Programmzettel Leichter Gesang
Nicht verstehen. Kein Problem. von Christopher-Fares Köhler
In der Spielzeit 2023/24 begegneten sich die Autorin Nele Stuhler und der Regisseur FX Mayr im Rahmen der Ateliers für die Autor:innenTheaterTage am Deutschen Theater. Gemeinsam mit Schauspieler:innen des DT und des inklusiven RambaZamba Theaters wurde über die Dauer einer Spielzeit improvisiert, diskutiert, ausprobiert; stets auf der Suche nach einer Sprache, die nicht ausschließt, sondern öffnet. Die beiden Ensembles, die hier aufeinandertreffen, bringen unterschiedliche künstlerische Sprachen, Bewegungen und Arbeitsrhythmen mit. Über Jahre hinweg haben sie jeweils eigene Ausdrucksformen entwickelt. Die Herausforderung war nicht, diese Unterschiede zu überwinden, sondern sie als Ausgangspunkt ernst zu nehmen. Zuzuhören. Wahrzunehmen. Nicht sofort reagieren. Und: Nicht zu wissen, wohin diese gemeinsame Reise führen wird. Das Gemeinsame entstand nicht trotz, sondern aus dieser Unsicherheit und diesem Nicht-Verstehen.
„Erst-mal Herz-licht
Herz-licht Will-kommen
Herz-licht ist
das Licht von dem Herz
Ah
Will-kommen ist
was kommen will“
– Nele Stuhler Leichter Gesang
Begegnung auf der Bühne
Leichter Gesang ist das Theatertext-Echo dieser gemeinsamen Grundlage und Suche. Ein akrobatischer Text über die Sprache selbst. Einer, der bekannte Welten neu zusammensetzt und ihnen überraschend verspielte Perspektiven abgewinnt. Der versucht, Bedeutung zu erklären, nur um sie im nächsten Moment wieder infrage zu stellen. Ins Zentrum von Nele Stuhlers Text rückte daher bald nicht mehr die Frage, was erzählt wird, sondern wie überhaupt erzählt werden kann. Es geht um Begegnung auf der Bühne – jenseits von festen Figuren, Funktionen oder narrativen Hierarchien. Um eine geteilte Gegenwart, eine gemeinsame Momenthaftigkeit.
Leichte Sprache?!
Diese Fragen führten Nele Stuhler auch zur Auseinandersetzung mit Leichter Sprache. Nicht um einen Text in Leichter Sprache zu schreiben, sondern um Prinzipien daraus aufzugreifen: Hauptsätze, erklärungsbedürftige Begriffe, klare Strukturen. Eine Sprache, die zugänglich wirkt und zugleich Fremdheit erzeugt; die niemandem gehört, weil niemand weiß, wie sie genau gesprochen, wie sie gespielt werden soll. Auch die Autorin nicht. So fordert der Text alle Beteiligten heraus, sich ihm anzunähern – tastend, im gemeinsamen Rhythmus. Eine Erfahrung, in der nichts festgelegt ist. Keine Bedeutung stabil. Kein Begriff endgültig. Erst im Sprechen, vielleicht auch im Singen, entfaltet sich sein Sinn. Komplizierte Sprache und zugleich: Leichter Gesang.
„Klär soweit?” von Lucian Wizisla
Nehmen wir an, wir wachen morgens auf und die alltäglichen Dinge und Handlungen, die uns umgeben und begegnen, von denen wir Bedeutung, Platz und Wert zu kennen scheinen, haben sich neu sortiert. Wir wachen auf und sehen die Welt vollständig neu „Bett ist ein Brett über Boden“ und „Sitze sind geknickte Dinger“. Nun versuchen wir, diese neuen Bedeutungen anderen Menschen um uns herum mitzuteilen, aber wie, wenn sogar die Sprache eine völlig neue ist? Wir versuchen es auf verschiedene Arten und Weisen: langsam oder schnell, gesungen oder gespielt, mit einem Geräusch oder einem Requisit. Wie erklären wir einander, was wir sehen? Wie beschreiben wir, dass ein Schrank nicht einfach ein Schrank ist, sondern etwas, das die Grenzen des Physischen sprengt?
Ständiges Hinterfragen
Nele Stuhler erschafft in ihrem Text einen Ort, an dem die Spielenden einfache Dinge wie einen Sitz, einen Tisch oder ein Bett hinterfragen und neu definieren. Auf der Bühne treffen Menschen aufeinander, die zusammen eine Sprache, einen Rhythmus und eine Welt finden und neu erfinden. In einfachen und unscheinbaren Dingen entdeckt das Ensemble dabei große Wahrheiten und entwickelt Spaß am Ungewissen. „Klär soweit?“, fragt sich die Gruppe furchtlos und begegnet der Ungewissheit ohne Angst. Die neu gewonnenen Wahrheiten werden schnell wieder hinterfragt und neu formuliert. Der Schrank wird zu einem Ort der Kategorien und Gefühle, und der Sitz, auf dem gesessen wird, führt zum Hinterfragen der Besitzverhältnisse. Was ist der Unterschied zwischen Stock und Stab? Vielleicht weiß es niemand so wirklich. Aber den Versuch zu unternehmen, zu beschreiben, worin sich Stock und Stab unterscheiden, und dabei nicht nur mit der Bedeutung, sondern auch mit der Verwirrung der Worte zu kämpfen und es dennoch zu probieren, führt möglicherweise erst zur Erkenntnis: „Stock ist Baum, ab vom Baum“.
Kein Problem, einfach Fragen!
Alle sind „Herz-licht Will-kommen!“ zu verstehen und nicht zu verstehen. Scheint eine Erkenntnis sicher zu sein, folgt sogleich der Zweifel, ob durch die Verwirrung, die Stuhlers Text erzeugt, wirklich das Richtige verstanden wurde. „Kein Problem, einfach Fragen!“ Erst durch die Gruppe auf der Bühne wirkt das Nicht-Verstehen nun nicht mehr wie eine unüberwindbare Hürde, sondern wie eine Brücke, zu Erkenntnis und auch zu Teilhabe, denn wenn niemand etwas versteht, sind auch alle gleich. Das angstfreie und lustvolle Hinterfragen und Neugestalten dieser Welt, die an jeder Ecke eine Kehrtwende zu machen scheint und jeden Morgen mit einer anderen Überraschung herausfordert, hat etwas zutiefst Hoffnungsvolles.