Programmzettel Der Gesang des Pottwals

Über die Kraft der Kunst Ein Gespräch

11. Mai 2026, drei Wochen vor der Premiere von Der Gesang des Pottwals treffen wir auf der Terrasse des Deutschen Theaters den Autor, den Regisseur und den Dirigenten des Stücks zu einem Gespräch.

Dramaturg   Hallo in die Runde.
Autor   Ganz schön kalt geworden.
Dirigent   Ja, das sind die Eisheiligen.
Regisseur   Ich hoffe, es wird nächste Woche wärmer, da sind wir dann zum ersten Mal auf der Bühne.
Dramaturg   Das Stück, also die Dialoge und Szenen, sind ja eigens für das Projekt entstanden. Wie ist das als Regisseur, einen bisher nicht erprobten Text zu inszenieren – und dann noch im Freien?
Regisseur   Das ist natürlich eine Herausforderung. Erstmal muss man überprüfen, ob der Text auf dieser Bühne funktioniert.
Autor (Lacht)   Na aber das hoffe ich doch!
Regisseur   Naja, so selbstverständlich ist das nicht. Bei meinen letzten Arbeiten hier am Haus (Die Insel der Perversen und Hitlers Ziege und die Hämorrhoiden des Königs, Anm. d Red.) hatte ich es mit ziemlich chaotischen Stückvorlagen zu tun. Da musste man dann ziemlich viel dazu erfinden, um überhaupt einen Abend daraus zu machen.
Dramaturg   Und wie ist es hier?
Regisseur   Ich glaube ich kann ehrlich sein...
Autor   Jetzt bin ich aber gespannt...
Regisseur   Wir haben einige Szenen komplett gestrichen, weil sie nicht gut waren.
Autor (Kneift die Augen)   Moment, was meinst Du mit „nicht gut“?
Regisseur   Tut mir leid, dass ich das sagen muss, aber einige Szenen sind ziemlich an den Haaren herbeigezogen.
Autor   Aber entschuldige mal. Das Stück beruht auf Recherche. Der ganze Politkrimi im Hintergrund, die weltweiten Verstrickungen, die Undercover-Ermittlung im Fischhändlermilieu. Das hat mich Monate gekostet.
Regisseur   Am Ende muss es halt spielbar sein …
Autor   Und was ist daran nicht spielbar?
Regisseur   Darf ich Dich an die Szene erinnern, in der sich alle nackt ausziehen sollten und dann als gestrandete Wale auf der Bühne rumliegen?
Autor   Das ist die zentrale Metapher des Stücks! Das Paradiesmotiv! Der Wal zeigt uns, wie verwundbar wir sind.
Regisseur   Unspielbar!
Autor   Wer den Wal rettet, rettet das ganze Land – nein, was sag ich: die Welt! Der Wal führt uns zurück zu uns selbst.
Regisseur   Eine reine Papieridee …
Autor   Dann lass dir halt was einfallen!
Regisseur   Entschuldigung, aber das ist Kunstkacke! Kitsch …
Autor   Ach ja, und warum?
Regisseur   Ja, warum denn wohl!?
Autor   Ich fass es nicht!
Dramaturg (Unterbricht)   Gut, gut, danke, danke.
Autor   Nix, danke, danke … ihr steckt wohl unter einer Decke, oder was?
Dramaturg   Ja, gut, bis hierher vielleicht erstmal. Ich würde auch gerne noch auf die Musik zu sprechen ….
Autor   Ich wusste von Anfang an, dass das nicht gut geht. Man kann einem Zyniker nicht die Rettung der Welt anvertrauen … einem Menschen ohne jede Empathie. Das ist das Ende des Theaters.

„Wir werden die Spiegel der Wahrheit sein.“ aus Der Gesang des Pottwals

Dramaturg   Es gibt ja daneben auch noch die Oper Il canto del capodoglio von Giacomo Antonio Domenico Michele …
Autor   Ihr seid das Schlachtermesser der Kunst!
Dramaturg   Ja, Danke … es gibt ja auch noch die Oper Il canto del capodoglio von Giacomo Antonio Domenico Michele Secondo Maria Puccini, auf der das Stück beruht. Ich möchte jetzt mal den Dirigenten fragen: wie bist du da vorgegangen?
Dirigent   Na ja, das ist natürlich eine fantastische Musik, die wir unbedingt drin haben wollten, auch wenn wir hier im Moment unter besonderen Bedingungen arbeiten.
Dramaturg   Inwiefern?
Dirigent   Naja, räumlich … finanziell … personell … in jederlei Hinsicht …
Autor   Entschuldigung, ich muss da jetzt doch nochmal nachfragen: Für mich ist der Wal ein Symbol.
Dramaturg   Für was?
Autor   Für alles. Wo er auftaucht, schafft er Fakten – und die dahinter stehende Frage ist: Lassen wir die Dinge geschehen oder greifen wir ein? Tragen wir Verantwortung oder bleiben wir passiv? Das treibt mich wirklich um. Wie reagieren wir auf die antidemokratischen Deutungsmuster der Gegenwart, auf den Neoliberalismus und die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche, auch auf die Herrschaft der Finanztechnokraten, die dem Aufstieg der Rechten in Europa Tür und Tor öffnen. Es ist ein Stück über Widerstand. Über die Kraft der Kunst. Über Hoffnung. Wissen Sie, dass das Herz eines Wals einen Durchmesser von einem Meter hat? Mich rührt das. Diese Friedfertigkeit. Und ich möchte wissen, ob die Inszenierung das  berücksichtigt?!
Regisseur   Wir mussten improvisieren … auch musikalisch übrigens: Die Originalmusik war auf Dauer sehr ermüdend – was sich als interessanter erwiesen hat, sind Mischungen: Musical, Chanson, Pop, neuere Klassiker: Reinhard Mey zum Beispiel.
Autor   Reinhard Mey tritt auf? Wieso?
Regisseur   Na ja, (lacht) Reinhard Mey haben wir nicht gekriegt, aber ein Schauspieler singt ein Lied im Stile Reinhard Meys. Er macht das toll! Täuschend echt …
Dramaturg   Und das funktioniert?
Regisseur   Ich finde schon, wir sind ja im Theater. Die Leute wollen abgeholt werden und mitsingen, die bezahlen dafür …
Autor   Ist das Deine Idee? Du willst mit einem Griff ins Evergreen-Regal den Ausverkauf der Welt abwenden? Ein Liederabend gegen den Neoliberalismus? Kleinkunst gegen den Kommerz? Das ist echt das Dümmste, was ich je gehört habe.
Regisseur   Soll ich dir das Stück erklären?
Autor   Wäre vielleicht gar nicht so schlecht.
Dramaturg   Mich würde noch interessieren, ob der Buckelwal in der Ostsee bei der Entwicklung des Abends eine Rolle gespielt hat.
Autor   Welcher Buckelwal? Hab ich gar nicht mitbekommen.

E dalle onde si erge

Das Lied von der großen Illusion
Durch die Zeiten, durch die Welten
fliegt ein ewiges Lied,
Das aus den Tiefen der Meere sich in
die höchsten Lüfte erhebt.

Die Ballade vom Meer
Ruut op See, ruut op See,
Bet wi dat Leevste nich mehr sehn,
Ruut op See, ruut op See föhren wi!

Euer Mut, unser Mut
Unser Mut ist noch der gleiche,
Wir müssen ihn befrein,
Und dann werden wir uns versammeln,
Um für Veränderung bereit zu sein …

Der Schatz
Blutampfer, Kratzdistel,
Knoblauchsrauke, Sauerklee,
Brennessel und Kressensaat,
Fertig ist der Wildkräutersalat …

Jodler aus dem Hochhäusertal
Die Noocht so hell als wia da Doog,
Unsre Herzen dunkel wia a Groob,
Kimm her zu mir, du meine Traurigkeit,
I hob di gern, du bist mei ganze Freid …


Das Lied von den alten Männern
Alte Männer haben Sehnsucht
Nach anderen alten Männern …


Tief in mir drin
Aber wenn ich dann nach Hause komm,
Die drei Stunden am Tag,
Mach ich mir einen Tee,
Und esse meinen Lieblingsquark …

E dalle onde si erge
Und aus den Fluten steigt empor
Mächtig und gewaltig, ein Wesen,
Größer als alles andere, der Pottwal.
O Welt! Wie hast du solch Wesen erschaffen können …


In meinem Theater
In meinem Theater mach ich alles allein,
Heute bin ich Intendant, morgen
werd ich Putzfrau sein,
Ich verkaufe den Sekt, auf der Bühne steh ich auch,
Und am Ende, wen wundert‘s, gebe ich den Applaus.