Die dunklen Facetten des Peter Pan Jessica Weißkirchen über ihre Auseinandersetzung mit dem Niemalsland
„Alle Kinder verlassen eines Tages ihr Nimmerland, kommen nach Hause und werden erwachsen – nur ein Kind nicht.“
Woran denken wir, wenn wir den Namen Peter Pan hören? Ich würde die Behauptung aufstellen: In unseren kollektiven Erinnerungen lebt Peter Pan als der unschuldige Junge weiter, der Wendy und ihren Geschwistern ein einzigartiges Abenteuer ermöglicht: die Reise in das fantastische „Neverland”. Eine utopische Insel, ein Niemandsland voller Elfen, Piraten, Meerjungfrauen und den „Lost Boys”. Hier wird das Unmögliche wahr, wenn man nur fest genug daran glaubt! Doch was würde geschehen, wenn wir diese fantastische Welt nicht mehr durch die Augen eines Kindes sehen könnten und die Reise nach Nimmerland zur Dystopie wird?
Von wegen unschuldig
Seitdem ich am Theater arbeite, begleitet mich die Geschichte um Neverland. Meine Faszination für die Geschichte ist geblieben, aber meine Perspektive auf den Inhalt und die Motive hat sich verändert: Heute ist Peter Pan für mich eine Abrechnung mit der eigenen Kindheit, den Wünschen und Erwartungen an das, was eigentlich einmal aus einem werden sollte, wenn man „groß geworden ist“.
Ich lese J. M. Barries Geschichte als eine Strategie, um den Schmerz des Erwachsenwerdens und den damit verbundenen Verlust der eigenen Kindheit zu bewältigen. Die schmerzvolle Erkenntnis um die Vergänglichkeit der Dinge und die Endlichkeit des eigenen Lebens sind für mich das, was Kindsein und Erwachsensein unterscheidet. Zeit wird zum limitierenden Faktor. Und der Tod zur letzten unberechenbaren Komponente, zum Ungewissen, das wir fanatisch kontrollierbar, beherrschbar machen wollen und dem archaischen Wunsch nach Unsterblichkeit. Doch egal wie sehr wir daran festhalten, die Zeit tickt unaufhörlich, das Leben läuft sicheren Schrittes bedrohlich auf sein Ende zu: „Sterben ist ein wirklich großes Abenteuer“.
Hedonistischer Alptraum
Peter Pan beschließt, niemals erwachsen zu werden und erhebt sich selbst zum gottgleichen und unsterblichen Wesen. Dafür erfindet er das „Niemalsland”. Auf dieser Insel wird niemand jemals alt und ein hedonistischer Traum wird wahr. Doch Peter kann nur existieren, wenn es Menschen gibt, die an ihn glauben und bereit sind, alles für ihn zu geben. Auch Wendy lässt sich verführen, denn sie verlässt ihr sicheres Zuhause, lernt zu fliegen und folgt Pan nach Neverland.
Die Auserwählten, die ihm hierher folgen dürfen, vergessen alles, sobald sie diese magische Welt betreten. Nur das Leben im Hier und Jetzt, in diesem Augenblick, ist das, was zählt. Keine Verantwortung, keine Konsequenzen, nur Abenteuer. Tag für Tag!
Was zunächst traumhaft erscheint, wird schnell zum dystopischen Alptraum: Mit gefletschten Milchzähnen herrscht Peter Pan fanatisch und kompromisslos, wie ein Gott über sein fiktives Königreich. Wer einmal auf diese Insel Fuß gesetzt hat, muss für immer bleiben und sich seinen Regeln unterwerfen.
Das Wichtigste ist: Niemals erwachsen zu werden! Wer sich diesem Gebot widersetzt, oder diese Welt verlassen will, wird gnadenlos bestraft. Und so verwandelt sich das hedonistische Bad im Jungbrunnen unerbittlich zum gnadenlosen Tanz auf dem Vulkan. Die Figuren entführen uns in ihr persönliches Niemalsland, nach Wasteland. Ein Ort, an dem der Alptraum zur Wirklichkeit wird und Peter, Wendy, Tinkerbell, die Lost Boys, Captain Hook und die Piraten nun gleichermaßen ums Überleben kämpfen müssen, sobald sie ihre eigene Endlichkeit erkennen.