Programmzettel Die drei Leben der Hannah Arendt
In Wort und Bild von Ken Krimstein
Als ich dieses Projekt erstmals ins Auge fasste, war ich fasziniert von Hannah Arendts Formulierungen wie der „Banalität des Bösen“ (deren Bedeutung ich zugegebenermaßen nicht vollständig durchdrang) oder dem plakativen Titel ihres 1951 erschienen Buches Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Gleichzeitig vermutete ich, dass es über ihre Person noch sehr viel mehr zu entdecken geben würde. Als ich mich dann in ihr Leben und Werk vertiefte, wurde diese Vermutung mehr als bestätigt. Ich beschloss also, Hannah Arendts kompliziertes und interessantes Denken in Wort und Bild nachzuerzählen.
Mein Ziel war, die Entstehung von Hannah Arendts Ideen durch die Konfrontation ihrer starken Persönlichkeit mit den tumultartigen Ereignissen ihres Lebens sichtbar zu machen. Und was hat Hannah Arendt für eine Lebensgeschichte! Von ihrer Kindheit in Königsberg, einer Zeit, in der die ersten „pferdelosen Kutschen“ über das Kopfsteinpflaster rumpelten, bis zu ihrem Lebensende an der Upper Westside in Manhattan, als der Punk Rock schon geboren und Richard Nixon gerade zurückgetreten war. Und immer wieder kam ihr Leben mit Konzepten in Berührung, die ihr auch persönlich sehr nahegehen: Mit der kreativen Explosivität der Stummfilme und des Bauhauses, mit dem Wandel der Naturwissenschaften, der sich durch neue Erkenntnisse in der Physik vollzog, mit der experimentellen Lyrik und den New Yorker Intellektuellen. Ganz zu schweigen von ihren wagemutigen Fluchten!
Es war eine faszinierende Aufgabe, Hannah Arendt als Person und Persönlichkeit auf jeder Seite eine neue Form zu geben! Während ich an diesem Buch arbeitete, wurde sie wie ein Leuchtfeuer für mich, Herausforderung und Vergnügen zugleich
„Das Wagnis der Öffentlichkeit scheint mir klar zu sein: Wir fangen etwas an; wir schlagen unseren Faden in ein Netz der Beziehungen. Was daraus wird, wissen wir nie. Und nun würde ich sagen, dass dieses Wagnis nur möglich ist im Vertrauen auf die Menschen.“ – Hannah Arendt
Leben und Denken von Bernd Isele
16. September 1964. Ein Fernsehstudio des damals noch jungen Senders ZDF. Eine Frau und ein Mann betreten den Raum. Schwarze Vorhänge, schwere Sessel. Mehrere Kameras sind auf den Gast gerichtet, während der Kopf des damals 35-jährigen Journalisten Günter Gaus meist von hinten zu sehen ist. Hannah Arendt ist der siebzehnte Gast (und die erste Frau) in der Sendereihe Zur Person. Die Titelmusik erklingt: ein Motiv aus Musik zu einem Ritterballett von Ludwig van Beethoven. Gaus sortiert noch einmal seine Karteikarten, auf die er penibel formulierte Fragen notiert hat. Als guter Journalist weiß er um die Gedankenschärfe von Hannah Arendt, hat ihre bewegte Biografie und das Totalitarismus-Buch studiert, das die Denkerin nach ihrer Flucht aus Europa weltberühmt gemacht hat.
Vor allem aber kennt er die jüngste Kontroverse um Hannah Arendt. Kein politisches Buch der Nachkriegszeit hat eine ähnlich leidenschaftliche Diskussion entfacht wie ihr erst Wochen zuvor auf Deutsch erschienener Bericht Eichmann in Jerusalem. Sein Gast ist ein Star – gefeiert für ihren Mut, gefürchtet ob ihrer Sturheit, bewundert für ihre Gesellschaftsdiagnosen und ihren Humor, geschmäht für die blinden Flecken in ihren politischen Analysen. Noch weiß Günter Gaus nicht, dass er mit dem nun beginnenden Interview den Grimme-Preis gewinnen und Fernsehgeschichte schreiben wird.
Nach wenigen Fragen zum Verhältnis von Philosophie und politischer Theorie kommt Günter Gaus auf die Biografie von Hannah Arendt zu sprechen: auf ihre Kindheit in Königsberg, auf ihr Elternhaus, auf die Studienjahre und die Fluchten, zunächst aus Deutschland, dann aus dem besetzten Frankreich in die USA. Er fragt nach den Lebensstationen, die Hannah Arendt zur politischen Denkerin gemacht haben und die ihr Theoriegebäude biografisch erhellen: Frühe Erfahrungen mit Antisemitismus, Krieg, Vertreibung und Vernichtung, aber auch Begegnungen mit Lehrern, mit den Freunden, die ihr so wichtig waren, mit den Kunst- und Denkbewegungen ihrer Zeit. Politisches Denken – im Interview aufgeblättert als Szenen eines Lebens.
„Mit Wundern rechnen“ – Hannah Arendt
Ein anderes Medium, ein ähnlicher Vorgang: Ken Krimsteins Graphik Novel Die drei Leben der Hannah Arendt ist kein journalistisches, sondern ein zeichnerisches Meisterwerk. Der Strich ist schnell, Hannah Arendts Begegnungen mit ihrem Lehrer Martin Heidegger, ihrem Freund Walter Benjamin, ihrem Mann Heinrich Blücher sind hier mit dem Witz und Tempo des Cartoonisten aufs Papier gebracht. Auch hier entfaltet sich eine Biografie, fiktiver als bei Gaus, aber ebenfalls mit dem Ansinnen, die Leser:innen über das Leben ins Denken zu führen. Landkarten mit gestrichelten Linien zeigen verschlungene Fluchtrouten über Prag nach Paris. Über diese Linien eilt die Heldin – mal durch Alltägliches, mal durch Weltbewegendes – über 240 Buchseiten und aberhunderte von Zeichnungen, in denen Gelebtes und Gedachtes ineinanderfließen.
„In beidem, im Wissen um unsere Abgründe und im Vertrauen auf den Menschen, kann Hannah Arendt uns bis heute Ratgeberin sein.“ – Bernd Isele, Dramaturg
Die Textfassung, die für die Inszenierung am Deutschen Theater entstanden ist, verschränkt Passagen aus Hannah Arendts Werk mit dem Fernsehinterview und den Szenenfolgen der Graphik Novel – drei Vorlagen, die von fünf Spielerinnen, jede von Ihnen Spezialistin für eine biografische Etappe, mit Leben gefüllt werden. Vieles ist knapp erzählt, manches fehlt, anderes bleibt offen.
Die fünf Hannahs ergänzen und widersprechen sich in ihrem Blick auf eine Figur, für die der Dialog und Widerstreit zwischen Ich und Selbst Denk- und Lebensprinzip war und in der (wie ihre Freundin Mary McCarthy schrieb) deshalb selbst „Züge einer großen Schauspielerin“ steckten. Das Ensemble folgt dieser Schauspielerin vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu ihrem Tod im Jahr 1975 – und darüber hinaus. Hannah Arendt hat untersucht, was Gesellschaften kippen lässt, was Menschen ins Dunkle treibt. Und ebenso: was uns allen – trotz allem – Hoffnung geben kann. In beidem, im Wissen um unsere Abgründe und im Vertrauen auf den Menschen, kann Hannah Arendt uns bis heute Ratgeberin sein.