© Eike Walkenhorst

Programmzettel Eine Minute der Menschheit

Menschsein von Lilly Busch

  • Futorologie
  • Momentaufnahme
  • Tragikomik

Zahlen machen etwas sichtbar. Zahlen geben Gewissheit und einen Überblick. Oder sie verunsichern: belegen einen Verdacht oder sprengen das Gewusste. Sich auf Zahlen und Fakten zu berufen, statt auf Mythen oder gefühlte Wahrheiten, ist in unserer Gegenwart geboten. Aber Zahlen allein helfen auch nicht weiter, die Berechnung von etwas führt nicht unbedingt zur Tat, denkt man etwa an die Prognosen des Club of Rome in den 70er Jahren zurück, die die Grenzen des Wachstums aufzeigten und die ökologische Krise greifbar machten. Was lässt sich überhaupt statistisch messen? Und was wird beim Zählen übersehen?

Rezensionsgeschichte

Stanisław Lems 1983 erschienener Essay Eine Minute der Menschheit bewegt all diese Fragen mit einem literarischen Kniff. Der Text versucht, mittels Statistik zu veranschaulichen, was die Menschheit in einer Minute tut. Und weil es, genauer bedacht, schlicht unmöglich ist, das tatsächlich festzuhalten oder sich zu vergegenwärtigen, hat Lem das eigentliche Buch gar nicht verfasst, sondern eine Rezension darüber: Eine Minute der Menschheit, geschrieben von Johnson and Johnson, erschienen bei Moon Publishers, rezensiert von einem launigen, mal begeisterten, mal skeptischen Rezensenten, der durch das Buch blätternd verschiedene Kapitel über die Menschheit referiert und die Methode des Buches analysiert. Lem hat den Trick, Rezensionen über nicht existierende Bücher zu schreiben, vom Autor Jorge Luis Borges aufgegriffen und ihn vielfach angewandt. 

Denn so lassen sich Ideen durchspielen, ohne dass man sie minutiös darlegen und alle Probleme der eigenen Aufgabenstellung lösen muss. 

„Niemand liest etwas; wenn er etwas liest, versteht er es nicht; wenn er es versteht, vergisst er es sofort – das ist das Lemsche Gesetz.“ –  Stanisław Lem

In der Bühnenfassung von Anita Vulesica wird aus dem Rezensenten ein „literarisches Septett“, das sich auf dem „76. Weltkongress für Zukunde und Temporistik“ zur Buchrezension trifft. Sieben skurrile Figuren mit unterschiedlichen Ansichten und Expertisen debattieren und streiten über das Buch, und blättern dabei in ihrer Sturheit, Hoffnung, Verzweiflung und je eigenen Strategie, die Welt zu ertragen, selbst auf, was das eigentlich ist: Menschsein.

„Lem hat als wissenschaftlicher Fantast in seinem literarischen Schaffen verschiedenste Genres aufgegriffen: Von Kriminalroman über Märchen bis zum philosophischen Essay.“ – Lilly Busch, Dramaturgin

Obwohl Lem vor allem für seine großen fantastischen Romane, allen voran Solaris (1961), bekannt ist, hat er als wissenschaftlicher Fantast in seinem literarischen Schaffen verschiedenste Genres aufgegriffen: Von Kriminalroman über Märchen bis zum philosophischen Essay. Eine Minute der Menschheit gehört zu Lems „Bibliothek des 21. Jahrhunderts“, zu der insgesamt drei Bücher zählen, die Anfang der 1980er Jahre erschienen sind: Neben der Minute ist es zum einen Das Katastrophenprinzip, das sich mit der Zufälligkeit und Unwahrscheinlichkeit des Lebens befasst und die kosmische Katastrophe als Urzustand und Bedingung für die Entstehung des Menschen betrachtet: Wären die Dinosaurier nicht durch einen Meteoriteneinschlag vor Millionen von Jahren ausgelöscht worden, hätte sich vermutlich nie menschliches Leben entwickelt. Und zum anderen, Waffensysteme des 21. Jahrhunderts, ebenfalls eine Zusammenfassung eines fiktiven Buches, das das Wettrüsten zum Thema hat, und satirisch die Fantasie durchspielt, dass kybernetische, insektengroße Armeen menschliche Truppen ablösen, die kaum noch als Militärgerät erkennbar sind. Ein Szenario, das heute, in Zeiten von KI-Wettrüsten, wo sowohl Cyber- als auch Drohnenkriege geführt werden, gar nicht mal so abwegig klingt. 

„Wer bewegt wen? Bewegt die Technologie uns oder wir sie?“ – Stanisław Lem

Krieg und Katastrophe – beides durchzieht auch die Biografie von Stanisław Lem, der als polnischer Jude die Shoah und den Kalten Krieg erlebte. In seinem überaus umfangreichen und kreativ überbordenden Werk hat Lem sich immer wieder mit repressiven Ordnungen und der Möglichkeit von Frieden befasst, etwa in der „Pharmakokratie“ des Futurologischen Kongress (1971): Darin landet der bei Lem in mehreren Büchern wiederkehrende Held Ijon Tichy in einem Staat, der die Menschen in einer künstlich geschaffenen, halluzinierten Wirklichkeit festhält und sie unbemerkt durch psychotrope Mittel zu Glück und Ausgeglichenheit zwingt, die natürlich nicht von Dauer sein können. Vor allem aber hat Lem zahlreiche technologische Entwicklungen der Zukunft vorausgeahnt – von Robotik über das Internet bis zur Raumfahrt. Seine futorologischen Untersuchungen wimmeln vor Erfindungsreichtum und blicken zugleich kritisch bis pessimistisch auf technologische Zivilisationen. „Wer bewegt wen? Bewegt die Technologie uns oder wir sie?“ heißt es in Summa Technologiae (1964). Texte von Stanisław Lem, der sich selbst zeitlebens weigerte, einen Computer zu benutzten, erlauben, durch den Blickwinkel der „alten Zukunft“ ins Heute zu schauen, in einem Moment, in dem künstlerische Intelligenz viele Lebensbereiche fundamental verändert. Auch in Eine Minute der Menschheit klingen Themen wie digitale Überwachung und Datenkapitalismus an: Die Monetarisierung von menschlichen Daten. 

„der Theaterabend hat nicht nur Zeit zum Thema, er ist selbst Zeit“ – Lilly Busch, Dramaturgin

Doch selbst bei der heutigen digitalen Verschaltung der Welt, wo man in Newsfeeds die Überlappung aller Ereignisse ahnt, bleibt die Gleichzeitigkeit des Geschehens auf der Welt trotzdem kognitiv und emotional nur schwer greifbar. Die Vergeblichkeit des Versuchs, sich tatsächlich präsent zu machen, was die Menschheit innerhalb einer Minute gleichzeitig tut, ist besonders in der zeitbasierten Kunstform Theater verlockend: Denn der Theaterabend hat nicht nur Zeit zum Thema, er ist selbst Zeit: Mehrere Hundert Menschen verbringen zwei Stunden miteinander, im gleichen Raum, in dem sie die gleiche Luft atmen. Das Stück ist dabei nicht zuletzt eine Liebeserklärung an die Literatur, ein Plädoyer für das Lesen – und Streiten über das Gelesene. 

Der Mensch in seinem Kabelsalat Gespräch mit Regisseurin Anita Vulesica

Was zieht Dich an Stanisław Lems Werk an? 

Anita Vulesica Ich bin großer Science-Fiction Fan, auch wenn Lem selbst diesen Begriff ablehnte und sich als wissenschaftlicher Fantast verstand. Ich war schon immer fasziniert von den fernen Galaxien, die Lem kreiert, und von den schrägen Figuren, die es da gibt. Er hat sich viel mit dem Fortschritt befasst, mit dem Menschen, der in seinem Kabelsalat fehlbar bleibt, obwohl er entfernte Galaxien ansteuert und bahnbrechende Dinge erfindet.

Welche Prophezeiungen oder Verbindungslinien ins Heute findest Du in Eine Minute der Menschheit?

Lem hatte unzählige Visionen, mit denen wir heute umgehen in der Welt: Das Spektrum der Technologien, die er sich in seinen Romanen ausgedacht hat, reichen vom Internet bis zu den sozialen Medien. Am meisten interessiert mich an seinen Voraussagungen, dass er davon ausging, superentwickelte Computer würden offen und zugänglich für jeden sein und alle Menschen miteinander verbinden. Gleichzeitig sah er, wie gefährlich das werden kann und glaubte nicht, dass die globale Weltgemeinschaft demokratisch und friedvoll genug miteinander wäre, um solche Technologie im Zaum zu halten. Auch wenn KI nicht per se böse oder faschistisch ist, sehen wir heute, wie sie benutzt und missbraucht wird für anti-demokratisches Streben. Lem hat das geahnt.

„Mathematik hat sehr viel mit Theater zu tun, weil Musik, Struktur und Rhythmus viel mit ihr zu tun haben.“ – Anita Vulesica, Regisseurin

Lems Text unternimmt das Gedankenspiel einer „extremen Zusammenfassung der Menschheit“. Zahlen und Rationalität sind hier eine Strategie, um die Welt zu erfassen und zu ertragen. Was hat Mathematik mit Theater zu tun?

Mathematik hat sehr viel mit Theater zu tun, weil Musik, Struktur und Rhythmus viel mit ihr zu tun haben. Und da ein Theaterabend in meinen Augen besonders gelungen ist, wenn er einen gewissen Rhythmus und eine Musikalität hat, wo Pausen und Brüche genau berechnet und gesetzt sind, würde ich sagen, es gibt auch Theaternaturgesetze.

Das Betrachten der Statistik über die Menschheit legt nahe, dass das Schlechte überwiegt, dass die Menschheit primär Katastrophen anrichtet … Ist bei Lem auch etwas Tröstliches zu finden?

Der Trost liegt bei Lem darin, sich die Dinge so zu sagen, wie sie sind. Also, nicht zu verschleiern oder zu übertünchen, sondern die Wahrheit zu benennen, so exakt wie es geht, mit den Mitteln der fantastischen Literatur. Darin liegt Trost und auch Hoffnung, denn wenn die Karten auf dem Tisch liegen, kann man irgendein Fazit daraus ziehen.

Das Gespräch führte Lilly Busch.