Programmzettel Polaris
No Man’s Land oder Clowns im ewigen Eis von Daniel Richter
Grenzen des Verstehens
Im Jahr 1961 schrieb der polnische Autor Stanisław Lem seinen dystopischen Weltbestseller Solaris, den Andrei Tarkowski elf Jahre später durch eine geniale Verfilmung zum Meilenstein des Science-Fiction-Kinos machte. Der Psychologe Kris Kelvin bricht zu einer Raumstation oberhalb des Planeten Solaris auf, nachdem sich dort mysteriöse Dinge ereignet haben und die verbliebenen Forscher an Wahnvorstellungen leiden. Der Planet Solaris besitzt zwei Sonnen, eine blaue und eine rote, und ist fast vollständig von einem plasmaartigen Ozean bedeckt, der keine spezifische Geografie oder Ökologie erkennen lässt. Er kommuniziert mit den Menschen, aber nicht in einer Sprache, die der Mensch verstehen könnte. Stattdessen verständigt er sich mit Bildvorräten aus dem Innenleben seiner Besucher*innen.
Was auftaucht, sind keine Halluzinationen, sondern verkörperte Erinnerungen, Fragmente von Schuld, Liebe und Verlust. So wird Solaris zu einem paradoxen Gegenüber: radikal fremd und zugleich erschreckend vertraut. Jede Annäherung wird zur Selbstbegegnung. Das Fremde offenbart weniger sich selbst als die Grenzen des menschlichen Verstehens.In dem Bestreben des Menschen, mit dem Kosmos in Kontakt zu treten, offenbart sich seine Suche nach dem eigenen Spiegelbild. Das Fremde bleibt dabei als existentes Gegenüber unergründet und rätselhaft.
Das endlose Weiß
Als reine, weiße Landschaft ist die Antarktis eine unbeschriebene Karte. Doch diese Leere ist trügerisch. Seit Jahrhunderten liegt die Antarktis am Rand der Vorstellungskraft, umgeben von Mythen, Sehnsüchten und Schweigen. Schon lange bevor der Kontinent betreten wurde, existierte er in den Köpfen der Menschen: als Terra Australis Incognita. Kartografen zeichneten ihn ein, obwohl niemand ihn gesehen hatte.
Mit den Expeditionen des 19. und frühen 20. Jahr hunderts bekam die vermeintliche Leere erste Konturen. Namen wie Scott, Amundsen oder Shackleton stehen für heroische, oft tragische Unter nehmungen. Besonders die gescheiterte Terra-Nova-Expedition von Robert Falcon Scott oder Shackletons legendäre EnduranceMission haben sich tief in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben – als Geschichten von Mut und gleichermaßen von menschlicher Hybris. Neben diesen historischen Berichten entstanden zahlreiche fiktionale Erzählungen.
Obwohl Satelliten mittlerweile jeden Winkel kartografieren können, bleibt die Antarktis im kulturellen Sinne offen – eine Fläche, die immer wieder neu mit Bedeutung aufgeladen wird. Die Antarktis ist kein festgeschriebener Ort, sondern ein Spiegel. Sie reflektiert die Fragen, die wir an die Welt stellen – über Grenzen, über Entdeckung, über das, was jenseits unseres Wissens liegt. Und so wird sie, trotz allerwissenschaftlichen Erschließung, immer auch das bleiben, was sie von Anfang an war: die Kartographierung eines anthropozentrischen Weltzugangs.
„Antarctica doesn’t want us to be here.“ aus Polaris
Faszinosum Antarktis
Die Antarktis ist ein Kontinent der Extreme. Sie liegt rund um den Südpol und ist fast vollständig von einem mächtigen Eisschild bedeckt. Dieser Eisschild speichert etwa 70 Prozent des weltweiten Süßwassers. Mit Temperaturen von unter −50 °C, Fallwinden und endlosen Polartagen und -nächten ist sie lebensfeindlich für den Menschen. Dennoch existiert hier ein besonderes Ökosystem mit Krill, Robben, Walen und vor allem Pinguinen wie dem Kaiserpinguin, die das Landschaftsbild prägen.
Politisch ist die Antarktis ein Sonderfall: Der Antarktisvertrag von 1959 regelt Frieden und Wissenschaft, verbietet militärische Nutzung, friert territoriale Ansprüche ein und fördert internationale Kooperation. Ökonomisch bleibt die Antarktis weitgehend unerforscht und die Förderung vermuteter Rohstoffe stark eingeschränkt durch Abkommen. Bedeutender ist die Antarktis als Forschungsraum und Schlüsselregion für das Verständnis globaler Klim aprozesse: Eis beeinflusst den Meeresspiegel, Meere regulieren Wärmeströme, deren Veränderungen sich global auswirken. Sie bleibt ein Ort, der weniger durch menschliche Gestaltung definiert wird als durch das, was er über uns offenbart: unsere Abhängigkeit von planetaren Prozessen, die Begrenztheit politischer Ordnung und die Erkenntnis, dass manche Räume sich nie vollständig in menschlichen Kategorien erfassen lassen.
The story behind the story
Von Ende Januar bis Ende Februar 2026 reisten der Regisseur Jan-Christoph Gockel, der Doku mentarf ilmer Lion Bischof und die Schauspieler:*nnen Julia Gräfner und Wolfram Koch auf den Spuren eines Verbrechens in die Antarktis. Auslöser war ein Vorfall, der sich 2018 ereignete und für Schlagzeilen sorgte: Sechs Monate lang hatten zwei Techniker zusammen auf der russischen Bellingshausen-Station auf King George Island zusammengearbeitet, als der Techniker Sergeij S. seinen Kollegen Oleg B. mit einem Messer attackierte und lebensbedrohlich verletzte. Der Täter wurde kurzerhand in eine orthodoxe Kirche gesperrt, wo er wochenlang ausharren musste, bis er ausgeflogen werden konnte. Die russischen Ermittler, die den Fall untersuchten, kamen zum Schluss, dass Oleg B. angegriffen wurde, weil er Sergeij S. immer wieder den Ausgang von Büchern verraten hatte.
Das künstlerische Team um Jan-Christoph Gockel hielt sich zur Recherche auf der Polarstation Neumayer III auf, die seit 2009 auf dem Ekström Schelfeis im atlantischen Sektor der Antarktis vom Alfred-Wegener-Institut in Betrieb genommen wurde und bis heute die Basis für die deutsche Antarktisforschung bildet. Dort leben und arbeiten ganzjährig Wissenschaftler*innen. Die Station bildet einen eigenständigen Organismus, der das Überleben der Menschen in dieser lebensfeind lichen Region ermöglicht. Ein Fremdkörper in der Weite der unberührten Natur, der auf die menschlichen Bedürfnisse zugeschnitten ist. In der Winter saison wird die Station von bis zu neun jährlich wechselnden Perso nen betrieben, die alle Forschungs- und Instandhaltungs aufgaben in überschaubarer Gruppe übernehmen müssen.
In der Antarktis begleitete das künstlerische Team die Tätigkeiten der Überwinternden bei den Herausforderungen, die die Antarktis an sie stellt. Nach dem Stationsaufenthalt kamen sie mit insgesamt über 40 Stunden Videomaterial zurück nach Deutschland, darunter Gespräche, Landschafts aufnahmen, Forschungsdokumentationen und sogar eine Inszenierung im Eis mit den Bewohner*innen der Station - sehr unterschiedliches Material, das die Grundlage des Projekts Polaris bildet.
Clowns im ewigem Eis
Oleg und Sergeij – im Stück als O. und S. bezeichnet – erscheinen in Gockels Inszenierung wie zwei existenzielle Clowns: Gestalten, die zugleich absurd und erschütternd wirken, weil sie in einem Raum gefangen sind, der keine Außenwelt mehr kennt – in dem die Innenwelt zur Außenwelt geworden ist. Ein Raum der Fiktionen, ohne klare räumliche Geografie, ohne stabile Zeitstruktur, häufig sogar ohne eine eindeutige Vergangenheit im Erzählten. Er wird von den Figuren selbst aufgefüllt – durch ihre Erinnerungen, ihre Routinen, ihre sich im Kreis drehenden Gespräche.
Das Erzählen ereignet sich als Rekonstruktion in Fragmenten, wobei jedes Teilfragment in seiner Skizzenhaftigkeit für sich stehen könnte, sich aber in der Summe seiner Teile zu einer größeren Erzählung über die Antarktis verbindet. O. und S. erzählen, streiten, korrigieren sich, spulen Bildwelten, Erinnerungen und Stimmen wie aus einem inneren Gedächtnisarchiv ab. Gockel verknüpft Interviews, Dokumentation, literarische Texte und Landschaftspanoramen in einer Montage auf der Bühne miteinander, so dass zwischen ihnen Verbin dungslinien entstehen – weniger, um eine Handlung voranzutreiben, als um Zusammenhänge sichtbar zu machen. Dokumentarisches und Fiktives, mediale Realität und Bühnenrealität werden vermischt. Die Grenze zwischen Fakt und Fiktion bleibt bewusst durchlässig: Wirklichkeit erscheint nicht als feste Größe, sondern als etwas, das sich erst im Zusammenspiel verschiedener Perspektiven formt.
Die weiße Leere bleibt bei all dem nicht bloß Kulisse, sondern ein Raum, der nur so viel Welt besitzt, wie die Figuren in ihn hineinprojizieren. Gockels Polaris-Projekt ist eine vielschichtige Versuchsanordnung, die die Möglichkeiten des Verstehens von der Antarktis erprobt – offen, vielstimmig und ohne letzten Wahrheitsanspruch, durch die das menschliche Verfertigen von Erzählungen selbst zum Thema wird. Und die Frage danach, inwieweit der Mensch in seinen eigenen Erzählungen von sich selbst gefangen bleibt.
But why?
In seinem Dokumentarfilm Begegnungen am Ende der Welt erzählt der Regisseur Werner Herzog ebenfalls über Begegnungen in der Antarktis. In einer ikonischen Sequenz zeigt er einen Pinguin, der sich, statt seiner Kolonie in Richtung Meer zu folgen, umdreht und geradewegs ins Landesinnere läuft. Dort, wohin er sich wendet, liegen endlose Gebirgszüge sowie 5000 Kilometer Kälte und Eis vor ihm. Ihn erwartet der sichere Tod. Kurz bleibt er noch einmal stehen und schaut sich um, so als wollte er uns ein letztes Mal seine Entschlossenheit bekunden, seine Welt für immer zu verlassen. Kommentierend erklingt Herzogs Stimme aus dem Off mit den Worten: „But why?”.
Herzogs Momentaufnahme vom Pinguin lässt einen ernüchtert zurück, weil in dem Moment soviel Menschliches liegt und die bittere Einsicht von den menschlichen Verfehlungen. In Polaris – Achtung Spoiler! – hat das letzte Wort die Natur selbst. O. und S. treiben auf einer einsamen Scholle hinaus auf das offene Südpolarmeer. Der antarktische Wind fegt über Zeiten und Menschen hinweg. Ebenfalls ein Kaiserpinguin, den das Team um Jan-Christoph Gockel in der Antarktis beobachten konnten, wandert durch das Bild. Zielstrebig sucht er den Weg in die Natur auf der Suche nach einer größeren Erzählung als der des Menschen.
TEXTNACHWEISE
Stanisław Lem: Solaris. Übersetzt von Irmtraud Zimmermann-Göllheim @ 2006 Felix Bloch Erben GmbH & Co. KG, Berlin.
Herman Melville: Moby-Dick. Übersetzt von Matthias Jendis © 2001 Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München.
UNSER AUFRICHTIGER DANK FÜR DIE WERTVOLLE KOOPERATION
gilt dem Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI), insbesondere Roland Koch, Marlena Witte, Maik Johanns.
WIR DANKEN ALLEN, DIE UNSERE DREHARBEITEN AUF DER NEUMAYER-STATION III UND IN KAPSTADT UNTERSTÜTZT HABEN
Tobias Birk, Stephan Borrmann, Markus Hartmann, Thomas Hoffmann, Franz Höbel, Vladimir Jäger, Eva Jensen, Zsofia Juranyi, Laura Köhler, Michael Lonardi, Dennis Ludwig, Dave Mathieson, Daniel Meyeh, Christian Mitteregger, Katharina Neuntorf, Andreas Oblender, Mireille Paquette, Christoph Petersen, Julian Reiche, Brett Sawyer, Johannes Schötz, David Simon, Frank Stratmann, Yolanda Temel, Klaus Trimborn, Armin Wilhelms, Simon Wittig
EBENSO GILT UNSER DANK FÜR DIE UNTERSTÜTZUNG DES PROJEKTS
Dr. Cornelia Ackers, Veronica Baxter, Anke Boetius, Marine Descamps, Lutz Friedrich, Hélène Gauthier, Maren Knieling sowie Staatstheater Oldenburg, Schauspiel Frankfurt, Berliner Ensemble und Staatstheater Stuttgart, Canterbury Museum und Universität Kapstadt, Meihuizen Freight (Pty) Ltd.(Meghan Dyck, Marianne Wolmarans, Shaheen Van der Schyff).