Im Herzen der Gewalt
von Édouard Louis, frei adaptiert von Jan Czapliński REGIE Ewelina Marciniak
Deutsch von Agnieszka Fietz
Premiere am 20.06.2020
Inhalt
Mit seinem autobiographischen Debütroman Das Ende von Eddy wurde Édouard Louis zum literarischen Shootingstar weit über Frankreich hinaus. Sein zweiter Roman Im Herzen der Gewalt erschien 2016 und wird in Polen wahrscheinlich anders als in Frankreich rezipiert, wo die zufällige Begegnung zwischen Édouard, der sein Dorf verlässt, um in Paris ein neues Leben zu beginnen, und Reda, dem Sohn eines Flüchtlings algerischer Herkunft, andere historische und politische Konnotationen besitzt. Die Wege, die zu dieser Begegnung führen, sind lang: es sind die des Kolonialismus, eines brutalen Krieges, des Ghettos, des erfolglosen Assimilationsprozesses, der schreienden Chancenungleichheit. Es sind verminte Wege, leicht entzündbar – und so geschieht es auch. Aber es geht um mehr. Louis verweigert sich aller trennenden Zuschreibungen und sucht verzweifelt nach einem Weg, seine "wahre" Geschichte zu erzählen. Er ringt darum, jenseits von vereinfachenden sozio-politischen Kategorien die Deutungshoheit über sie zu behalten. Dazu muss er sich jedoch dem Kampf mit sich selbst stellen – die Geschichte der Gewalt ist das Protokoll dieser Auseinandersetzung. Es ist der zerrissene, chaotische Versuch, den eigenen Überzeugungen treu zu bleiben, auch wenn dies bedeutet, Zeugnis abzulegen gegen die eigenen Gefühle und Verletzungen. Es ist ein schwieriger (und beeindruckender) Kampf um eine faire Geschichte. Ausgangspunkt für dieses narrative Universum ist jedoch etwas, das in Polen emotional und politisch hoch brisant besetzt ist: homosexuelle Romantik. Und Vergewaltigung.
Und vielleicht ist es unmöglich die Geschichte von Ludwig in Polen zu erzählen – und deshalb sollte sie erzählt werden. In einem Land, das an einem Punkt angelangt ist, an dem jede Abweichung von der strengen Identitätsnorm mit staatlich sanktionierter Stigmatisierung verbunden ist. Wie zeigt sich das? Umfragen zu sozialen Ängsten belegen, dass jeder dritte Mann in der Altersgruppe der 18- bis 39-Jährigen vor allem Angst vor "Gender-Ideologie" hat – mehr als vor einer Klimakatastrophe (sic!), einer ineffizienten Gesundheitsversorgung oder einem wachsenden Nationalismus. In Frankreich hingegen, so Louis, sei die sexuelle Orientierung kein Grund mehr für Anfeindungen. Das bedeutet jedoch nicht, dass der Hass verschwunden sei – er richtet sich jetzt gegen Migranten. Das Frankreich aus dem Roman ist also ein Land, das einerseits sehr weit entfernt von Polen ist und andererseits zu nahe.
Besetzung und Regieteam
REGIE UND BÜHNENBILD Ewelina Marciniak BÜHNENBILD Grzegorz Layer KOSTÜME Natalia Mleczak LIVE-MUSIK Wacław Zimpel LICHT Mirek Kaczmarek
mit Michał Karczewski, Oskar Malinowski, Piotr Nerlewski, Roland Nowak, Martyna Rozwadowska, Dominik Rybiałek
Dauer
1 Stunde 20 Minuten, 0 Pausen
Premiere
20.06.2020
Hinweise
aufgeführt im virtuellen Raum Box bei Radar Ost Digital