Programmzettel Spirit And The Dust
Egal wie schlimm es ist, das Leben geht weiter … Regisseurin Anna Bergmann im Gespräch über große Verluste im Leben, Schmerz und die Kraft der Hoffnung.
Spirit And The Dust ist das dritte Stück des amerikanischen Erfolgsautors Noah Haidle, das du zur Uraufführung bringst. Was machen für dich die Stücke von Noah aus?
Anna Bergmann Was ich sehr an Noahs Stücken schätze, ist die Art, wie er Figuren und Geschichten schreibt. In den drei Stücken, die ich bisher von ihm inszeniert habe, steht jeweils die Lebensgeschichte einer Frau im Mittelpunkt, die auf ihr Leben zurückblickt. Es geht in seinen Stücken um große Familienthemen, um Verlust, Schmerz, große Gefühle und die große Liebe. Um die Möglichkeit, im Leben neu starten zu können und die Kraft der Hoffnung gegen den Tod. Diese Themen interessieren mich sehr. Deshalb macht es großen Spaß, seine Stücke zu inszenieren.
Bezeichnend für Noahs Stücke sind seine generationenübergreifenden Figurentableaus, die einen Ausschnitt der gegenwärtigen Gesellschaft abbilden. Auf welche Figuren treffen wir diesmal?
AB Im Zentrum steht Hope, eine Frau um die 60, die vor 20 Jahren ihre Tochter bei einem Badeunfall verloren hat. Wir sehen ihre Nachbarin Donna, deren Kind dabei auch ums Leben gekommen ist. Und wie beide Frauen sehr unterschiedlich mit diesem Verlust umgehen. Dann Margaret, eine junge Frau, die ganz am Anfang ihres Lebens steht. Sie ist in der Situation zu heiraten und ein Kind zu bekommen. Oder auch nicht zu heiraten und kein Kind zu bekommen. Und am Ende ihr Baby verliert. Dann sehen wir mit dem ehemaligen Lateinlehrer Lee jemanden, der schon Witwer ist und mit dem Verlust seiner Frau umgehen muss. Er verliebt sich neu in Hope. Sein Sohn Will ist der Verlobte von Margaret. Er ist Alkoholiker und wird im Verlauf des Stücks sterben. Auch der Umgang mit diesem Verlust ist ein zentrales Thema im Stück. Dann gibt es noch jemanden, ich nenne ihn mal eine Joker-Figur, die immer wieder auftaucht: Jerry, ein junger Mann, der beste Freund von Hope, der mehr oder weniger von Hope „adoptiert“ wird als Kind-Ersatz. Innerhalb dieser Figurenkonstellation bewegt sich das Stück, das die Frage stellt, wie diese verschiedenen Menschen mit Verlust umgehen.
„Solange ich atme, hoffe ich.” – Lee Chalmers Spirit And The Dust
Für Hope ist der Verlust ihrer Tochter Charlotte ein zutiefst traumatisches Erlebnis, das sie nicht mehr loslässt. Mit ihrer Biografie ist die Frage verbunden, ob das Leben selbst so etwas wie Trost bereithält, um der Schuld zu entkommen und weiter leben zu können. Wie viel Hoffnung steckt im Stück, das von einer Verkettung von Schicksalsschlägen erzählt?
AB Trotz der tragischen Ereignisse, geht es Noah eigentlich um Hoffnung. Weil das Kind seit 20 Jahren schon tot ist und Hope sich direkt danach nicht umgebracht hat, sondern die ganzen Jahre damit weitergelebt hat. Hope versucht, anderen Menschen zu helfen und sie vor dem Tod zu beschützen. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, für andere Menschen ein Zuhause im Leben zu finden. Gleichzeitig spricht der unendliche Schmerz durch ihre Depression. Gerade da macht Noahs Stück Hoffnung, dass man trotzdem weiterleben kann, indem man selbst die Verantwortung dafür in die Hand nimmt. Es geht darum zu sagen, egal wie schlimm es ist, das Leben geht weiter und man kann trotzdem glückliche Momente haben, auch wenn man im Schmerz lebt.
„Man kann das Wesen einer Person erst in seiner Gesamtheit erfassen, wenn ihr Leben geendet hat. Dann sieht man das Muster.“ – Hope Foster Spirit And The Dust
Bei der Konzeptionsprobe hast du gesagt, dass dich die Spiegelung der drei Frauenfiguren Hope, Donna und Margaret sehr interessiert. Welche Verbindungslinien siehst du da?
AB In der Beziehung von Hope und Donna, deren Sohn mit Hopes Tochter Charlotte zusammen verunglückt ist, taucht das Thema des Kindesverlusts und den Umgang damit am stärksten auf. Beide Kinder waren vier Jahre alt, beide ertranken im Pool. Hope sagt einmal zu Donna: „Wenn ich nicht wäre, wäre Harrison jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Verheiratet, vielleicht. Du wärst Großmutter. Ich habe dir das genommen.“ Damit verbunden sind die Fragen: Was gibt man weiter? Was lebt von einem weiter in einem Kind? Das spiegelt auch Hopes Versuch, Margaret als eine Art Ersatztochter zu „adoptieren“. Margaret wiederum verliert ihr Baby. Und so setzen sich die Schmerzpunkte und der unterschiedliche Umgang damit unter den Frauen über die Generationen hinweg fort. Donna sagt: „Ich bin bereit. Irgendwohin. Vielleicht eine neue Stadt. Ich weiß es nicht. Aber es muss weitergehen. Ich muss neu anfangen.“ Hope hingegen hält daran fest und befindet sich wie in einem Kokon gefangen, aus dem sie nicht herauskommt.
„Wenn Leute dieses Haus nicht kaufen, wird es verfallen. Die Erde nimmt es sich wieder. Das Unkraut holt sich das Fundament zurück, der Regen zerbricht das Dach. Und dann reißt man das ganze Gebäude aus Mitleid ab. Eine Rückkehr zum Nichts.“ – Hope Foster Spirit And The Dust
Noah Haidle schreibt filmische, psychologisch-realistische Situationen. In deiner Inszenierung gibt es aber immer wieder Momente, die ins Surreale übergehen. Wie realistisch ist Haidles Realismus für dich?
AB Es sind absolut psychologisch-realistisch geschriebene Situationen und das Stück handelt natürlich von realen Lebensthemen. Ich habe mich aber entschieden, die Depression, in der Hope sich befindet, theatral umzusetzen. Indem es immer wieder euphorische Phasen gibt, wo sie sich in eine Traumwelt hineinbegibt. Die sind grell und bunt und wie ein Musical. Hope liebt nämlich MGM Musicals und träumt sich wie in eine Parallelwelt hinein. Und dann schlägt die Realität umso brutaler zu. Dazwischen bewegt sich das Leben von Hope.
Die Fragen stellte Daniel Richter.