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Programmzettel Let Them Eat Chaos

„Is anybody else awake, will it ever be day again?“ von Christopher-Fares Köhler

  • Langgedicht
  • Verbundensein
  • Spoken Word

Der aus Südlondon stammende Künstler Kae Tempest bewegt sich zwischen Poesie, Musik und Theater. Er schreibt Gedichte, Romane, Theaterstücke und veröffentlichte mehrere Musikalben. Jüngst erschien sein Album Self Titled. Tempest begann 2006 mit Poetry Slams und tourte durch Europa, Australien und Amerika. 2012 folgte die erste Gedichtsammlung  Everything Speaks in its Own Way, danach unterschiedliche Theaterstücke wie u. a. Wasted. 

2016 veröffentlichte er das Konzeptalbum Let Them Eat Chaos, das später auch als Langgedicht erschien. In 13 fließend ineinander übergehenden Musiktracks entfaltet Kae Tempest ein poetisches, politisches und musikalisches Werk – eine Mischung aus Langgedicht und Spoken-Word-Performance. Es verbindet Lyrik, Erzählung und gesellschaftliche Analyse zu einem dichten Panorama zeitgenössischer menschlicher Erfahrungen.

Die Protagonist:innen

Wir folgen sieben Menschen in London, die in derselben Straße wohnen und sich nie zuvor begegnet sind. Ihre Hintergründe sind unterschiedlich, ihre Nöte, Sorgen und Hoffnungen verschieden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie um 04:18 Uhr morgens wach sind. Sie können nicht schlafen, sind betrunken, müssen umziehen, sind gefangen in Erinnerungen an Rausch und Exzess, kommen von einer Doppelschicht, sehen Geister der Vergangenheit oder haben  jemanden aus dem Pub mit nach Hause genommen, um eine unerwiderte Liebe zu verdrängen. Währenddessen braut sich in der Ferne ein Sturm zusammen, der sich schließlich über diesen sieben Menschen entlädt und sie für einen kurzen Moment hoffnungsvoll miteinander verbindet.

„STOP
CRYING
START
BUYING“
– Kae Tempest

Sehnsucht

Heute, in einer Zeit zunehmender Polarisierung und Spaltung, wirkt Tempests Aufruf zu Mitgefühl und Zusammenhalt eindringlicher denn je. In seiner Beschreibung des Chaos unserer Gegenwart verdichten sich Themen wie Einsamkeit, Entfremdung durch Arbeit und Technologie, soziale Spaltung und ökologische Krisen mit der Sehnsucht nach Gemeinschaft und Empathie. 

Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich weiter vertieft. Wohnungsnot, prekäre Arbeitsverhältnisse und ungleiche Chancen prägen in vielen Städten – auch in London oder Berlin – den Alltag. 

Das Werk beschreibt eine Welt, die sich im Konsum und digitalen Rauschen verliert: Algorithmen, Social Media und KI formen unser Selbstbild, unser Denken und unsere Beziehungen. Sie sind zu selbstverständlichen Begleitern des Lebens geworden. Trotz allem bleibt die Sehnsucht nach Verbindung, Empathie und Solidarität ungebrochen.

Der „Geist der Zeit“ und der „Geist der Tiefe“

Im Essayband Verbundensein werden Tempests Denken und poetische Philosophie greifbar. Die sieben Kapitel folgen dem Konzept einer Vorbereitung, die an ein Konzert oder eine Performance erinnert – vom Aufbau über den Soundcheck bis hin zum Moment auf der Bühne. Thematisch kreisen die Texte um Rausch und Rückzug, um die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper und dem Blick der anderen. Tempest verwebt William Blake, mythologische und biblische Motive, Shakespeare und die Gegenwart zu einem Geflecht aus Gedanken über Verbindung, Menschsein und die fragile Möglichkeit von Gemeinschaft in einer zerrissenen Welt. Prägend ist auch der Einfluss von Carl Gustav Jung, einem der bedeutendsten Psychiater des 20. Jahrhunderts und Begründer der analytischen Psychologie, dessen Rotes Buch sich wie ein roter Faden durch Tempests Werk zieht und Let Them Eat Chaos durchdringt. Besonders deutlich wird dies im dritten Essayteil Einlass. 

2016, am Ende einer langen Tour, soll Kae einen Vortrag in einer Buchhandlung halten. Müde und ausgelaugt stößt er auf Jungs Rotes Buch. Darin beschreibt Jung seine innere Auseinandersetzung mit zwei Kräften: dem „Geist der Zeit“ und dem „Geist der Tiefe“.

„Der Sturm tobt bereits mitten unter ihnen und unter uns.“ – Christopher-Fares Köhler, Dramaturg

Diese beiden Prinzipien stehen für unterschiedliche Weisen, die Welt und das eigene Selbst zu begreifen. Der „Geist der Zeit” ist der Geist der Vernunft; er erklärt, ordnet und passt sich an, versucht Struktur und Narration für das Selbst zu schaffen. Der „Geist der Tiefe” hingegen entzieht sich dieser Logik. Er spricht in Symbolen, Träumen und Mythen, führt nach innen; in das Unbewusste, in die dunklen, irrationalen und schöpferischen Schichten der Seele. Er erinnert den Menschen daran, dass Sinn nicht nur durch Denken, sondern durch Erfahrung, Imagination und das Zulassen von Widersprüchen entsteht. Ordnung und Chaos sind demnach gleichwertige Pole der menschlichen Erfahrung, die in ihrer Gegensätzlichkeit Verbundenheit und Ausgleich schaffen. In dieser Differenz liegt für Tempest das Potenzial einer echten Verbindung mit sich selbst und der Umwelt.

Tempest beschreibt es so: „(...) zu viel vom jeweils einen führt zu Neurosen. Und was für jede:n Einzelne:n gilt, gilt auch für die Gesellschaft insgesamt. Wir haben zugelassen, dass die Waagschalen kulturell aus dem Gleichgewicht geraten sind; wir sind abgeschnitten von unserem wahren Wesen, wir haben dem Geist der Tiefe den Rücken gekehrt und leben nun ausschließlich im Geist dieser Zeit. Um das Gleichgewicht wiederherzustellen, müssen wir uns erneut die Fähigkeit aneignen, in die Tiefe zu gehen (...) Uns dem stellen, was in uns ist. Und das beginnt mit dem Verbundensein und der Kreativität.“

„Sind sie wirklich wach oder begegnen sie dem Leben doch nur schlafend, taumelnd, suchend?“ – Christopher-Fares Köhler, Dramaturg

Sieben Spieler:innen brechen gleichzeitig, nebeneinander und miteinander auf; in eine unendliche Schleife, einen Loop aus Hoffnung und Verzweiflung. Sie balancieren zwischen dem Versuch, dem Leben Sinn, Ordnung und Struktur zu geben, und dem Chaos, das in ihre grundlegendsten Sehnsüchte und Untiefen führt. Ständig in Bewegung, scheinen sie doch nirgendwo anzukommen. Immer begleitet von der Frage: Sind sie wirklich wach oder begegnen sie dem Leben doch nur schlafend, taumelnd, suchend? Der Sturm tobt bereits mitten unter ihnen und unter uns. Im Auge dieses Sturms kann es für einen kurzen Moment still werden, eine Lücke entstehen, die Mut, Veränderung oder sogar Verbindung zulässt. Bevor vielleicht doch der nächste und finale Sturm aufzieht.

Leben in Warteschleifen Gespräch mit Regisseur Sebastian Nübling

Kae Tempests Let Them Eat Chaos erschien 2016. Welche Relevanz oder Aktualität besitzt der Text heute, fast ein Jahrzehnt nach seiner Veröffentlichung?

Die sieben Figuren sitzen einzeln, einsam und gefangen in ihren eigenen Fragestellungen und Wohnungen. Sie reden zu sich selbst, zu Gespenstern und zu Leuten, die es nicht gibt. Diese extreme Isolation, das Gefühl, niemand ist da, ich muss allein zurande kommen – ich finde, das hat sich in den letzten Jahren verschärft. Die Fragmentierung, Zersplitterung und Vereinzelung der Menschen; die dunkle Seite der bunten Instagram-Fassade, in der wir leben, ist das, was mich am Text besonders interessiert. „Leben in Warteschleifen“ beschreibt eine Figur. Es wiederholt sich alles loopartig, Muster wiederholen sich permanent. Gerade auch in unseren digitalen Auftritten, wo man das Gefühl hat, ständig um sich selbst zu kreisen. Man scrollt im Instagram-Feed weiter nach unten und landet im Grunde genommen immer wieder an der gleichen Stelle. Das sind strukturelle Aspekte, die für mich heute eine tiefere Bedeutung haben, als ich ihnen noch vor zehn Jahren zugeschrieben hätte.

Bei Kae Tempest geht es viel darum, wie wir uns in westlichen Gesellschaften bewegen, die stark von Hyper-Individualität geprägt sind. Wir leben in einem politischen System, das die Verantwortung auf jede:n Einzelne:n überträgt. Man ist ständig gefordert, sich selbst zu vermarkten, sich gut zu präsentieren, nur um irgendwohin zu gelangen.

„Wir leben in einem politischen System, das die Verantwortung auf jede:n Einzelne:n überträgt. Man ist ständig gefordert, sich selbst zu vermarkten, sich gut zu präsentieren, nur um irgendwohin zu gelangen.“ – Sebastian Nübling, Regisseur

Welche Rolle spielt das Motiv des Verbundenseins in dieser Inszenierung?

Der Sturm, der im Verlauf der Handlung aufzieht, macht etwas Ungewöhnliches. Normalerweise, wenn es draußen knallt und regnet, ziehen wir uns zurück und suchen Schutz. Die Figuren aber gehen hinaus. Sie machen eine Gegenbewegung. Sie wagen den Schritt ins Unberechenbare, in die Blitze, die links und rechts einschlagen und eröffnen damit überhaupt erst die Möglichkeit, sich wahrzunehmen. Draußen auf der Straße stehen sie nebeneinander und begegnen sich.

Im Stück fällt dann der Satz: „Ich schreie die Menschen an (...), ich flehe die Menschen an(...), wacht auf und liebt mehr.“ In diesem Anschreien und Anflehen liegt für mich bereits die Vergeblichkeit. Genau dieser Umgang mit dem Wunsch, sich stärker zu verbinden, interessiert mich. Vielleicht geht es für mich eher um das Wahrnehmen der Menschen um mich herum? Wer ist überhaupt diese Person neben mir – im Bus, in der U-Bahn, auf der Straße? Mit manchen Menschen möchte ich mich vielleicht auch nicht verbinden, weil die Motive nicht stimmen würden. Und dann ist da noch die große Frage auf politischer Ebene: Wer verbindet sich mit wem, aus welchen Motiven und mit welchen Zielen?

„Wer verbindet sich mit wem, aus welchen Motiven und mit welchen Zielen?“ – Sebastian Nübling, Regisseur

Welchen inszenatorischen Ansatz verfolgst du?

Der Text ist ein Langgedicht, ein Soloalbum, das uns Kae Tempest bei Auftritten allein durch seine Stimme und Performance auf der Bühne nahebringt. Wir haben jedoch auf der Bühne keine erzählende Figur, sondern für die sieben im Text beschriebenen Figuren sieben Stimmen, sieben Spielende. Das ist die erste Prämisse. Die zweite: Sie sind zunächst einfach da. Momentan versuchen wir herauszufinden, was das bewirkt. Wie erlebt man sie als Gruppe, als Einzelne; zusammen, nicht zusammen, miteinander, anwesend, abwesend? 

Sie sind da, obwohl sie für die anderen eigentlich nicht anwesend sind. Dieses Alleinsein unter Menschen oder das Gemeinsamsein und doch Alleinsein, das Nicht-Zusammensein und trotzdem Verbundensein; all diese Varianten, Spannungen, widersprüchlichen Konstellationen, Ambivalenzen und feinen Schwingungen, die daraus entstehen, sind im Kern das, woran wir gerade arbeiten. 

Das Gespräch führte Hannah Kohlmeyer.