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Hör mal.
Zu Caren Jeß’ Bookpink: New Arrivals von Jasmin Maghames

  • Vogelperspektive
  • Dramolette
  • Bei dir piept's wohl!

Am Anfang von Bookpink: New Arrivals steht kein Tier, keine Groteske, keine These. Am Anfang steht eine Großmutter. Sie sitzt im Garten, sie isst Eis, sie hört Vögel. Und sie sagt: „Hör mal.“ Es ist eine kleine Wendung, aber sie gibt den Ton an. Nicht „schau“, nicht „sieh“, nicht „versteh“ – sondern: hör. Nimm wahr. Sei nicht sofort beim Begriff, bei der Einordnung, bei der Deutung. Vielleicht ist das die stillste und zugleich folgenreichste Setzung dieses
Stücks.

Erfahrung ohne Programmatik 
Denn die Einleitung, in der Caren Jeß ihre Großmutter Erdmuth umkreist, ist mehr als ein privater Auftakt. In ihr liegt eine Blaupause für das, was die drei folgenden Dramolette durchspielen. Die wenigen biografischen Angaben – Kriegskindheit, Notabitur, „auf einem Hof in Stellung gehen“ – verweisen auf eine historische Erfahrung: auf ein weibliches Leben; auf eine Generation, für die Bildung kein offener Weg war; auf Lebensläufe, in denen Arbeit, Funktion und Anpassung nicht gewählt, sondern auferlegt waren.
Man spürt in der Figur der Großmutter keine politische Selbstauskunft, keinen rückblickenden Kommentar. Es gibt keinen Satz des Typs: So war das eben als Frau auf dem Land! Stattdessen erzählt Jeß von Vorlieben und Abneigungen, von Fleischverzicht, von Fischscheu, von einem Hahn, der das Kind beim Füttern attackiert, von einer Lehrerin, die ein Mädchen ins Wasser stößt. Aus heutiger Sicht lassen sich diese Szenen ohne Mühe als Gewalt lesen: als körperliche Übergriffe, als Erziehungsmaßnahmen, als Zumutungen einer Zeit, in der Härte oft mit Notwendigkeit verwechselt wurde. Und doch entsteht daraus bei Erdmuth keine Programmatik. Sie verzichtet. Sie entzieht sich. Sie macht, wie es im Text heißt, „kein Drama daraus“.
In einem bäuerlichen Nachkriegsdeutschland ist der Verzicht auf Geflügel und Fisch alles andere als selbstverständlich. Er erscheint nicht als Lebensstil, nicht als moralische Überlegenheit, sondern als Folge gelebter Erfahrung. Diese Großmutter ist keine Theoretikerin, aber sie verkörpert etwas, das den Dramoletten später fehlt: eine Form der Wahrnehmung, die vor aller Einordnung liegt.

"Frage: Wem würdest du mehr trauen, einem Vogel oder deiner Fantasie?“  Caren Jeß – Bookpink: New arrivals

Ordnungen der Welt
Denn Bookpink: New Arrivals ist ein Stück der Ordnungen. In allen drei Teilen geht es um Abweichung – um das, was nicht ins System passt, stört, herausfällt, irritiert. Und in allen drei Teilen wird versucht, diese Abweichung zu erklären. Mal biologisch, mal medizinisch, mal durch Wahrnehmung und Erinnerung. Was sich verändert, ist weniger das Problem als die Sprache, in der es verhandelt wird.

Natur als Argument
In Die Adler wird diese Sprache von Anfang an als Natur ausgegeben. Stärke, Selektion, Härte, Überleben – all das erscheint nicht als Ideologie, sondern als Selbstverständlichkeit. Die Nähe zu faschistischen und sozialdarwinistischen Denkfiguren ergibt sich aus seiner Struktur:  Gesellschaftliche Verhältnisse werden naturalisiert. Gewalt erscheint nicht als Entscheidung, sondern als Folge eines „natürlichen“ Gefüges. Wer stark ist, setzt sich durch;  wer schwach ist, fällt heraus. Die Mutterfigur spricht aus einem Weltbild, das seine eigenen Voraussetzungen nicht mehr hinterfragt. 
Die Übertragung biologischer Kategorien auf soziale Ordnung – Auslese, Überlegenheit, Lebensrecht – gehört zu den Grundbewegungen  faschistischen Denkens. Zugleich bleibt Bookpink: New Arrivals nicht im Historischen stehen. Denn auch heute werden Härte, Konkurrenz und Anpassungsfähigkeit gern als Realismus verkauft. Nicht mehr unbedingt unter dem Zeichen der Nation, aber unter dem von Leistung, Effizienz, Resilienz. Was als „natürlich“ gilt, bleibt politisch wirksam, gerade weil es sich nicht mehr als politische Setzung zu erkennen gibt. 
Interessant ist, dass der Text diese Ordnung zugleich behauptet und unterläuft. Renz, das schwache Kind, ist der Fehler im System. Seine bloße Existenz widerspricht der Logik, die ihn entwertet. Auch seine Erinnerungen bleiben unsicher, die Schuldfrage zerfasert, das Geständnis trägt nicht ganz. Es ist, als würde der Text die Sprache einer totalen Ordnung ausprobieren, um an ihren Rissen entlang hörbar zu machen, dass sie sich nur behauptend versichert. 
Dabei ist ein weiterer Aspekt wichtig: Die Gewaltform verändert sich. Der Abweichler wird nicht einfach vernichtet, sondern ausgelagert, kategorisiert, in ein Reservat überführt, ausgestellt. Ausschluss funktioniert nicht nur als Eliminierung,  sondern als Verwaltung. Das „Andere“ bleibt sichtbar – aber nur innerhalb eines Rahmens, der es als anders markiert.

Medizin als Ordnung
Nullipara Kolibri macht diese Ordnung institutionell. Jetzt ist es nicht mehr die Natur, die spricht, sondern die Medizin. Wieder wird ein Körper beschrieben, klassifiziert, in ein System eingetragen. Wieder ist die Frage nicht: Was will diese Figur? Sondern: Unter welchen Bedingungen wird ihr Begehren überhaupt lesbar? Der medizinische Fachbegriff „Nullipara“ ist dafür bezeichnend, da er eine Frau beschreibt, die noch kein Kind geboren hat. Eine Existenz wird also über ein Fehlen markiert – und dieses Fehlen ist keineswegs neutral, sondern an reproduktive Normen gebunden.
Fragen der reproduktiven Freiheit – wer über Schwangerschaft, Sterilisation, Mutterschaft, Fortpflanzung entscheidet – haben in den letzten Jahren neue Dringlichkeit gewonnen. Insofern ist Nullipara Kolibri ein Text darüber, wie sehr weibliche Körper auch dort umkämpft bleiben, wo sie scheinbar unter dem Schutz moderner Institutionen stehen.
Gleichzeitig liegt die politische Relevanz dieses Dramoletts nicht allein in der feministischen Linie, sondern ebenso in seinem Verhältnis zur Wissenschaft. Dr. Februar und Herr Titsch sind nicht einfach Karikaturen kalter Ärzte. Sie verkörpern eine Logik: den Drang zur Innovation um ihrer selbst willen. Der Versuch, neue medizinische Verfahren an lebenden Subjekten zu erproben, erscheint nicht als Ausnahme, sondern als Selbstrechtfertigung eines Systems. „Was sollen wir mit neuen Techniken, wenn wir sie nicht ausprobieren?“ – in einem solchen Satz verdichtet sich ein Wissenschaftsverständnis, das Risiko nicht als Störung, sondern als Begleiter des Fortschritts behandelt.

Wahrnehmung ohne Haltung
Mit Nikki die Kanarie verschiebt sich die Lage noch einmal grundlegend. Im dritten Dramolett beginnt Ordnung selbst unsicher zu werden. Die geheimnisvolle Murmel spricht, aber sie  spricht aus einer eigentümlich entkörperlichten, unzuverlässigen Position. Ihre Bilder stimmen nicht immer mit dem überein, was wir über Cord zu wissen meinen. Man kann die Murmel als Beobachterin lesen, aber ebenso als Fantasieprodukt eines sterbenden, einsamen Mannes.  Vielleicht ist sie beides. Die Perspektive, die Orientierung verspricht, ist selbst nicht zuverlässig.
Cord ist keine emblematische Figur, aber er steht doch für eine gesellschaftliche Realität, die immer sichtbarer wird: Alter, Vereinsamung, soziale Ausdünnung, das Leben in einer spätmodernen Peripherie, in der Bindungen wegbrechen und die wenigen verbleibenden Beziehungen umso aufgeladener werden. Der Mensch, der hier auftritt, erscheint nicht als souveränes Zentrum, sondern als Gegenstand von Wahrnehmung, Projektion und Zerfall.

Die Fabel als Form
Genau an diesem Punkt wird auch die Fabeltradition interessant. Seit der Antike erzählen Menschen Geschichten mit Tieren, wenn es um menschliche Verhaltensweisen geht. Tiere schaffen Distanz; sie machen Muster sichtbar, indem sie sie verschieben. Die Fabel arbeitet mit Vereinfachung, Zuspitzung, Typisierung. Man könnte sagen: Sie kennt die Plakativität als Mittel.
Bookpink: New Arrivals nimmt diese Tradition auf, aber nicht, um Moral zu liefern. Die Tiere in diesem Text erklären uns nicht einfach die Menschen. Sie sind keine stabilen Chiffren. Vielmehr zeigen sie, wie schnell sich Ordnungen bilden, wenn wir Verhalten in Typen, Körper, Arten übersetzen. Die Fabel wird hier als Form der Verfremdung gebraucht. Dass am Ende mit Cord ein Mensch selbst in diese Tierwelt hineingerät, verschiebt das Gefüge endgültig.

Eine andere Form von Wahrnehmung
Und so führt alles am Ende zurück an den Anfang. Zur Großmutter. Zu Erdmuth. Wenn Caren Jeß ihre Großmutter nicht nur erinnert, sondern ihr auch den Text anvertraut, dann geschieht etwas, das über biografische Hommage hinausgeht. Diese Frau, deren Leben von Krieg, Arbeit und Verzicht geprägt war, wird zur stillen Lehrmeisterin einer anderen Wahrnehmung. „Hör mal“ heißt dann nicht nur: hör den Vogel. Es heißt auch: hör genauer hin, wo Begriffe zu schnell sitzen. Hör auf den Tonfall von Ordnung. Hör auf das, was sich entzieht. Hör auf die Gewalt, wenn sie als Selbstverständlichkeit daherkommt. Hör auf das Komische, wenn es etwas Ernstes trägt. Hör auf den schrillen Laut, wo Sprache an ihre Grenze kommt. 
Vielleicht ist das auch eine Einladung, Theater anders zu sehen – oder eben zu hören. Nicht immer als Ort, an dem  Bedeutungen festgezurrt werden, sondern als Raum, in dem Wahrnehmung verschoben wird. Nicht jede ästhetische Erfahrung muss ihre Relevanz sofort beweisen. Manchmal liegt sie darin, dasssie eine andere Aufmerksamkeit einübt. Bookpink: New Arrivals tut das auf eigensinnige Weise: zwischen Fabel und Fragment, zwischen politischer Setzung und formaler Verfremdung, zwischen Albernheit und Ernst. Wer sich darauf einlässt, muss nicht alles überzeugend finden. Aber vielleicht hört man nach diesem Abend anders hin.