Programmzettel Fighten

AND THEN A HERO COMES ALONG? Essay von Christopher-Fares Köhler

Das Geschichtenerzählen ist – und bleibt – eine der zentralen Formen menschlicher Kommunikation. Durch Geschichten teilen wir Erfahrungen, tauschen Sichtweisen aus und kommen einander näher. Seit jeher nutzen Menschen verschiedene Ausdrucksformen, um Erlebtes weiterzugeben: von der Höhlenmalerei über die mündliche Überlieferung und den Buchdruck bis hin zu Film, Streaming und Podcasts – Medien, in denen wir uns stundenlang die Welt erklären (lassen). Durch das Eintauchen in verschiedene Figuren und Handlungen können wir deren Gefühle nachvollziehen, ihre Wege verfolgen und dabei unsere eigenen Erfahrungen und Emotionen besser verstehen. Geschichten helfen, Sinn und Bedeutung in unserem Leben zu finden, indem sie eine strukturierte Perspektive auf die Welt bieten. Der Mensch interpretiert seine Umgebung durch die Geschichten, die er erzählt und konsumiert. Wir bevorzugen Geschichten mit klarer Struktur: Anfang, Wendepunkt, Ende. Zufällige oder widersprüchliche Ereignisse werden so umgedeutet, dass sie sich scheinbar nahtlos in ein größeres Narrativ einfügen. Was chaotisch war, erscheint im Rückblick als Schicksal. Auch unsere Erinnerung ist erzählerisch geprägt: Wir merken uns, was zu unserer Geschichte passt, und blenden aus, was stört. So entsteht oft ein innerer Zusammenhang – selbst dort, wo das Leben unzusammenhängend, offen oder brüchig war.

Hero's Journey

Eine der bekanntesten Erzählstrukturen ist die der Heldenreise (Hero’s Journey). Sie findet sich in Mythen, Romanen, Actionfilmen und Videospielen. Die Heldenreise folgt einem archetypischen Erzählbogen: Eine Figur verlässt das vertraute Umfeld, begibt sich auf eine abenteuerliche Reise, besteht Prüfungen, durchläuft eine Transformation und kehrt schließlich – verwandelt – zurück. Dieses Motiv findet sich auch in vielen Kampfsportgeschichten; sei es in echten Wettkämpfen oder fiktionalen Erzählungen darüber. Ein erfahrener Coach übernimmt häufig die Rolle des Mentors. Auf dieser Reise muss der:die Kämpfer:in zahlreiche Prüfungen bestehen, die sowohl aus körperlichen als auch psychischen Herausforderungen bestehen und übermächtige Gegner:innen konfrontieren. Durch diese Herausforderungen wächst die Figur und entwickelt sich nicht nur in ihren Fähigkeiten weiter, sondern auch als Mensch.

Das bekannteste Modell der Heldenreise wurde vom amerikanischen Mythenforscher Joseph Campbell entwickelt, der es 1949 in seinem einflussreichen Werk The Hero with a Thousand Faces beschrieb. Doch: Die klassische Heldenreise ist stark individualistisch geprägt. Im Mittelpunkt steht häufig eine Heldenfigur, die oft männlich und in der Rolle als aktiv, kämpferisch und unabhängig codiert ist. Perspektiven von Frauen, queeren oder kollektiv organisierten Figuren bleiben oft unberücksichtigt. Genau hierin liegt auch die Ambivalenz der klassischen Geschichten und der Heldenreise, denn Geschichten neigen zur Vereinfachung und manchmal zur Verzerrung. Ein Phänomen, das diesen Mechanismus beschreibt, ist der sogenannte Story Bias, die narrative Verzerrung. Neue Informationen werden unbewusst in eine vertraute Erzählstruktur überführt. Das macht sie verständlich, aber auch manipulierbar.

Fighten?

Die klare Struktur der Heldenreise vereinfacht oft komplexe Themen wie soziale Ungleichheit, Umweltkrisen oder politische Positionen, die sich nicht immer in einem individuellen Heldentum fassen lassen. So transportieren sie nicht nur Werte und Normen, sondern können auch Spaltungen vertiefen und stereotype Bilder festigen. In einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher und politischer Polarisierung ist es umso wichtiger, alternative Erzählformen zu entwickeln, die kollektive und differenzierte Perspektiven stärker einbeziehen.

In Fighten machen sich acht Kämpfer:innen auf den Weg, reisen gemeinsam durch ihre eigenen Geschichten, verhandeln und ringen miteinander und gegeneinander – immer auf der Suche nach dem Sinn mit dem Kämpfen selbst. Am Ende einer klassischen Heldenreise steht das „Elixier“, ein Fluch oder Segen, ein Moment der Erkenntnis und Transformation. Doch was, wenn die Unterscheidung von Gut und Böse, Richtig und Falsch, im wirklichen Leben nicht so eindeutig ist, wie es auf den ersten Blick scheint? Was, wenn Lebensgeschichten und Erfahrungen nicht geradlinig und klar zu erzählen sind und darin ein besonderes Potenzial für individuelle und kollektive Erfahrungen liegt? Ring frei für den gemeinsamen Versuch.

Unischtbare Kämpfe Ein Gespräch mit Katharina Bill und Thanos Papadogiannis

Katharina, was hat Dich dazu inspiriert, ein Stück zum Thema Kämpfen zu entwickeln?

Katharina Bill: Ich interessiere mich besonders für die unsichtbaren Kämpfe; jene, die Menschen austragen, die keine große Plattform haben. Kämpfe, über die selten gesprochen wird, die ständig stattfinden, die aber von der Gesellschaft oft einfach hingenommen werden. Und vor allem die Kämpfe, die man sich nicht aussuchen kann. Ein Beispiel dafür sind Aktivist:innen – eine Gruppe, zu der ich selbst gehöre. Meine Idee war, diese Art von Kämpfen mit dem performativen Moment des Kämpfens auf der Bühne zu verknüpfen. Von Anfang an war mir klar, dass ich nicht unbedingt nach professionellen Kämpfer:innen suche, sondern nach ganz normalen Bürger:innen aus Berlin. Menschen aller Altersgruppen, die ihre eigenen inneren oder alltäglichen Kämpfe führen und die gleichzeitig Lust darauf haben, sich auf der Bühne durch inszenierte Formen des Kämpfens, wie Showkampf oder Wrestling, mit ihnen auseinanderzusetzen.

Thanos, Du entwickelst die Kampfchoreografie bei Fighten. Auch bei deinem letzten Projekt Becoming a Wrestler – Can I Mom?, hast du stark auf Wrestling-Elemente zurückgegriffen. Was fasziniert Dich an diesen Show-Kämpfen?

Thanos Papadogiannis: Es ist sehr kathartisch. Ähnlich wie beim Theater, das für viele intensive oder schwierige Themen – sei es im persönlichen Leben oder in der Gesellschaft – eine kathartische Wirkung hat, ist es auch beim Wrestling. Man kämpft, man tut etwas sehr Intensives, das viel körperliche Anstrengung erfordert und gleichzeitig ist dennoch alles inszeniert. Das Ziel ist nicht, jemanden zu verletzen, sondern vielmehr, zusammenzuarbeiten.

Kann man Gewalt auf eine Weise inszenieren, die mitreißend und unterhaltsam ist, ohne dabei gewaltverherrlichend zu wirken?

TP: Ich denke, in unserem Stück wird durch den Kontext, den der Text herstellt, sehr deutlich, dass es keineswegs um die Verherrlichung von Gewalt geht. Vielmehr geht es darum, sich die eigenen Geschichten zurückzuerobern, sie zu verarbeiten und mithilfe des Theaters einen Weg zu finden, damit umzugehen. Verkörperung hat etwas zutiefst Befreiendes und Ermächtigendes. Schon in den frühen Formen des Theaters diente Imitation als Mittel, um Selbstermächtigung zu erfahren oder über zentrale Themen der Gemeinschaft zu sprechen. Ähnlich verhält es sich mit dem Bühnenkampf: Auf der Bühne schlüpft man bewusst in die Rolle eines Bösewichts oder Aggressors; jemand, der andere unterdrückt oder tyrannisiert. Diese Aneignung kann eine magische, befreiende und ermächtigende Energie mit sich bringen.

Du arbeitest bei dieser Stückentwicklung mit den biografischen Geschichten der Darsteller:innen. Was interessiert Dich an diesen persönlichen Geschichten über das Kämpfen?

KB: Ich denke, dass jeder Mensch seine eigenen Kämpfe hat – nicht sichtbare Kämpfe oder solche, die einem von außen aufgedrückt werden. Und genau diese Geschichten wollte ich hören. Mich hat vor allem interessiert: Was steckt da eigentlich ganz konkret dahinter? Was bedeutet es zum Beispiel, das eigene Herkunfts-Milieu zu verlassen? Diese Konkretheit der Lebenserfahrung hat mich als Material für die Bühne interessiert.

Diese Gruppe von Darsteller:innen vereint verschiedene Altersgruppen, Geschlechter und Körper und bringt unterschiedliche Erfahrungen im Bereich des Kämpfens mit. War das eine Herausforderung?

TP: Nicht wirklich. Ich versuche vielmehr, mit den Fähigkeiten zu arbeiten, die die Darsteller:innen bereits mitbringen, und diese weiterzuentwickeln, um ihr Potenzial noch klarer sichtbar zu machen. Im Gegenteil: ich fand es besonders schön, dass wir ein Theaterstück schaffen können, das für Menschen unterschiedlicher Altersgruppen und körperlicher Voraussetzungen zugänglich ist. Allzu oft neigen wir dazu zu glauben, dass bestimmte Körper weniger leisten können als andere. Doch letztlich ist alles eine Frage der Herangehensweise. Anstatt den Fokus darauf zu richten, was jemand nicht kann, ist es viel kraftvoller, sich auf das zu konzentrieren, was jemand kann – und genau daraus etwas entstehen zu lassen.

In Fighten setzen sich die Darsteller:innen mit der Heldenreise auseinander und kommen zu dem Schluss, dass sie sich eigentlich gar nicht als Held:innen sehen können oder wollen. Ist es möglich, die Menschen auf der Bühne nicht als Held:innen zu inszenieren?

KB: Nein, das geht nicht. Sie sind ja die Protagonist:innen! Und genau das ist irgendwie auch der Witz dieses Abends. Klar, sind sie Held:innen. Jede Geschichte erzählt von Menschen, die etwas durchgemacht haben, sich entwickelt haben, sich herausgekämpft haben. Selbst die kleinsten Geschichten sind kleine Held:innenreisen. Und vielleicht ist genau das der Kniff: Dass sie dauernd behaupten, sie könnten das nicht. Da sie ja „nur“ nicht-professionelle Darsteller:innen sind. So nach dem Motto: Was haben wir schon Großes zu erzählen? Aber genau dieses Understatement gibt den Blick darauf frei, dass diese Geschichten eben doch wichtig sind. Vielleicht sogar gerade deswegen.

Das Gespräch führte Sophie Borgmeyer.