© Eike Walkenhorst v.l. Janek Maudrich, Mathilda Switala, Andri Schenardi, Moritz Kienemann

Programmzettel Die Räuber

Ein Satz, ein Gedanke für die Ewigkeit.  Gespräch mit Regisseurin Claudia Bossard über die Herausforderung, Schiller heute zu inszenieren, Gewaltfantasien und die Flucht in alte Muster. 

  • Aufklärung
  • Falsche Helden
  • Bro-Ship

In einem Netz aus Intrigen und Gewaltbeziehungen werden in Friedrich Schillers Die Räuber existenzielle Fragen über das Menschsein gestellt. Was war für euch wegweisend, um diese komplizierte Handlung zu durchdringen?

Claudia Bossard Wegweisend war weniger die Handlung als die faszinierende Kompositionsstruktur. Ein komplexes Drama, indem sich in der einen Szene die großen philosophisch-existenziellen menschlichen Daseinsfragen des einen Bruders Franz von Moor auftürmen und sich in der nächsten Szene ein Kameraschwenk in eine Schenke in Sachsen vollzieht, wo der ältere Bruder Karl mit Moritz Spiegelberg biertrinkend ein gesamtes Jahrhundert anhand der gegenwärtigen Literatur und Kultur in Frage stellt. Hinzu tritt die Tatsache, dass Schiller dieses Stück etwa zwischen 17 und 20 Jahren auf der Militärschule geschrieben hat als junger angehender anthropologischer Arzt.

All dies sind Aspekte, die kompliziert konstruierte Handlung besser zu verstehen, weil Schiller eben auch den Menschen, seine Impulse, Reaktionen und Affekte interessierte. Man muss immer – oder zumindest ist das mein Anspruch – genau verstehen, warum etwas so erzählt und dargestellt wird – und nicht anders. Man kann unmöglich behaupten, dass man klüger sei als ein Text, an dem sich so viele Generationen von Künstler:innen bereits abgearbeitet haben. Deswegen erlaube ich mir auch nicht, einfach in den Text reinzugreifen und irgendwas zu machen. Ich zwinge die Spieler:innen förmlich, sich mit mir durch diese  Schiller-Sprache hindurch und hinaus zu denken.

Das ist ein kniffliger, schmerzhafter Prozess, weil ich gewissermaßen erstmals alles übersetzen muss, bevor ich es dann verwerfe oder eben auch dagegen (an)gehe. Ich bin diesen vier Spieler:innen unendlich dankbar, dass sie das ausgehalten haben. Weil ich da selbst furchtbar streng und penibel bin und mich selbst kaum aushalte. Aber wenn man dann einmal das Gerüst hat und diese Phrasen im Raum sieht – und sei es auch nur noch die Restspur einer Szene oder die Essenz einer Handlung – und man plötzlich realisiert, jetzt zündet es in die Gegenwart, dann ist das ein tatsächlich unendlich schönes Gefühl. Weil man kurz denkt: mein Gott, wir sind Archäolog:innen und hier ist er: ein Satz, ein Gedanke für die Ewigkeit.

„Germany!
Why are you so depressed?“
–  Spiegelberg

In der Probenzeit habt ihr euch viel mit den politischen Spannungen zu Schillers Lebzeiten beschäftigt und das Stück als Zeitdokument untersucht. Wer sind die Räuber heute?

CB Ich würde diese Frage mit einem Zitat aus Schillers Die Jungfrau von Orléans beantworten: „Die Erde – sie flieht zurück!“ De facto funktionieren Die Räuber gegenwärtig nicht mehr wirklich, weil wir die Räuber sind. Weil es nichts mehr zu räubern gibt. Weil die Welt komplett ausgebeutet, unterteilt, privatisiert und eingestampft ist. Da ist etwas in uns, was in seiner Maßlosigkeit und Gier regelrecht zu einer Enthauptung dieses Planeten geführt hat. Und es ist leider so, dass es zynisch wäre zu glauben, der Krieg kommt irgendwann, weil Krieg bereits da ist und wir ihn auch mitfinanzieren aus unseren beheizten Wohnungen heraus, indem wir konsumieren und zuschauen, indem wir gewissermaßen immer schweigend-ohnmächtig Zeug:innenschaft leisten.

Was wir aber untersuchen und auch immer wieder fragen können ist: Warum sind wir so, wie wir sind? Warum ist unsere Gegenwart so wie sie ist? Und warum fliehen wir immer in alte Traditionen und Muster? Da entwirft der junge  Schiller ein sehr interessantes, zeitloses, philosophisches Psychogramm darüber, wie Ungerechtigkeiten, Kränkungen und Verletzungen den Menschen möglicherweise auch zu ideologischen Monstern aufbereiten können – oder auf jeden Fall anfälliger machen.

Was bedeutet es aufzubegehren? Widerstand zu leisten? Die Räuberbande von Schiller ist extrem grausam. Was historisch noch unter dem Vorwand der Bekämpfung sozialer Ungerechtigkeiten funktioniert hat oder im Namen der Freiheit, um sich aus der Leibeigenschaft zu befreien, ist heute als grässliche Taten im Namen der Freiheit zu hinterfragen. Aber leider hatte Schiller nicht den Mut, dies in die Münder seiner deutschen Protagonist:innen zu legen. Er lässt die Gräueltaten aus den Böhmischen Wäldern als Botenbericht von Moritz Spiegelberg veräußern, was bei genauer Lektüre eine Figur mit jüdischer Herkunft ist. Wenn man es genau nimmt, ist das Stück nicht nur frauenfeindlich, sondern auch antisemitisch.

Nichtsdestotrotz – und ich weiß das klingt jetzt paradox –, lohnt es sich ungemein, sich mit und durch die klassische Literatur in die Gegenwart immer wieder neu hinein zu denken, weil die Träume und Ängste, die Suche nach Heimat aber auch die Frage danach, was bleibt, wenn ich nicht mehr bin, zeitlos ist. Und das verbindet uns mit der Vergangenheit und der Zukunft. Indem man das tut, arbeitet man für die Gegenwart und das ist tröstlich.

„Erde, gib deinen Toten, gib deinen Toten, Meer!“ – Amalia

Schiller stellt seinem Text den Eid des Hippokrates voran: „Was Medikamente nicht heilen, heilt das Messer; was das Messer nicht heilt, heilt das Feuer.“ Das Stück erzählt von einer schonungslosen Gewaltspirale. Wie geht ihr mit der brutalen Zerstörungsenergie von Handlung und Sprache um?

CB Es lohnt sich, sich mit Abgründen und auch Gewaltstrukturen zu konfrontieren, weil man alles hinterfragen sollte, selbst die eigenen Fragen. Was mir schwer fällt, ist den männlichen Blick immer mitzudenken, weil ich mich dabei ertappe, mich selbst zu fragen, wie eine Frau diese Eroberungs- und Gewaltfantasien formulieren würde. Welche Worte, welche Blicke würde sie wählen, wenn sie zu dieser Zeit publiziert worden wäre, was beispielsweise in England zu der Zeit möglich war.

Gewalt zu inszenieren bedeutet immer auch die Frage zu klären, was man damit will und wen es warum wirklich erreichen soll. Und wie man es schafft, dass man nicht nur reproduziert. Ich empfinde häufig die Sprache als mächtig, kräftig aber auch gewaltsam genug, dass ich manchmal die Augen schließe – und dann reicht mir das theoretisch als Erfahrung. Weil es die Bilder ins Rollen bringt. Aber im Theater ist das Bild potenziell gefährlicher, weil es schneller, radikaler, dominanter als ein zu entschlüsselnder sprachlicher Vorgang ist. Ein Bild drängt sich auf. Die Räuber ist ein in Bildern komponiertes Stück. Deswegen kann man der Sprache vertrauen. Sie tut ihre Arbeit schon an sich. Da ist genügend Gewalt bereits drin. Mich inte ressiert am Theatermachen der triadische Vorgang: Im Endeffekt ist es ein Spiel, ein Wort, ein Laut, der was will und immer auch jemand der zuschaut, mitdenkt und weiter assoziiert oder eben aussteigt.

Alle Gewalt geht von der Familie aus. – Rainald Goetz

Claudia, du hast mit deinem Team bereits in der Uraufführung von Rainald Goetz’ Baracke nach den Mustern von familiärer Gewalt in der deutschen bürgerlichen Gesellschaft gesucht. Jetzt untersucht ihr den Zerfall der Familie von Moor. Wie lassen sich diese elementaren Strukturen der Verwandtschaft im Theater erforschen und auf den Bühnenraum übersetzten?

CB Systeme und Strukturen hängen immer zusammen. Spiegeln sich. Und immer ist dann auch Macht mit dabei. Dynamik. Geschwister. Eltern. Vorfahren. Herkunft. Geschichte. Glauben. Der Tod. Eine Familie ist eine erste positive oder negative Struktur- und Systemerfahrung, die einem zufällig zufällt. Rainald Goetz hat ziemlich pointiert gesagt: „Alle Gewalt geht von der Familie aus.“ Die Frage geht bei Schiller aber über die Nuklear- und Kernfamilie hinaus. Weil Familie auch für Heimat, Boden und Herkunft steht und da ist man bereits mittendrin in den gefährlichen Denkkategorien …

Das Gespräch führte Jona Rogalski, der die Probenphase als Dokumentarist für die Akademie der Künste begleitete.