Komik ist Arbeit Gespräch mit Anita Vulesica
Die Gehaltserhöhung von Georges Perec variiert die immergleiche Situation: Ein Angestellter versucht, sich dazu durchzuringen, eine bessere Entlohnung einzufordern. Was interessiert dich an dem Stoff?
Mich interessiert zunächst einmal die Form des Stücks. Es hat einen bestimmten Rhythmus, der aus der Form erwächst und wie eine mathematische Rechnung aufgebaut ist. Inhaltlich packt es mich, weil es eine witzige, absurde Situation ist, die wir alle kennen: Man befindet sich mittig oder unten in einer Hierarchie und hätte gern mehr Geld oder Beachtung. Man legt sich Gedanken zurecht und spricht sich Mut zu, um sich überhaupt vorstellen zu können, dem Vorgesetzten vor die Augen zu treten. Darin steckt für mich in erster Linie die Frage nach dem Selbstwert: Was macht mich wertvoll und was ist ein wertvolles Leben? Bin ich nur etwas wert, wenn ich hart arbeite, und Lob von meinem Chef kriege? Das Thema beginnt im Inneren, im psychologisch Menschlichen, und reicht gedanklich bis hin zur großen sozialen Schere.
Das Stück ist ein kapitalismuskritischer, aber auch ein sehr lustvoller, absurder Text. Haben die Mittel der Komödie ein besonderes Potenzial, um dem Thema zu begegnen?
Mein Ansatz ist nicht, Trauer mit Trauer zu erzählen, Kritik mit Kritik, oder Ernst mit Ernst. Ich brauche die Mittel der Komik, um die Frage zu behandeln: Wie überleben wir das alles? Wie überwinden wir die Ängste? Vieles, was wir Menschen im Spätkapitalismus den Tag lang tun, ist im Grunde genommen albern. Im Supermarkt vor einem Regal mit 15 verschiedenen Erdbeerjogurts zu stehen und ganz ernst abzuwägen: Will ich den mit Körnern drin, oder den mit nur zwei Prozent Fett? Das ist doch absurd! Die Absurditäten des Lebens sichtbar zu machen und auf die Spitze zu treiben, das ist genau mein Ding. Auch Kunst machen ist Arbeit. Hinter dem, was sich auf der Bühne als Leichtigkeit vermittelt, steckt oft großer Einsatz. Zuschauer:innen bewundern oft, dass Schauspieler:innen so viel Text auswendig können. Dabei ist Textlernen die kleinste Herausforderung: Das Publikum zum Lachen zu bringen, klug und überraschend mit Erwartungen zu spielen, bedeutet irrsinnig viel Arbeit, weil es extrem genau sein muss. Komik ist Timing. Man muss ein Gespür dafür entwickeln, genau das Richtige zur richtigen Zeit zu tun – sonst ist es nicht witzig.
Kreativität hält sich nicht immer an Bürozeiten. Nicht zuletzt die Liebe zur Sache macht es manchmal schwer, Grenzen zu setzen. Oder?
Es gibt Arbeit, die leicht fällt, weil sie Spaß macht und Befriedigung gibt. Theatermachen gehört für mich dazu. Aber es gibt auch die Grenzen des Körpers oder der Gesundheit, an die wir mitunter stoßen. Ich würde mir wünschen, dass Institutionen weniger auf Quantität setzen. Dass eine gute Regisseurin zu sein sich nicht danach bemisst, so viele Premieren wie möglich zu machen.
Der Gebrauch von Künstlicher Intelligenz führt zu Veränderungen in vielen Lebens- und Arbeitsbereichen. Hast du damit künstlerisch Berührungspunkte?
Ja, ich denke das bei der Gehaltserhöhung inhaltlich mit, weil die Geschichte der Arbeit durch KI gerade eine neue Phase erreicht. Perec selbst hat sich mit künstlicher Intelligenz schon 1968 in dem Hörspiel Die Maschine beschäftigt. Über einen mehr als 50 Jahre alten Text bin ich also momentan tief in dem Thema drin. Das Theater lebt trotzdem vom Analogen: Echte Menschen schwitzen in echt auf der Bühne und sagen in echt auswendig gelernten Text in genau diesem Moment. Unsere Vorfahren haben schon in Höhlen Kunst gemacht. Sie haben versucht, das Erlebte nochmal für andere zu erleben, indem sie malen oder spielen. Das tun wir auch im Theater. Ich kann mir kein Theater vorstellen, wo Avatare Romeo und Julia spielen.
Das Interview führte Lilly Busch.