Programmzettel Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste
 

Geschichte im Konjunktiv von Jasmin Maghames

‌Diese Geschichte beginnt mit einem Berufsanfänger: Grischa Tannberg zieht 1983 nach Ost-Berlin, frisch ausgebildet und voller Tatendrang, sich dem sozialistischen System nach bestem Vermögen in den Dienst zu stellen. Als Jahrgangsbester seiner Hochschule tritt er eine Stelle in der Staatlichen Plankommission an, in der frisch gegründeten Abteilung Afghanistan. Doch schon im ersten Gespräch mit seinem neuen Vorgesetzten Ralf Burg stellt sich heraus, dass es für die Abteilung nichts zu tun gibt. Die Demokratische Republik Afghanistan braucht zwar Waren aus der DDR, besitzt aber keine Mittel zur Bezahlung. Und so besteht die Aufgabe der Abteilung daraus, in ihren Büros zu sitzen und zu überlegen, was sie als Staatliche Plankommission wohl so planen könnten. Um im Staatsapparat aber nicht untätig zu wirken, führt ihn Burg an seinem ersten Arbeitstag in eine Grundtechnik von angestellter Tätigkeit ein: das kunstvolle Warten. Man wartet darauf, dass etwas geschieht, und bleibt dabei in innerer Spannung. Man ist nicht untätig, sondern verfügbar. So erscheint es anderen, dass man durchaus ausgelastet ist, auch wenn es keine Arbeit gibt.

Grischa allerdings wartet nicht kunstvoll genug. Er liest, rechnet, vergleicht und denkt weiter. Er findet heraus, dass nur die Landwirtschaft Afghanistans über Wachstumsreserven besitzt, diese aber vor allem aus dem Anbau von Schlafmohn und Cannabis besteht. Aus einer Beobachtung wird eine Idee, aus der Idee ein Vorschlag, aus dem Vorschlag ein Plan, aus dem Plan ein Vorgang. Und so formt sich die verwegene Idee, die den gemächlichen Apparat herausfordert und größer wird, als man sich hätte vorstellen können. Sobald ein Vorgang existiert, setzt der Apparat ein: Zuständigkeiten bilden sich, Abteilungen werden hinzugerufen, wissenschaftliche Einschätzungen werden eingeholt, Risiken geprüft und Berichte verfasst. Die Idee wird größer, je ordentlicher man sie behandelt.

Reale historische Ausgangslage

Im April 1978 kam es in Afghanistan zu einem Staatsstreich durch afghanische Kommunisten, die die DR Afghanistan ausriefen. Die anschließende Reformpolitik stieß in der Bevölkerung auf starken Widerstand, den die neue Regierung gewaltsam bekämpfte. Ende 1979 griff schließlich die Sowjetunion militärisch ein und setzte Babrak Karmal als neuen Staatschef ein; Afghanistan wurde zu einem Schauplatz des Kalten Krieges.

Bereits im August 1978 eröffnete die DDR ihre Botschaft in Kabul und baute ihre Beziehungen aus. Sie erteilte Regierungskredite, lieferte technische Ausrüstung und startete Kulturprojekte. Die DDR präsentierte dieses Engagement als sozialistische Solidarität, verband damit aber auch politische und wirtschaftliche Interessen und suchte Wege für dauerhaften Handel.

Die DDR kämpfte Beginn der 1980er Jahre selbst mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Für ihre Westimporte und Schuldenrückzahlungen brauchte sie frei konvertierbare Währungen, wie den US-Dollar oder die D-Mark. Exporteinnahmen reichten zunehmend nicht aus. Doch 1983 erhielt die wirtschaftlich schwer angeschlagene, vor einem Staatsbankrott stehende DDR einen Milliardenkredit aus dem Westen. Eingefädelt wurde der ausgerechnet von Franz Josef Strauß, dem bayerischen Ministerpräsidenten und erklärten Antikommunisten, gemeinsam mit dem DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski. Nach außen ließ sich dieser Vorgang politisch erklären: als deutsch-deutsches Geschäft, als Dialogpolitik, als Beitrag zu Erleichterungen im innerdeutschen Verhältnis. An dieser Konstellation haftet ein Moment der Unwahrscheinlichkeit. Warum sollte gerade Strauß der DDR helfen? Welche Interessen, Zwänge, Rechnungen und unausgesprochenen Bedingungen mussten zusammenkommen, damit dieser Kredit möglich wurde?

Das Absurde liegt nicht außerhalb der Ordnung, es liegt in ihr.

Was wäre, wenn?

Jakob Hein nimmt diese historische Irritation nicht als Rätsel, das gelöst werden müsste, sondern als Öffnung in die Geschichte. Er behauptet nicht, so sei es gewesen; er fragt, was gewesen sein könnte, wenn man der Geschichte eine andere Vorgeschichte unterschiebt. Das ist kein Ersatz für historische Forschung, sondern eine literarische Versuchsanordnung: Ein tatsächliches Ereignis bleibt stehen, aber der Weg dorthin wird neu gelegt. Gerade darin liegt der Reiz dieser Was-wäre-wenn- Form. Sie entfernt sich von der belegten Geschichte, bleibt ihr zugleich unheimlich nah, weil sie nicht irgendeine beliebige Fantasie entwirft, sondern eine Möglichkeit, die in den Logiken der Zeit plausibel wird.

Diese Plausibilität entsteht aus Genauigkeit. Aus Amtswegen, Abkürzungen, realen Personen und Ämtern, Devisenmangel, Grenzregimen, Sitzordnungen und politischen Formeln. Denn auch die Wörter geraten in Bewegung. Solange es Haschisch heißt, ist es ein Problem. Sobald es Medizinalhanf heißt, wird es ein Produkt. Wenn es aus Afghanistan kommt, wird es ein Beitrag zur internationalen Solidarität. Wenn es Westgeld einbringt, wird es eine außenwirtschaftliche Chance. Und wenn die BRD sich darüber aufregt, ist es plötzlich sogar ein Erfolg im Klassenkampf. Die Sache selbst verändert sich nicht. Aber mit jedem neuen Begriff ändern sich die Zuständigkeiten, Bedenken und Begehrlichkeiten.

Die Komik der Geschichte kommt nicht daher, dass alle unvernünftig handeln. Im Gegenteil: Sehr oft handeln die Figuren auf ihre Weise korrekt. Sie prüfen, verweisen auf Zuständigkeiten, wägen Risiken ab. Das Absurde liegt nicht außerhalb der Ordnung, es liegt in ihr. Je formaler ein Problem behandelt wird, desto realer wird es. Je mehr Instanzen sich damit befassen, desto weniger kann man so tun, als gäbe es nichts zu entscheiden.

Dass diese Geschichte komisch ist, macht sie aber nicht harmlos.

Bürokratie als Form

Das macht den Stoff für das Theater besonders interessant. Bürokratie ist hier nicht nur Thema, sondern bereits eine Form der Dramaturgie. Sie erzeugt Räume, Pforten, Büros, Kantinen, Grenzübergänge und Verhandlungsorte. Sie erzeugt auch Bewegungen, die sich immer wiederholen. Warten, eintreten, melden, vortragen, protokollieren, stempeln, sich setzen, wieder warten. Und es entstehen Hierarchien, die auf einer Bühne sofort sichtbar werden. Wer sitzt in der Mitte. Wer spricht zuerst. Wer darf unterbrechen. Wer bleibt am Rand. Wer ist offiziell zuständig, wer entscheidet tatsächlich.

Auf der Bühne kann diese Geschichte anders erscheinen als im Roman. Was dort erzählt, kommentiert oder historisch eingeordnet wird, muss hier zu Situation werden. Ein Apparat ist nicht nur ein System aus Regeln, sondern ein System aus Körpern im Raum. Menschen stehen vor Türen, sitzen an Tischen, halten Akten in der Hand, sehen einander an oder vermeiden genau das. Warten ist keine abstrakte Erfahrung, sondern eine Haltung. Komik entsteht nicht nur aus Sätzen, sondern aus Verzögerungen, Blicken, falschen Pausen, zu langen Wegen und der Frage, wer gerade so tut, als sei alles unter Kontrolle.

Die Störung im System

Im Zentrum steht dabei keine klassische Widerstandsfigur. Grischa ist kein Dissident, der den Apparat sabotiert, der ausbrechen möchte. Er ist auch kein Zyniker, der längst begriffen hat, wie man sich durchschlängelt, oder nach Möglichkeiten dafür sucht. Aber er wird gefährlich, weil er an das glaubt, was ihm beigebracht wurde. Er glaubt an Planung, an internationale Zusammenarbeit, an sinnvolle Arbeit und den sozialistischen Grundgedanken. Er macht den Fehler, die großen Wörter nicht wie die anderen als Dekoration zu behandeln und bringt dadurch eine Ordnung ins Rutschen, die eben auf Routine, Vorsicht und stillschweigender Begrenzung beruht. Die Störung kommt nicht von außen. Sie entsteht im Inneren des Systems, aus seinem eigenen Versprechen.

Gleichzeitig bleibt die Geschichte nicht bei einer DDR-Satire stehen. Sobald die Idee die Grenze erreicht, geraten auch die westdeutschen Apparate in Bewegung. Die Bundesrepublik erscheint hier nicht einfach als Gegenwelt, sondern als eigener Verwaltungs- und Sicherheitsraum, der dem auf der anderen Seite der Mauer in nichts nachsteht. Auch hier wird abgewogen, vertuscht, erklärt und kalkuliert. Auch hier braucht es eine Erzählung, mit der eine Entscheidung nach außen hin tragfähig wird. Die Grenze trennt zwar zwei Staaten, aber nicht unbedingt zwei Arten, mit Problemen umzugehen. Sobald Geld, Sicherheit und öffentliche Darstellbarkeit ins Spiel kommen, werden politische Grundsätze auf beiden Seiten erstaunlich beweglich.

Und genau darin liegt die Schärfe dieser Geschichte. Sie erzählt von einer Idee, die zu gut funktioniert; von einem Apparat, der lieber warten würde und plötzlich handeln muss. Von Menschen, die inmitten von Akten, Idealen, Misstrauen und Zuständigkeiten versuchen, nicht ganz den Überblick zu verlieren. Dass diese Geschichte komisch ist, macht sie aber nicht harmlos. Ihre Komik besteht darin, dass das Unwahrscheinliche Schritt für Schritt verwaltbar gemacht wird. Sie zeigt nicht eine Welt ohne Ordnung, sondern eine, in der Ordnung selbst groteske Folgen hervorbringen kann.

Textnachweis

→  Wie Grischa mit einer verwegenen Idee beinahe den Weltfrieden auslöste von Jakob Hein ist bei Galiani-Berlin © 2025 erschienen.