Was denkbar ist von Christopher-Fares Köhler
Friedrich Dürrenmatt wird am 5. Januar 1921 in einem kleinen Dorf in der Schweiz geboren. Sein Vater ist reformierter Pfarrer; die Religion prägt seine Kindheit. Von seinen Mitschülern wird er verspottet, und die Schulzeit erlebt er als Gefängnis, als Ort der Fremdbestimmung. Eine Krankheit unterbricht seine schulische Laufbahn und zwingt ihn zum Hausunterricht, eröffnet ihm jedoch durch einen Lehrer zugleich einen anderen Zugang zur Welt und weckt seine Faszination für die Astronomie, die sein künstlerisch-literarisches Werk später beeinflussen wird.
1935 zieht die Familie während der Weltwirtschaftskrise nach Bern. Dürrenmatt beginnt, sich gegen die Religion und das Leben seines Elternhauses aufzulehnen. Die Wissenschaft hingegen eröffnet scheinbar Räume des Hinterfragens, ohne endgültige Antworten zu liefern. Er beginnt ein Studium der Philosophie und Naturwissenschaften, das er jedoch später abbricht. Aus dieser Unsicherheit heraus entwickelt sich sein künstlerischer Zugriff auf die Welt und schließlich die Entscheidung, Schriftsteller zu werden. 1947 bringt Kurt Horwitz in Zürich Dürrenmatts Stück Es steht geschrieben zur Uraufführung; es wird zum Theaterskandal, bleibt jedoch erfolglos. Erst 1950 gelingt Dürrenmatt der Durchbruch als Theaterautor. Es folgen bekannte Stücke wie Der Besuch der alten Dame, Romulus der Große und auch Die Physiker. Friedrich Dürrenmatt avanciert zu einem der wichtigsten Theaterautoren seiner Zeit.
"Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich.“ Friedrich Dürrenmatt Die Physiker
Der historische Hintergrund von Die Physiker (1961) ist unweigerlich mit den Spannungen des 20. Jahrhunderts verbunden. Das Stück entsteht in einer Zeit, in der wissenschaftlicher Fortschritt längst politische Realität geworden ist. Der Kalte Krieg prägt das Denken in Polaritäten: Sozialismus gegen Kapitalismus, Ost gegen West. Das atomare Wettrüsten zwischen der ehemaligen UdSSR und den USA überschattet jede Vorstellung von Zukunft. Auch der zerstörerische Zweite Weltkrieg wirft seine tiefen, dunklen Schatten. Ein Beispiel: Albert Einstein warnt 1939 in einem von ihm unterzeichneten Brief (Einstein-Szilárd-Brief) an US-Präsident Roosevelt vor der Möglichkeit, dass das nationalsozialistische Deutschland die Kernspaltung zum Bau einer Atombombe nutzen könnte. In der Folge entsteht in den USA das Manhattan-Projekt, in dem unter der Leitung von J. Robert Oppenheimer die Atombombe entwickelt wird. Sechs Jahre nach Einsteins Brief treffen amerikanische Atombomben die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki. Sie töten augenblicklich mehr als 100.000 Menschen, und das Wettrüsten nimmt seinen Lauf. Zugleich zeigt sich eine folgenschwere Verbindung zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und militärischer Anwendung: Einsteins Relativitätstheorie liefert mit der Formel E = mc² eine zentrale Grundlage für das Verständnis der Energiefreisetzung bei der Kernspaltung.
Erkenntnisse, die aus Neugier und Forscherdrang hervorgegangen sind, verwandeln sich in Instrumente globaler Bedrohung. Die Möglichkeit totaler Zerstörung wird zur konkreten Perspektive. Wissenschaftlicher Fortschritt wird Teil politischer Machtstrukturen, eingebunden in Interessen, die über das Individuum hinausgehen.
Im Zentrum steht das Denken selbst. Jede Vorstellung trägt den Keim ihrer Umsetzung in sich. Die sogenannte Weltformel, die der Physiker Möbius entdeckt haben soll, wird zum Symbol dieses Anspruchs: der Versuch, die Welt vollständig zu erfassen und kontrollierbar zu machen. Doch dieser Anspruch bleibt ambivalent. Die Reduktion von Komplexität schafft Klarheit und zugleich Gefahr. Denn was berechenbar ist, wird nutzbar. Und was nutzbar ist, kann eingesetzt werden, zum Vorteil oder zur Zerstörung. Auch gegenwärtig sind die Themen atomare Bedrohung, Wettrüsten und globale Machtverhältnisse aktueller denn je und überschatten die Welt und unsere gemeinsame Zukunft. Friedrich Dürrenmatt fasst es in seinen 21 Punkten zu den Physikern prägnant zusammen: „Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen.“
Zwischen Erkenntnis und Untergang von Nina Precht
In einem Zeitalter der Wissenskultur bedeutet rasanter wissenschaftlicher Fortschritt (politische) Macht, und die Fragen nach Pflicht und Verantwortung werden unabdingbar. Wenn selbst Wissenschaftler:innen vor dem schnellen Fortschreiten der KI warnen, wird es immer dringlicher, die Grenzen auszuloten und sich zu fragen: Wie weit darf man gehen? Wie handelt man gewissenhaft, wenn die Auslöschung der Menschheit als Möglichkeit in den Raum gestellt wird, da sowohl atomare Angriffe als auch die Bedrohung durch KI aktueller denn je erscheinen?
Was einmal gedacht und veröffentlicht wurde, kann nicht mehr rückgängig gemacht werden, ist damit für alle zugänglich und kann für gefährliche Zwecke und Absichten genutzt werden. Diese potenziell gefährlichen Erfindungen sind von ihrer naturwissenschaftlichen Erkenntnis unabhängig; der Laie muss nicht mehr verstehen können, wie sie funktionieren, um sie zu bedienen. Kriege können mittlerweile mit künstlicher Intelligenz geführt werden, sodass der Mensch sehr viel einfacher über seine Skrupel hinwegsehen kann und damit noch mehr Grausamkeit ermöglicht wird. Das eröffnet gänzlich andere Möglichkeiten der Kriegsführung und verlangt nach neuen Formen der Regulierung. Da das Handeln der Wissenschaftler:innen weitreichende Folgen hat, müssen diese sich folglich auch mit philosophischen Fragen auseinandersetzen. Enorme Wettstreite um neue Erkenntnisse und technischen Fortschritt schrauben sich zwischen einigen Staaten immer weiter hoch.
Im Stück heißt es an einer Stelle: „Politische Systeme müssen der Wissenschaft aus der Hand fressen“. Damit rücken Machtmissbrauch und Korruption in bedenkliche Nähe, sodass wir mit der Perspektive konfrontiert werden, dass KI-Forscher:innen zu den Technokrat:innen der Zukunft werden könnten.
„Die Physiker ist eine Komödie im Angesicht des größten Schreckens.“ Regisseur Bastian Kraft über Die Physiker
Machtbesitz verschiebt sich, und nun sind es diejenigen, die vermeintlich nichts mit Politik zu tun haben, die die Zügel in der Hand halten und sich ihrer Pflichten bewusst werden müssen. Noch wehren sich einige Tech-Unternehmen gegen die Bestrebungen der Staaten, sie für Verteidigungszwecke zu verpflichten, doch wie lange können sie noch standhalten in politischen Systemen, die immer autoritärer zu werden drohen? Befinden wir uns also schon inmitten eines zweiten Kalten Krieges? Und ist die KI die Atombombe der heutigen Zeit?
In Die Physiker befindet sich Möbius vor einem solchen Gewissenskonflikt über seine gesellschaftliche Verantwortung, nachdem er die sogenannte Weltformel aufgestellt hat. So grotesk und komisch das Stück in Teilen anmuten mag, so verheerend sind dennoch die Entscheidungen, die er in dieser Zwangslage treffen muss. Regisseur Bastian Kraft beschreibt Dürrenmatts Stück selbst so: „Die Physiker ist eine Komödie im Angesicht des größten Schreckens“.
Möbius betreibt radikale Selbstzensur, indem er seine Erkenntnis der Gesellschaft vorenthält, sich krank stellt, vor der Welt flieht und sich auf tragische Weise für immer von seiner Familie verabschiedet, um lebenslang in der Heilanstalt zu bleiben. Als Schwester Monika ihm ihre Liebe gesteht und droht, ihn zu durchschauen, steht er vor einem gravierenden Dilemma, und sein Lügengerüst lässt sich nur aufrechterhalten, indem er eine folgenschwere Entscheidung trifft. Er dankt allem Menschlichen ab und ist bereit, sich für die Sicherheit der Menschheit auf ewig selbst zu bestrafen.
Aber kann das die einzig richtige Entscheidung sein? Selten ist im Vorhinein berechenbar, was alles mit einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis möglich ist, und die Moralfrage liegt in der Hand der Gesellschaft. Wäre dann nicht eine offene Kommunikation über die Risiken seitens der Forschenden essenziell? Aber kann man der Gesellschaft dann auch vertrauen? Die Herausforderung unserer Zeit liegt vielleicht weniger im Fortschritt selbst als im verantwortungsvollen Umgang mit seinen Konsequenzen. Gerade darin zeigt sich die anhaltende Aktualität von Dürrenmatts Warnung vor der untrennbaren Verbindung von Erkenntnis und Verantwortung als Versuch, zerstörerischen Entwicklungen vorzubeugen.