Traumalandschaften Terézia Mora und Prof. Dr. Mazda Adli über das Erzählen vom Erschütternden

  • Auf der Schotterpiste der Geschichte

Mit Die Holländerinnen hat Dorothee Elmiger einen Roman über das Unfassbare geschrieben, über den Schatten der Schuld, der an die Ränder der Zivilisation führt und europäische Gewaltgeschichte im Dickicht des Urwalds von Panama aufspürt.

Ausgehend von Elmigers Erzählung begegnet die mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin Terézia Mora dem Psychiater und Stressforscher Prof. Mazda Adli. Beide nähern sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage, wie sich erschütternde Erfahrungen begreifen und erzählen lassen. Während die Literatur nach einer Sprache für das sucht, was sich einer geschlossenen Erzählung entzieht, erforscht die Psychiatrie, wie die Lebensbedingungen unserer Zeit auf die menschliche Psyche wirken. Wo liegen die Grenzen unserer Fähigkeit, Belastungen zu verarbeiten – und wie lässt sich das Unfassbare zur Sprache bringen?

Trauma, Gewalt und Fremdheit gehören zu den zentralen Themen in Terézia Moras Werk. In Büchern wie Alle Tage, Das Ungeheuer oder Muna oder Die Hälfte des Lebens hat sie das Unbeschreibliche in Sprache übersetzt und die Grenzen literarischer Darstellbarkeit ausgelotet. Zurzeit schreibt sie an einem Buch, dessen Ausgangspunkt ein familiäres Trauma im Zusammenhang mit der Vertreibung ihrer deutschsprachigen Familie aus Ungarn ist.

Prof. Mazda Adli ist Psychiater und Stressforscher. Er untersucht, wie die moderne Lebenswelt mit ihren wachsenden Anforderungen und sozialen Belastungen auf die seelische Gesundheit wirkt und welche psychischen Erkrankungen unsere Zeit prägen. Seine Forschung beschäftigt sich mit den Bedingungen, unter denen Stress Menschen krank macht, aber auch damit, was ihre Widerstandskraft stärkt. 

Was geschieht, wenn sich Erfahrungen von Gewalt, Verlust und Überforderung einer zusammenhängenden Geschichte entziehen? Und welche Möglichkeiten eröffnet die Literatur, das Unsagbare zur Sprache zu bringen und individuelle Erfahrungen in ihren gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen sichtbar zu machen?

Dieser Vortrag entstand im Kontext der DT-Inszenierung Die Holländerinnen und der Gesprächsreihe Auf der Schotterpiste der Geschichte.