© Eike Walkenhorst

Programmzettel Automatenbüfett

Sensation in Seebrücken von Karla Mäder 

  • Hunger
  • Humor
  • Hoffnung

Vor hundert Jahren war alles schon einmal da: der Fachkräftemangel, die Beschleunigung des Lebens, die Notwendigkeit, durch schnelle und unkomplizierte Nahrungsaufnahme die Arbeitskraft der städtischen Bevölkerung zu erhalten – und auch das Versprechen, durch Technik diese Probleme lösen zu können. Man glaubt es kaum, aber Automatenbüfetts sind keine amerikanische, sondern eine genuin deutsche Erfindung.

In der Friedrichstraße 167 (zwischen Französischer und Behrenstraße) steht heute noch das „Geschäftshaus Automat“, das als eines der wenigen Gebäude in der Gegend nicht im 2. Weltkrieg zerstört wurde. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde in diesem Haus Technikgeschichte geschrieben. Hier kam man im allerersten Automatenrestaurant der Welt ohne (sichtbare) Bedienung schnell zur Sache, konnte gegen Münzeinwurf sein Getränk selbst zapfen und belegte Brötchen und andere Speisen aus kleinen Fächern holen. Bis zum 1. Weltkrieg gab es einen regelrechten Boom dieser aufsehenerregend modernen, oft in üppigstem Jugendstil dekorierten Lokale, die heute wie vom Erdboden verschluckt sind. Dabei waren sie überall.

Von den Erfindern – Meistern der vielgepriesenen deutschen Ingenieurskunst – wurden sie teuer verkauft, bald auch nach Übersee, mit dem Versprechen, dass man ohne viel Handwerk und Wissen ein lukratives Wirtshaus führen könne. In der Zwischenkriegszeit erstanden sie nüchterner ausgestattet wieder auf. Noch immer wollte die hart arbeitende Bevölkerung preiswert und praktisch, schnell und hygienisch einwandfrei versorgt werden. Dummerweise jedoch waren die technisch komplexen Automaten fehleranfällig und mussten teuer repariert werden.

Und hinter der glänzenden Front schufteten Massen von Kaltmamsells, meist junge, schlechtbezahlte Frauen vom Land, die Brötchen schmierten, Gläser spülten und den bis spät in die Nacht geöffneten Apparat am Laufen hielten. Die Idee war gut, aber die Ausbeutung groß, die Technik kostspielig und störanfällig – und so gingen die schwer verschuldeten Restaurantbesitzer oft pleite. Heute sind Fastfoodketten und Snackautomaten die Erben dieser Innovation.

 

Ein Automat, der unterscheidet nicht den Menschen von einem Individuum. Jeder, der was reinschmeißt, kriegt was raus. Verstehen Sie, was ich meine? – Frau Adam Automatenbüfett

Anna Gmeyners Automatenbüfett macht solch eine Gastwirtschaft zum Schauplatz. Die Beziehung von einem zeitgenössischen Adam und einer modernen Eva; die Zeichnung der Büfettbesitzerin zwischen Geschäftstüchtigkeit und Lebenshunger; Die Zwielichtigkeit des Untermieters Pankraz, der eine Arlecchino-Figur in kleinkriminellem Gewand ist; dazu die klar umrissenen Charaktere der Gäste, die um dieses Liebesquartett herumgruppiert sind; die prallen Situationen, die pointierte Schreibweise, Sätze, die das Zeug zum Aphorismus haben – all dies lässt hoffen, dass diese weitgehend unbekannte Autorin (von der es auch Romane zu entdecken gibt, die neu verlegt wurden) in unserer Zeit vielleicht wieder mehr Beachtung findet.

Das Automatenbüfett von 1932 reimt sich auf unsere Zeit: eine kleine Welt voll Armut und Hunger, Vereinsleben und Männerbünden, Gewalt und Lebensmüdigkeit, aber auch Durchhaltevermögen, Gemeinschaft und Solidarität. Die Autorin schildert potenziell schnell kippende Verhältnisse mit der dunkel dräuenden Ahnung einer katastrophalen politischen Veränderung. Und schreibt dennoch voller Humor und Hoffnung.  

„Man darf nie vergessen, dass in jedem Menschen ein Wähler schlummert.” – Stadtrat Erhardt Automatenbüfett

Die Uraufführung des Automatenbüfetts fand am Hamburger Thalia Theater statt; am 25. Dezember 1932, einen Monat vor Hitlers Machtergreifung, folgte dann in Berlin eine Premiere. Die Kritiker-Größen Herbert  Ihering und  Alfred Kerr, die selten einer Meinung waren, zeigten sich beide gleichermaßen begeistert und lobten die Originalität des Stücks. Kurz zuvor wurde die dreißigjährige Autorin noch bei der Verleihung des Kleistpreises (der an Else Lasker-Schüler ging) exemplarisch benannt und mit einer „lobenden Erwähnung“ folgendermaßen charakterisiert: „Ein neues Komödientalent zeichnet sich ab.“ Das war der Höhe- und bald auch Endpunkt der Karriere der ehrgeizigen und begabten Autorin, die als alleinerziehende Mutter, Jüdin und Sozialistin ein dreifacher Fluch traf. Im Exil gab sie irgendwann ihre eigenen literarischen Ambitionen weitgehend auf, wurde als Autorin vergessen und starb 1991 hochbetagt in England. 

Ich möchte jetzt die Augen zu machen und all das nicht wissen, was ich weiß. Ich möchte glauben, dass die Welt ein schöner, friedlicher Ort ist, und dass die Menschen es gut haben und gut zueinander sind; und dass Hunger und Angst und Bosheit und Dummheit nur böse Träume sind. Aber was soll ich dir sagen, wenn ich weiß, was ich weiß? –  Herr Adam Automatenbüfett

Sie hat noch erleben dürfen, wie die westdeutsche Germanistik in den 1980er Jahren ihre frühen Werke wiederentdeckte. Sie müssen ihr selbst wie aus einem anderen Leben, aus einer anderen Welt erschienen sein. In den theaterverrückten 1920er Jahren war sie aus ihrer Heimatstadt Wien nach Berlin übersiedelt. Sie arbeitete u. a. als Dramaturgin an Erwin Piscators Volksbühne und war sicherlich auch in Max Reinhardts Deutschem Theater hin und wieder als Zuschauerin zu Gast. Ein Jahrhundert später ist sie wieder Berlin.

Es muss schillern Gespräch mit Regisseur Jan Bosse

Was hat es mit dem Automatenbüfett auf sich?

Der Titel ist natürlich fantastisch! Man weiß erst mal nicht, was das ist, und fragt sich, ob es das denn wirklich gab. Und ja, Automatenbüfetts gab es zuhauf, aber das wissen wir heute nicht mehr. Als Metapher steht es für die Automatisierung und Anonymisierung von Abläufen an einem Ort, an dem die Gesellschaft einer kleinen Stadt zusammenkommt. In dieser Kneipe geht alles automatisch: Man steckt Geld rein, Brötchen und Bier kommen raus. Aber hinten steht trotzdem immer noch eine, die Brötchen schmiert und das Bier reinstellt. Es geht natürlich nicht ohne menschliche Arbeitskraft, die wird nur unsichtbar gemacht. Für mich ist das ein traurig-schönes Bild für die Kapitalisierung und die totale Ökonomisierung vieler Lebensbereiche Anfang der 1930er Jahre.

Anna Gmeyner findet dafür im ganzen Stück originelle Metaphern, z. B. die große Idee von Adam, durch Fischzucht vom Fleischkonsum wegzukommen und so den Hunger zu besiegen, mit Konservenfabriken und allem, was da als Traum dranhängt. Das ist eine zugleich sehr kapitalistische Idee, aber auch eine sehr gemeinnützige. Frau Adam sagt dazu nur, dass eine Idee ohne Geld nichts wert ist. Und damit hat sie heute genauso Recht wie damals. 

Als Metapher steht es [das Automatenbüfett] für die Automatisierung und Anonymisierung von Abläufen an einem Ort, an dem die Gesellschaft einer kleinen Stadt zusammenkommt. – Jan Bosse, Regisseur

Was macht das vor knapp hundert Jahren geschriebene Stück für dich jetzt gerade relevant? 

Ich glaube, die Wiederentdeckung dieses Stücks hat auch mit dem Versuch zu tun, die 1920er Jahre mit unserer Gegenwart zu vergleichen. Der direkte Abgleich hinkt natürlich, aber es gibt schon Analogien, die interessant sind. Heute haben wir andere Umstände, aber ähnliche Prinzipien, und so hat man das Gefühl, dass dieses Stück wieder viel mit uns zu tun hat – leider. Das liegt eben auch daran, dass Autoren und Autorinnen wie Anna Gmeyner 1932 – und das ist zwischen den Zeilen sehr stark spürbar – den Aufstieg des Faschismus thematisieren. Und von heute aus gesehen dämmert auch der Zweite Weltkrieg schon am Horizont herauf.

Dieses historische Wissen macht den Zuschauerblick auf dieses Stück noch spannender. Es zeigt Figuren, die normale, kleine Leute sind und die große Angst haben, durchs Raster zu fallen – so wie der ehemalige Lehrer Puttgam, der obdachlos ist, aber immer noch dazugehört oder wenigstens geduldet wird. Die Angst vor dem sozialen Abstieg ist ja auch heute existenziell und ein Hauptgrund für extremistisches Wahlverhalten und Demokratiefeindlichkeit. Das Stück gibt einen historischen Rahmen vor, in dem sich unsere Zeit spiegelt, aber der Abstand und die Unterschiede werden auch deutlich. 

Es muss schon schön kompliziert sein, damit man nicht so leicht urteilen kann! – Jan Bosse, Regisseur

Ist es für dich (noch) ein Thema, eine weibliche Erzählstimme zu inszenieren?  

Auf jeden Fall! Ich denke mehr darüber nach als vor 20 Jahren und höre sehr genau, was die weiblichen Personen im Raum sagen, versuche auch viel zu fragen. Die beiden Schauspielerinnen haben eine wichtige Stimme für mich, weil ich als Regisseur, noch dazu als älterer männlicher Regisseur, aufgerufen bin, die weibliche Perspektive auf diese Geschichte und die Figuren nicht zu vergessen. Und solche Perspektivwechsel sind ja eigentlich das, was das Theater wertvoll macht. Ich versuche in meiner Arbeit nicht, mir etwas anzueignen, sondern aus der Distanz darauf zu gucken und dabei etwas zu verstehen.

Und Anna Gmeyner schafft es, ein großes Dilemma zu erzählen. Die Eva-Figur zum Beispiel schillert in vielen Facetten. Diese junge Frau bringt mit großer, lebendiger Naivität (in großen Anführungszeichen) die mürben Mauern zum Einsturz, aber am Schluss hält die Gemeinschaft zusammen und vertreibt sie wieder aus dem scheinbaren Paradies. Eva ist einerseits Projektionsfläche der Männer, aber andererseits verwirklicht sie sich mit großer Autonomie selbst. Dabei wird sie auch sehr manipulativ, man erfährt aber nie, was sie eigentlich konkret gemacht hat, um im Sinne von Adams Idee diese Männer zu überzeugen.

Anna Gmeyner spielt offensiv mit Klischees und Projektionen – ein sehr interessantes, aber auch ganz schön brenzliges Spiel mit Geschlechter-Stereotypen. Aber ich hoffe, dass wir die ganze kleine Gemeinschaft in diesem Stück mit ihren Abgründen und Sehnsüchten und ihrer Gier ganz ambivalent erzählen. Es muss schon schön kompliziert sein, damit man nicht so leicht urteilen kann! 

Automatenbüfett ist eine Tragikomödie. [...] Es geht um die Balance zwischen absurder Komödie und trauriger existenzieller Satire. – Jan Bosse, Regisseur

Gibt es einen Satz im Stück oder ein Zitat, das dich beschäftigt und auf das du immer wieder zurückkommst? 

Das Stück ist voller toller Sätze! Zum Beispiel der, aus dem wir auch einen Song gemacht haben: „Ich möchte sagen können: wie es ist, ist es gut, und alles was geschieht, hat einen Sinn. Aber ich kann das nicht sagen, weil ich es nicht glaube.“ Das ist so ein Satz, der die Hoffnung, die Sehnsucht dieser Figuren, aber auch ihre Desillusionierung auf den Punkt bringt.

Automatenbüfett ist eine Tragikomödie. Das Stück hat ernste, tiefe und poetische Seiten, die nicht witzig sind, wo man wirklich traurig wird, aber es gibt immer wieder auch die Komik, die Skurrilität der Figuren und die Absurdität der Dialoge. Es geht um die Balance zwischen absurder Komödie und trauriger existenzieller Satire. 

Die Fragen stellte Tamara Kosmala.