Programmzettel Der Fall McNeal

Der tiefe Fall von Karla Mäder

  • Schaffensrausch
  • Größenwahn
  • Todesangst

„Für mich ist McNeal in erster Linie ein Künstlerdrama. Das Drama eines Künstlers, der ein Beispiel für toxische Männlichkeit ist und der Todesangst hat. Als Schriftsteller arbeitet er auch mit Künstlicher Intelligenz, KI ist aber nicht das entscheidende Thema an diesem Abend, sondern es macht die Frage von Originalität und Wahrheit in der Kunst oder Literatur nur noch komplexer als früher. Ich denke, KI ist für uns gerade wie ein Kleinkind, von dem wir nicht wissen, ob es ein schlimmer oder ein guter Mensch werden wird“, meint András Dömötör, der Regisseur dieses Theaterabends.

Künstlerdrama

Von Tasso bis Baal: Das (verkannte) Genie, der unverstandene Künstler, der gegen Widerstände und Obrigkeiten kämpfende Avantgardist, das sind typische Beispiele für Künstlerdramen der Vergangenheit. McNeal ist nichts davon. Er ist bekannt, beliebt und auch wohlhabend geworden durch den Verkauf viel gelesener Bücher, die zum Hollywoodmaterial taugen. Er ist aber auch krank, steht durch Alkohol und Medikamente kurz vor dem Leberversagen. Und er ist ein typischer Exponent der sogenannten „toxischen Männlichkeit“: weiß, privilegiert, raumgreifend. Ein Männertyp, der sich seinen Erfolg hart erarbeitet hat und trotz Intelligenz und einer gewissen künstlerischen Sensibilität wenig Rücksicht nimmt auf neue Situationen und die Gefühle anderer. Sich selbst hat McNeal zeit seines Lebens rücksichtslos ausgebeutet und alle anderen um sich herum gleich mit, ohne, dass es ihm falsch erschien. Gescheiterte und im Kern ungesunde persönliche Beziehungen unterschiedlicher Art haben ihn einsam werden lassen, aber als Literat hat er immer noch etwas zu sagen. Nach wie vor ist er einem Ideal von Wahrhaftigkeit auf der Spur, das ihn dazu veranlasst, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und darauf zu bestehen, dass die Welt eine bessere war, als man noch ungeschminkt die Wahrheit sagen konnte.

„Literatur spielt das Spiel nicht mit.
Weder das unserer Hybris
noch das unserer unendlichen Angst vor dem Tod.
Deshalb brauchen wir sie mehr denn je.“
– Jacob McNeal

Die Gleichzeitigkeit von Altem und Neuem, z.B. von Füllfederhalter und konventionell entstandener Literatur und mithilfe von ChatGTP generierten Texten, auch der Gleichzeitigkeit von alten, weißen Nobelpreisträgern und jungen, schwarzen Journalistinnen – beide haben auf ihre Weise eine große Meinungsmacht – ist der gesellschaftliche Kontext, in den die Geschichte eingebettet ist, die „in einer sehr nahen Zukunft“ spielen soll, die unserer Zeit verdächtig ähnelt: einer Zeit, in der eine jüngere Generation, Frauen und marginalisierte Gruppen mächtige Männer zu entthronen versuchen, gleichzeitig auch andere Umgangsformen einfordern und den alten Kanon mit neuen oder übersehenen Werken überschreiben wollen. #metoo und andere Bewegungen haben einiges in Bewegung gebracht, aber das Althergebrachte gibt nicht kampflos auf. Während im Rücken dieser Machtkämpfe eine neue Gewalt aufsteigt, die wahrscheinlich am Ende gewinnen und möglicherweise die Kämpfe der Gegenwart ad absurdum führen wird – der technologische Fortschritt im Feld des Digitalen, der starken Marktinteressen folgt und damit eine eigene, größere Kraft entwickeln wird.

„Literatur spielt das Spiel nicht mit.
Weder das unserer Hybris
noch das unserer unendlichen Angst vor dem Tod.
Deshalb brauchen wir sie mehr denn je.“
– Jacob McNeal

In sieben Zweier-Szenen verfolgen wir Jacob  McNeals Fall vom Olymp der Literatur bis in rauschhafte Abgründe voller Halluzinationen. Klare Situationen und psychologisch-realistische Dialoge, die trotz der Ernsthaftikeit der Thematik auch Humor und Pointen enthalten, sind aber nur die eine Hälfte der Wahrheit und des Ganzen. Zwischen den realistischen Spielszenen finden nämlich sogenannte „transitions“ statt – etwas ähnliches wie Regieanweisungen oder Vorschläge des Autors Ayad Akhtar für eine überwiegend digitale, stark visuell beschriebene Ebene, die eine eigene Erzählung bildet und eine eigene Dramaturgie hat. Darin sehen wir gewissermaßen die Evolution eines Autors in Bezug auf die neuen digitalen Möglichkeiten wie large language models und deep fake-Videotechnik. 

Ein Stück, in dem es schlussendlich um Ähnlichkeiten zwischen menschlicher und Künstlicher Intelligenz geht

Nach der Uraufführung des Stücks am New Yorker Broadway schreibt der Schauspieler Jeremy Strong in einem Vorwort zum Stückabdruck im US-Magazin The Atlantic Monthly: „Der magische Trick des Stücks von Akhtar – sein dreifacher Axel – ist es, eine menschliche Vision von McNeal in einem Gerüst zu zeigen, das mehr und mehr von Künstlicher Intelligenz generiert wird. (…) Ohne diese überzeugende Figur und einen überzeugenden Schauspieler, welcher der Rolle Dichte, Gewicht, Qual und Schmerz verleiht, wäre da nur das Gerüst: eine seelenlose Maschine ohne empfindliche Nerven und lebendige Spannung. Während McNeal in den Abgrund aus – in seinen Worten: Absolution und Vernichtung – taumelt, spüren wir in dieser aus Nullen und Einsen errichteten Kathedrale die Präsenz eines gebrochenen Herzens.

Und dann, am Ende des Stücks, als der Protagonist sich der Singularität ergeben hat, hat das auktoriale Bewusstsein im Stück Selbsterkenntnis erlangt. Es weist einen Chatbot an, ein Ende im Stil von Prosperos Abschiedsmonolog in Shakespeares Sturm zu schreiben. Akhtar hat damit für seine digitale Pyramide einen würdigen Schlussstein gefunden: In einem Stück, in dem es schlussendlich um Ähnlichkeiten zwischen menschlicher und Künstlicher Intelligenz geht, überbrückt er beide, möglicherweise zum ersten Mal in der Theatergeschichte, indem er einen Chatbot dazu bringt, die finalen Sätze zu schreiben. Das Ergebnis ist die ungefähr 37. Wendung im Stück. Es hat meine Fantasie entfesselt. Die Zukunft ist düster. Und sie ist weit offen.“ (übersetzt von K. Mäder)

„Das Wichtigste ist für mich, die Ambivalenz der Figur McNeal zu zeigen: Er ist ein Monster – aber ein kluges Monster mit der Fähigkeit der Selbstreflexion. Tragisch dabei ist, dass er selber versteht, dass seine Zeit vorbei ist, und diese Erkenntnis ist natürlich dramatisch.“ – András Dömötör, Regisseur

Plagiat oder Original

In Der Fall McNeal verbirgt sich auch eine Art Krimi, der sich um zwei Bücher von McNeal rankt: Evie und Exit. Evie ist ein Roman, den McNeal 2017 anlässlich von #metoo zu schreiben begonnen hat, um sich mit seiner verstorbenen Frau auseinanderzusetzen. Er basiert auf einem nachgelassenen Manuskript von ihr, das nie veröffentlicht wurde. Als McNeal den Nobelpreis erhält, ist dieser Roman bereits fertig, und nach der Veröffentlichung ist er ist eine kleine Sensation, weil der Autor zum ersten Mal aus der Perspektive einer Frau geschrieben und sich damit völlig neu erfunden hat. Allerdings steht auch bald schon ein Plagiatsvorwurf im Raum. Hier und an anderen Punkten des Stücks geht um eine moralische und auch eine poetologische Fragestellung: Wie und mit welchen Mitteln darf ein Künstler oder eine Künstlerin das Leben und Werk anderer Menschen ausbeuten? Wo beginnt die Verwandlung von einem Text in einen neuen, wann ist es ein Plagiat und wann ein neues Werk eigenen Rechts?

Außerdem schildert das Stück die Entstehung von Exit, einem Text, den McNeal kurz nach dem Nobelpreis zu schreiben beginnt, und zwar mithilfe eines large language models und unter Einbeziehung einiger großer Werke der Weltliteratur sowie persönlicher Dokumente wie Tagebücher. Gleichzeitig trinkt er sich langsam, aber sicher in den Tod.

Braucht die Welt mich noch?

Ab einem gewissen Punkt vermischen sich digitale Experimente, Halluzinationen und Rauschzustände mit der Handlung des Theaterstücks und es wird immer unklarer, was virtuelle und was reale Welt ist, was Fantasie, Rausch oder digitale Halluzination, was die Geschichte des „echten“ McNeal und was die Handlung seines Romans Exit ist, der eine Art Abrechnung mit dem eigenen Leben zu sein scheint. András Dömötör: „Der Versuch von McNeal, Wiedergutmachung zu leisten, sich zu rechtfertigen für das, was er getan hat, um Entschuldigung zu bitten, kommt allerdings zu spät.

Das Wichtigste ist für mich, die Ambivalenz dieser Figur zu zeigen: Er ist ein Monster – aber ein kluges Monster mit der Fähigkeit der Selbstreflexion. Tragisch dabei ist, dass er selber versteht, dass seine Zeit vorbei ist, und diese Erkenntnis ist natürlich dramatisch. Er experimentiert mit KI, aber ich verstehe das auch als Teil einer selbstzerstörerischen Fragestellung: Braucht die Welt mich noch? Und die Antwort lautet: nein. KI erscheint in diesem Stück noch größer, noch toxischer als er, denn die KI benutzt am Ende seine Geschichte genauso tyrannisch, wie er selbst zuvor die Geschichten der Menschen in seinem Leben ausgebeutet hat.“

„Nicht panisch, sondern wachsam. Denn die große Gefahr liegt nicht in der Technologie (KI) selbst, sondern in der Erosion unseres gemeinsamen Verständnisses von Wirklichkeit.“ – Gerfried Stocker, der Leiter von Ars Electronica

Der Weg in den Tod und der Ausweg daraus

Schlußendlich ist Der Fall McNeal auch ein Stück über den Tod: Die Angst vor dem Sterben, der Selbstmord seiner Frau, die Waffe, mit der sie sich umgebracht hat, ihre Knochen, ihr Schädel – es gibt einen thematischen Komplex rund um die Endlichkeit des Menschen. Am Ende stirbt der Mensch Jacob McNeal, aber als digitale Figur kann er nicht sterben, denn der Tod ist etwas, das digitale Maschinen nicht begreifen. Noch nicht. Bis vor kurzem hatten sie auch keinen Humor. Angeblich ist das inzwischen anders. Die Entwicklung dieser Technologie vollzieht sich in rasendem Tempo, inzwischen wird ihr von einigen Experten schon eine Art Bewusstsein attestiert. Und eine der düstersten Visionen, die gerade kassandraartig vor einer entfesselten KI warnt, beschreibt die Möglichkeit, dass eines Tages die KI erkennen könnte, dass der Mensch das eigentliche Übel auf der Welt ist und Maßnahmen ergreift, unsere Spezies auszurotten. 

Nicht panisch, sondern wachsam

Auch wenn die Inszenierung weniger KI-Spektakel als Künstlerdrama sein will, ist diese Thematik doch eine, die kritisch zu verfolgen sich lohnt – gerade auch anhand einer inhaltlichen Debatte mit den Mitteln der Kunst. Gerfried Stocker, der Leiter von Ars Electronica, einem großen Festival, das sich jeden Herbst in Linz den neuen technologischen Entwicklungen widmet und diese mit künstlerischen Mitteln kritisch und kreativ reflektiert, meint: „Ich glaube, wir müssen aufpassen, nicht in die eigentliche Falle zu tappen: die der künstlich erzeugten Panik. Denn eines darf man nicht vergessen – hinter jedem großen Schreckgespenst steht jemand, der davon profitiert. Wenn Elon Musk oder Sam Altman vor den existentiellen Gefahren von KI warnen und gleichzeitig Milliarden in ihre eigenen KI-Projekte stecken, dann ist das kein Altruismus, sondern eine kluge Marktstrategie. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – müssen wir wachsam bleiben. Nicht panisch, sondern wachsam. Denn die große Gefahr liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in der Erosion unseres gemeinsamen Verständnisses von Wirklichkeit. Wenn plötzlich alle alles behaupten können und die abenteuerlichsten Behauptung das meiste Echo bekommen, dann wird es schwer, Orientierung zu finden.“ 

Schein und Sein

Insofern könnte es am Ende eine fast absurde Ironie der Geschichte sein, dass ausgerechnet das Theater, das jahrtausendelang einen Teil seiner Spannung aus dem Dualismus von Schein und Sein bezog, als zutiefst analoges Medium vermutlich in der Zukunft einer jener wenigen medialen Orte sein wird, an dem man sich sicher sein kann, seinen eigenen Augen und Ohren trauen zu dürfen und dem glauben zu können, was man wahrnimmt.