© Jasmin Schuller Katrija Lehmann, Frieder Langenberger

Programmzettel Ach, Mom!

Nichteuklidische Seifenoper, die von Johann Otten

  • Fliegende Fische
  • Kernfamilie
  • Sitcom

Bezeichnet ein fiktives, interdisziplinär verortetes Medienphänomen, eine Form seriellen Erzählens, die sich bewusst von Strukturen linearer Narration und gängiger Raum-Zeit-Logik löst. Zentral ist die Verbindung einer nichteuklidischen Raumwahrnehmung, also einer solchen, in der die Axiome Euklids wie das Parallelenpostulat, aufgehoben sind, mit dem Format der Seifenoper, das traditionell durch fortlaufende und wiederkehrende, emotional aufgeladene Handlungsstränge geprägt ist. Kennzeichnend für die nichteuklidische Seifenoper ist die Aufgabe kohärenter Kontinuität zugunsten einer topologisch deformierten Erzählung: Figuren können simultan in widersprüchlichen Zuständen existieren, Handlungsorte überlagern sich und zeitliche Abläufe verlaufen nicht linear, sondern zyklisch, verzweigt, gespiegelt oder rückgekoppelt. Beziehungen entwickeln sich in Schleifen oder verzerrten Mustern. Identitäten der Figuren bleiben instabil, da Perspektiven ständig wechseln oder Protagonist:innen als Doppelgänger: innen wiederkehren. Narrative Kausalität wird dabei nicht aufgehoben, sondern in alternative Ordnungen überführt, die sich eher an Modellen der Mehrdimensionalität oder von gekrümmten Räumen orientieren.

„Der Mensch geht, der Vogel bleibt.“ Granny – Ach, Mom!

1997 begann die lettisch-amerikanische Mathematikerin Daina Taimina zur Veranschaulichung hyperbolischer, also sonderbar in sich selbst verdrehter und sich gleichzeitig dabei ausdehnender Räume ebensolche zu häkeln, als erster Person gelang es ihr damit, einen nichteuklidischen Raum physisch darzustellen. Wie in einem gehäkeltelten Modell, in dem komplexe Strukturen auch aus einfachen, sich wiederholenden Maschen entstehen, werden auch in der nichteuklidischen Seifenoper simple narrative Zutaten zu mehrdimensionalen Handlungsmustern verknüpft, die sich weder vollständig entwirren noch eindeutig lesen lassen. Typisch sind fragmentierte Dialoge, rekursive Szenenfolgen sowie bewusste Irritation, wobei sie sich gleichermaßen den emotionalen und zwischenmenschlichen Konflikten der Seifenoper verbunden bleibt. Eine schiefe Ebene zwischen Vertrautheit und Unordnung bespielend. Inspiriert von moderner Physik und Mathematik, dient die nichteuklidische Seifenoper vor allem als metaphorisches Modell zur Beschreibung diffuser und widersprüchlicher Lebensrealität.

„Leute, was machen wir hier eigentlich? Glaubt ihr durch dieses Rumgeballer wird irgendwas besser? Glaubt ihr immer noch daran, dass irgendeine Mom jemals durch eine dieser beiden Türen kommt? Habt ihr euch hier mal umgesehen? Ist euch aufgefallen, dass dieses Haus nur zwei Wände hat und kein Dach?“ Nico Sauer – Ach, Mom!

Ach, Mom! Das Gewinnerstück des Open Call

Im Frühjahr 2025 schrieb das Deutsche Theater Berlin erstmals eine Produktion in einem offenen Verfahren an freie Künstler:innen und Teams aus, die bislang noch nicht an diesem Haus gearbeitet hatten. Dahinter steckten zwei Ideen: Erstens die Öffnung des Spielplans für bislang unbekannte Ideen aus unerwarteter Richtung – sind die Möglichkeiten im dramaturgischen Alltag die eher bekannten Wege zu verlassen, trotz aller Offenheit und Neugierde doch häufig begrenzt. Andererseits sollte die finale Auswahl für ein Projekt nicht wie gewöhnlich bei der künstlerischen Leitung und der Dramaturgie liegen, sondern durch eine Jury entschieden werden, die aus Personen besteht, die zwar immer am Prozess des Theatermachens, aber in der Regel nicht an der Spielplangestaltung beteiligt sind. Diese siebenköpfige Jury bestand aus Kathrin Frosch (Austattungsleitung), Julia Gräfner (Schauspielerin), Katrija Lehmann (Schauspielerin), Maura Meyer (DTjung*), Julia Plickat (Künstlerische Produktionsleitung Box), Dirk Salchow (Theaterobermeister) und Marco Weihrauch (Vorarbeiter Requisite). Von knapp dreihundert anonymisierten Bewerbungen wurden sieben Ideen favorisiert, mit den dazugehörigen Teams anschließend ein digitales Auswahlgespräch geführt. Nico Sauer und Maria Magdalena Emmerig konnten schließlich die Jury mit Ach, Mom! überzeugen.

Aufgrund des frühen Einbezugs der Gewerke und der kollaborativen Entwicklung des  Bühnenbilds, wurde die Produktion ausschließlich aus vorhandenem Bühnenbaumaterial verwirklicht und entspricht dem „Advanced“ Standard des ETC Green Books.