© Jasmin Schuller Noam Brusilovsky, Moritz Kienemann

Programmzettel Fake Jews

Wie man einen  Deutschen spielt Noam Brusilovsky über Assimilation

  • Wilkomirski-Syndrom
  • Identität
  • Gegenwartsbewältigun

In seiner Erzählung Der operierte Jud’ von 1893 erzählt Oskar Panizza, wie der Jude Itzig Faitel Stern sich durch qualvolle Operationen, Bluttransfusionen und intensive Sprecherziehung zum christlichen Siegfried verwandeln ließ. Die Geschichte des operierten Jud’s ist Teil des Stücks Woran man einen Juden erkennen kann, das ich während meines Regiestudiums an der Ernst Busch inszenierte.

Mein Weg ins Deutsche Theater mag an diese erfolglosen Transformationsversuche erinnern. Fasziniert von deutschen Theatertraditionen kam ich aus Israel nach Deutschland und wollte lernen, wie man ein deutscher Theaterregisseur wird. Als Ausbildungsort schien mir dafür die Berliner Ernst Busch Schule ideal. Doch auch zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung verstand sich die einstmals wichtigste Schauspielschule der DDR als ostdeutsch, es gab kaum ausländische Studierende und ich fühlte mich wie Besuch von einem anderen Planeten. Ein Affe in der Hochburg des Regietheaters, der ständig daran scheitert, seine Kommilitonen zu imitieren. Und dabei war nicht nur die Sprache eine Hürde, sondern diese gänzlich andere Kultur, in der ich mich für andere und mich selbst erst neu erfinden musste.

Während meines Studiums recherchierte ich über meine Ausbildungsstätte und fand heraus, dass ich nicht der erste Jude bin, der an dieser Institution an Assimilationsschmerzen litt. 1905 von Max Reinhardt als Ausbildungsstätte für das Deutschen Theater in Berlin gegründet, beginnt die Geschichte schon mit einer Assimilation: Reinhardt wurde 1873 in eine jüdisch-orthodoxe Familie in Baden bei Wien als Maximilian Goldmann hineingeboren. Wie viele andere Jüd:innen seiner Generation änderte er jedoch mit dem Beginn seiner Karriere als Schauspieler gegen den Willen der Eltern seinen jüdischklingenden Namen und heiratete eine nichtjüdische Frau.

„[...] ich fühlte mich wie Besuch von einem anderen Planeten. Ein Affe in der Hochburg des Regietheaters, der ständig daran scheitert, seine Kommilitonen zu imitieren. – Noam Brusilovsky 

Unter den zahlreichen Jüd:innen aus Osteuropa, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts nach Berlin migrierten, begannen auch manche ihre Theaterkarriere an der Schauspielschule des Deutschen Theaters. In ihren Memoiren erzählen die Schauspieler Shimon Finkel, Kurt Katch und Alexander Granach, wie der damalige Schulleiter Berthold Held, der selbst assimilierter Jude gewesen sein soll, sich vor der ganzen Schauspielklasse über ihren ausländisch-jiddischen Akzent lustig machte und wie intensiv mit ihnen gearbeitet wurde, um auf der Bühne „deutscher“ zu klingen. Beim Lesen dieser Erinnerungen bekommt man beinahe den Eindruck, diese Schauspieler lernten nicht nur, wie man am Deutschen Theater spielt, sondern wie man einen Deutschen spielt.

Diese Formen von Anpassung faszinieren mich weiterhin: Jetzt setze ich mich mit dem umgekehrten Phänomen auseinander. Für Fake Jews beschäftige ich mich mit Deutschen, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg eine jüdische Biografie erfinden und behaupten, jüdisch zu sein, obwohl sie es de facto gar nicht sind. In einer Zeit, in denen eine jüdische Biografie zu einem lukrativen Identitätsmerkmal werden kann, aus dem sich – believe it or not – Profit ziehen lässt.

Faszination Lüge Gespräch mit Psychoanalytikerin Jutta Menschik-Bendele

Der Protagonist von Fake Jews behauptet, Jude zu sein, obwohl seine Familie nicht jüdisch ist. Gibt es in der Psychologie einen Begriff für Menschen, die sich eine erfundene Identität ausdenken?

Jutta Menschik-Bendele Wir alle fabulieren. Freud hat vom „Familienroman“ gesprochen: Kinder stellen sich andere Eltern, andere Ursprünge vor, um innere Spannungen zu regulieren. Problematisch wird es dann, wenn diese tröstenden Fantasien nicht mehr im Inneren bleiben, sondern in die Realität getragen werden.

Wie würden Sie Pseudologia fantastica definieren?

JMB Der Begriff Pseudologia fantastica bezeichnet erwachsene Menschen, die chronisch lügen – nicht aus einer momentanen Not heraus, sondern indem sie ihre gesamte Lebensgeschichte neu konstruieren. Diese erfundenen Biografien dienen dazu, interessanter zu sein, Aufmerksamkeit zu erhalten und den eigenen Selbstwert zu stabilisieren. Man kann das als eine Form des pathologischen Narzissmus verstehen.

Inwiefern ist das narzisstisch?

JMB Narzissmus ist der Versuch, einen beschädigten Selbstwert zu regulieren. Menschen, die sich innerlich klein oder wertlos fühlen, versuchen sich nach außen zu vergrößern – durch Grandiosität, durch Überhöhung der eigenen Person. Fantastische Biografien sind dafür ein besonders wirksames Mittel. Diese Menschen sind häufig emotional labil, zugleich aber stark extrovertiert. Sie müssen es genießen, in der Öffentlichkeit zu stehen. Hinzu kommen oft Begabung und Charme – und nicht selten auch ein sadistisches Moment: das Vergnügen, zu wissen, dass man andere täuscht und sie um sich herumtanzen lässt.

Wir alle fabulieren. – Jutta Menschik-Bendele

Können Pseudologen noch zwischen Wahrheit und Lüge unterscheiden?

JMB Hier ist eine klare Unterscheidung zu schweren psychischen Erkrankungen wie der Schizophrenie notwendig. Ein schizophren erkrankter Mensch kann nicht mehr zwischen Wahn und Realität unterscheiden. Narzisstische Lügner hingegen verfügen über ein funktionierendes Ich. Sie wissen, dass sie lügen, auch wenn sich Fantasie und Wirklichkeit zunehmend überlagern. Schuldgefühle stehen dabei nicht im Vordergrund. Viel quälender ist für sie die Scham und die Angst, entlarvt zu werden.

Welche emotionale Reaktion erhoffen sich Pseudologen durch ihre Lügen?

JMB In der Regel wählen sie zwei typische Rollen: die des Opfers oder die des Helden. Als Opfer erhält man Mitgefühl, als Held Bewunderung. In beiden Fällen steht Aufmerksamkeit im Zentrum – und die Erfahrung, nicht in der grauen Masse unterzugehen.

„Sobald der Mensch eine Bühne bekommt, entsteht die Versuchung zu performen. Pseudologen lügen nicht im Privaten, sie suchen Öffentlichkeit.“ – Jutta Menschik-Bendele

Welche Rolle spielt dabei die Öffentlichkeit?

JMB Eine zentrale. Sobald der Mensch eine Bühne bekommt, entsteht die Versuchung zu performen. Pseudologen lügen nicht im Privaten, sie suchen Öffentlichkeit. Sie brauchen ein Publikum, das außergewöhnliche Geschichten hören will. Ungewöhnliche Lebensgeschichten wecken Neugier und fordern die Erzähler indirekt dazu auf, immer weiter zu produzieren. Wer nicht performt, bleibt unsichtbar. 

Warum ist die Gesellschaft bereit, diese Geschichten anzunehmen? Warum brauchen wir erzählbare Biografien?  

JMB Das Alte gilt als langweilig, also muss immer etwas Neues her. Wer sich abhebt, zieht Aufmerksamkeit auf sich. Besonders spannend sind Lebensgeschichten, die irritieren und Fragen aufwerfen. Ich erlebe einen stark veränderten Wunsch, gesehen zu werden: Schon Volksschulkinder färben sich die Haare oder beginnen, Kalorien zu zählen. Sichtbarkeit ist zu einer sozialen Währung geworden.

In unserem Stück spielt die jüdische Identität eine besondere Rolle. Warum erzeugt sie gesellschaftlich so viel Aufmerksamkeit?

JMB Das hat mit kollektiver Schuld zu tun und mit der Hoffnung auf Vergebung. Häufig findet hier eine Verschiebung statt: Schuldgefühle gegenüber den Eltern- oder Großelterngenerationen, die über ihre Rolle im Nationalsozialismus geschwiegen haben. In der Begegnung mit einem zugewandten jüdischen Gegenüber kann diese Schuld aufbrechen – auch wenn man selbst keine Verantwortung trägt. Das kann zu Momenten von Katharsis führen, zu Erleichterung und dem Gefühl, wieder in Beziehung treten zu können. Dabei vermischen sich Echtes mit Historischem, Dramatischem und dem Wunsch nach Vergebung.

Wie lässt sich Pseudologia fantastica therapeutisch behandeln?

JMB Die große Schwierigkeit besteht darin, jemanden behutsam von der Grandiosität in eine depressive Trauerarbeit zu führen. Wenn die fantastischen Lügengebilde infrage gestellt werden, fällt die betroffene Person oft zunächst zusammen. Dann zeigt sich eine tiefe Traurigkeit über all das, was das reale Leben nicht hergegeben hat und was man sich stattdessen selbst konstruieren musste. Wenn diese Trauer zugelassen und durchlebt werden kann, entsteht möglicherweise ein Gewissen – und damit ein Weg zu Veränderung. Geschieht die Entlarvung jedoch zu abrupt, drohen Zusammenbruch, Suizid oder kriminelles Verhalten. Der Suizid kann dabei selbst eine narzisstische Reaktion sein: ein letzter grandioser Abgang, der die mühsame depressive Aufarbeitung vermeidet.

Sprechen biografische Texte jemals die Wahrheit?

JMB Biografien sind immer Wunschgeschichten. Sie erzählen weniger, was war, als was hätte sein sollen. Und je größer das Publikum, desto größer die Versuchung, diese Wünsche selbst zu glauben.

Jutta Menschik-Bendele ist emeritierte Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und praktizierende Psychotherapeutin.

Das Gespräch führte Noam Brusilovsky.