vergänglichkeit der Zeit. Die totale Verausgabung der großartigen Akteure und die kluge neue Mischform der technischen Elemente erzeugen einen unwiderstehlichen Sog beim Publikum am Bildschirm.“ Ute Büsing, rbb 24, 21.11.2020
Dauer
2 Stunden, 0 Pausen
Premiere
20.11.2020
Dernière
22.05.2021
Hinweise
Diese Inszenierung war wegen der Pandemie nur als Live-Stream zu sehen.