Programmzettel Heimsuchung
Spuren der Geschichte von Johann Otten
Mit groben Pinselstrichen gezeichnet, blickt ein Mädchen in rotem Kleid aufs Wasser. In sich versunken, scheint sie den schon verhallten Rufen ihrer Freundinnen hinterherzuträumen, ihre Gedanken sind noch beim gerade vergangenen Herumtollen und Tanzen am Strand. Sie ist allein zurückgeblieben und blickt aufs Meer. Abgebildet ist sie auf einem der zwölf Gemälde, die der norwegische Maler Edvard Munch für das Foyer der Kammerspiele des Deutschen Theaters schuf, 1906 von Max Reinhardt beauftragt. Sechs Jahre lang schaute das Mädchen aufs Meer und gleichzeitig durch die Räume eines damals radikal modern gestalteten Theaters, bis das Bild mit dem Titel Melancholie als Teil des sogenannten Reinhardtfrieses im Zuge einer Umgestaltung 1912 auf einen abenteuerlichen Weg ging. Über verschiedene Kunsthandler gelangte es erst in die Nationalgalerie, wurde 1937 als “entartete Kunst” durch Hermann Goring angeeignet, kam dann über eine Auktion nach Oslo, wo es bis es bis in die 1990er Jahre verblieb, um von dort in die USA verkauft zu werden. 1997 wurde es schließlich von der Nationalgalerie rückerworben und befindet sich wieder in Berlin. Nun bildet eine Reminiszenz des Motivs den Hintergrund des Bühnenbildes der Inszenierung von Heimsuchung am DT, 120 Jahre später.
„Vielleicht wie kein anderes Medium eignet sich Theater als Erinnerungsmaschine, worin Spuren der Vergangenheit lebendig und neu verbunden werden können.“ – Johann Otten
Auch ein Theater ist ein Ort, durch den die Zeit strömt, wo Menschen und Objekte Rast machen, für einen Moment, bevor sie weiterziehen, unfreiwillig oder gelockt von neuen Versprechungen. Die Spuren, die dabei zurückbleiben gilt es zu sammeln, zu deuten, neu zu verbinden, sie werden zu Erinnerungen. Vielleicht wie kein anderes Medium eignet sich Theater als Erinnerungsmaschine, worin Spuren der Vergangenheit lebendig und neu verbunden werden können.
Erinnerungsarbeit
Erinnerungsarbeit ist auch Teil des Romans Heimsuchung, dem eine Widmung vorangestellt ist: „Für Doris Kaplan“. Die 1931 im brandenburgischen Guben geborene Tochter eines Arztes wird von ihren Eltern zwischen 1940 und 1942 nach Berlin zu einer Gastfamilie geschickt, in der Hoffnung, dass das jüdische Mädchen in der Anonymität der Großstadt sicherer sei als in Guben. Doch 1942 wird sie mit ihrer Mutter ins Warschauer Ghetto deportiert, danach gelten sie als verschollen, aller Wahrscheinlichkeit nach wurden sie im Zuge der „Großen Aktion“, der Räumung des Ghettos durch die Nationalsozialisten, in einen Waggon nach Treblinka gebracht und dort ermordet. Womöglich verbrachte Doris Kaplan einige Sommer ihrer Kindheit auf demselben Grundstück, auf dem auch Jenny Erpenbeck rund 40 Jahre später ihre Großmutter besuchte.
„Es sind die jungen Menschen von heute, die besondere Verantwortung haben, mörderische Systeme rechtzeitig zu verhindern.“ – Jenny Erpenbeck
Im Zuge einer umfangreichen Recherche über das Seegrundstück, auf dem die Schriftstellerin Hedda Zinner mit ihrem Mann Fritz Erpenbeck seit den 1950er Jahren zeitweise lebte und das die Familie im Zuge der Rückübertragung nach dem Ende der DDR an die Nachfahren eines Berliner Architekten, der in den 1930er Jahren dort baute, abgeben musste, fand sich ein Grundbucheintrag, der einen Teil des Grundstücks als Besitz eines jüdischen Tuchfabrikanten aus Guben ausmachte.
Gegen das Vergessen
Um ihre Flucht zu finanzieren, musste die Familie das Grundstück an den Architekten unter Wert verkaufen, dennoch konnten sie Deutschland nicht mehr rechtzeitig verlassen, allein der vorher ausgereiste Onkel von Doris Kaplan konnte nach Südafrika fliehen. Nicht nur jüdisches Leben, sondern auch die Erinnerung daran auszulöschen, war das Ziel der Gewaltverbrechen der Nationalsozialisten. Im Falle von Doris Kaplan ist dies dank der Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte nicht gelungen.
Vom Bleiben-Wollen und Fort-Müssen. Gespräch mit Autorin Jenny Erpenbeck
Fast wie das in Ihrem Roman zentrale Haus ist auch das Theater ein Ort, der Generationen überdauert, in dem von unzähligen Lebensgeschichten, von Träumen und Hoffnungen erzählt wird. Mit dem Deutschen Theater verbindet Sie eine besondere Geschichte. Was bedeutet es für Sie, dass Ihr Roman Heimsuchung nun hier für die Bühne adaptiert wird?
Jenny Erpenbeck Das Deutsche Theater war immer mein "Haustheater", es lag schräg gegenüber der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Mit 16, 17 Jahren war ich oft mehrmals in der Woche in Vorstellungen. Ich erinnere mich aus dieser Zeit vor allem an legendäre Produktionen von Alexander Lang, Medea etwa, mit Katja Paryla in der Titelrolle, oder Dantons Tod. Aber auch Mussets Stück Man spielt nicht mit der Liebe habe ich damals in einer wunderbaren Inszenierung des Künstlers Horst Sagert gesehen. Ohne das DT wäre ich sicher nicht Regisseurin geworden. Es ist für mich deswegen etwas ganz Besonderes, dass mein Buch hier auf die Bühne gebracht wird.
Der Titel Ihres Romans spielt mit der Doppeldeutigkeit des Worts “Heimsuchung” – als Suche nach Schutz und Geborgenheit in Form einer Heimat, gleichzeitig als das Heimgesuchtwerden durch die Geschichte und von politischen Entwicklungen, die größer sind als das das eigene Leben. Dem Text stellen Sie ein arabisches Sprichwort voran: „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod”. Haben Sie Hoffnung, dass man trotzdem auch in der eigenen Lebenszeit Geborgenheit findet, gewissermaßen zur Ruhe kommen kann?
JE Die Wellenbewegung des Lebens ist wohl der große Rhythmus, dem wir alle unterworfen sind. Aber es ist schwer, mit dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit umzugehen. Am Ende werden wir uns, denke ich, an die Momente erinnern, in denen wir ganz intensiv in der Gegenwart waren, wie in der Liebe, im Gespräch mit Freunden, beim Spiel mit einem Kind oder in der Natur. Also an Momente, die so etwas wie ihre eigene Ewigkeit hatten.
„Ohne das DT wäre ich sicher nicht Regisseurin geworden. Es ist für mich deswegen etwas ganz Besonderes, dass mein Buch hier auf die Bühne gebracht wird.“ – Jenny Erpenbeck
Den Text durchzieht die Gewalt des 20. Jahrhunderts in Europa, die sich an den Biografien der Figuren exemplarisch nachvollziehen lässt. Dazwischen bewegt sich die Figur des Gärtners, beinahe überzeitlich, fast unbeteiligt gegenüber menschlichem Schicksal und den jeweiligen politischen Systemen. Welche Rolle spielt Natur für Sie und für Ihr Erzählen?
JE Ich sehe in der Natur das Wunder des sich immer wieder erneuernden Lebens. Man kann betroffen sein von dem Gleichmut, mit dem die Natur ihren Kreislauf von Wachsen und Vergehen jenseits der Tragödien, die uns Menschen zustoßen, vollzieht – aber für mich es eher ein Trost. Es täte uns Menschen vielleicht gut, wenn wir uns daran erinnerten, dass wir nicht außerhalb stehen, sondern selbst natürliche Wesen sind. Das einzige, was uns als Gattung vom Tier unterscheidet, ist das Bewusstsein unserer eigenen Endlichkeit. Und dass gerade dies immer wieder dazu führt, dass wir uns in Kriegen massenhaft und vorsätzlich gegenseitig töten, ist ein Armutszeugnis.
Heimsuchung ist mittlerweile Abiturstoff, im ganzen Land beschäftigen sich junge Menschen mit Ihrem Roman. Wieviel Wissen über den Hintergrund der Figuren ist nötig, um ihn zu verstehen – oder wie lässt sich der Text allgemein begreifen? Und macht es einen Unterschied, ob sich eine Klasse beispielsweise in Brandenburg oder in Hessen mit dieser Geschichte auseinandersetzt?
JE Ich glaube, die Geschichte vom Ankommen, Bleiben-Wollen und Fort-Müssen kann jeder verstehen, hat jeder in irgendeiner Hinsicht schon einmal selbst erlebt. Dazu muss man nicht einmal eine Flucht übers Mittelmeer erlebt haben. Im Osten gibt es womöglich mehr Erfahrungen mit dem Verlassen von Orten, nicht nur wegen der Arbeitsmigration, die nach der Wiedervereinigung massenhaft auftrat, sondern wohl auch durch das Gesetz "Rückgabe vor Entschädigung", durch das rund 640.000 Häuser an West- Alteigentümer zurückfielen.
Aber es geht ja in meinem Buch auch um ganz andere Formen des Verlustes. Im Krieg, in der Liebe, durch Spekulation. Der absolute Nullpunkt ist für mich die Geschichte des jüdischen Mädchens Doris, das nicht nur den idyllischen Ferienort, sondern ihr ganzes Leben verliert. Ob man als junger Mensch nun im Osten oder im Westen Deutschlands aufwächst, ist es doch essentiell zu verstehen, wie rigoros Politik mitunter in ganz konkrete, private Lebensläufe eingreift. Es sind die jungen Menschen von heute, die besondere Verantwortung haben, mörderische Systeme rechtzeitig zu verhindern. Der Kampf um die begrenzten Ressourcen in der Welt wird an Schärfe noch zunehmen, aber der Schmerz über Entwurzelung ist für alle Menschen gleich.
Das Gespräch führte Johann Otten.