Programmzettel Lonely Hearts
Let’s talk loneliness von Lilly Busch
Im Sektorreport Einsamkeit von 1live aus dem Jahr 2025 sprachen Stars wie Nina Chuba, Felix Lobrecht oder Kaya Yanar öffentlich über ihre Einsamkeitserfahrungen: von fehlendem Zugehörigkeitsgefühl oder der Leere nach einem Erfolg, über soziale Einschränkung wegen Geldsorgen, bis zu den Hürden, allein in eine neue Stadt zu ziehen. Wir alle kennen dieses Gefühl. Denn Einsamkeit gehört zur Grundausstattung menschlicher Erfahrung. Sie ist ein subjektives Gefühl, das auftritt, wenn die vorhandenen sozialen Beziehungen nicht denen entsprechen, die man sich wünscht. Dabei lässt sich zwischen emotionaler, sozialer oder auch physischer Einsamkeit unterscheiden. Obwohl sie praktisch jedem Menschen im Laufe des Lebens auf die eine oder andere Weise vertraut wird, ist es oft angstbehaftet, Einsamkeit zuzugeben und darüber zu sprechen. Es scheint manchmal fast einfacher, über Geldsorgen oder Beziehungsprobleme zu reden, als über einen allein verbrachten Freitagabend.
Beratungsstellen bei Einsamkeit
Die TelefonSeelsorge Deutschland e.V. bietet allen Ratsuchenden bei Problemen und Krisen in jeder Lebensphase ein offenes Ohr. Per Telefon 0800-111 0 111, 0800-111 0 222 oder 116 123 sowie per Mail und Chat unter online.telefonseelsorge.de
In der Pandemie ist die Einsamkeit besonders unter jungen Menschen sprungartig angestiegen und seither auf einem gleichbleibend hohen Niveau. Sie betrifft fast jede:n Zweite:n zwischen 19 und 29 Jahren. Einsamkeit ist in jedem Alter anzutreffen, verläuft allerdings durch die Altersstufen wie eine U-Form: Neben jungen Menschen sind besonders Alte und Pflegebedürftige betroffen, dazwischen, im Erwachsenenalter, sinkt die Zahl statistisch. Wenn Einsamkeit ein langfristiger Zustand wird, kann sie krank machen und etwa Depressionen, Schlaf- oder Angststörungen nach sich ziehen.
Die Ursachen für die weite Verbreitung von Einsamkeit sind vielfältig. In unserer Gesellschaft, in der zum Beispiel Einkaufen vermehrt per Klick und Lieferung passiert, oder ein großer Teil der Arbeit im Home Office stattfindet, gehen die alltäglichen Gelegenheiten für persönlichen menschlichen Kontakt zurück. Auch der hohe Anteil an Single-Haushalten wird öfters als Faktor eingebracht: In Berlin lebt ein Drittel der Menschen allein. Doch Alleinsein lässt sich keineswegs einfach gleichsetzen mit Einsamsein. Auch unter Menschen, in gefüllten Räumen, innerhalb von Partnerschaften oder in der Elternschaft kann das Gefühl von Isolation und Einsamkeit existieren, während Alleinsein als temporärer Zustand auch als genussvoll empfunden werden kann.
Beratungsstellen bei Einsamkeit
Krisenchat.de bietet kostenfreie Beratung für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene unter 25 Jahren via Chat an, rund um die Uhr über WhatsApp und SMS, von ehrenamtlichen Fachkräften aus dem psychosozialen Bereich.
Armut fördert eindeutig die Einsamkeit, weil sie die Teilhabemöglichkeiten beschränkt. Einsamkeit kann krank machen, aber auch Krankheit macht einsam. Ebenso kann Fluchterfahrung zu Einsamkeitsbelastungen führen. Und auch der digitale Raum hat das Potential, Einsamkeit zu verschärfen: Denn Social Media schafft zwar Kontakte, aber keine Beziehungen, der digitale Raum kann menschliche Nähe und Berührung nie vollends ersetzen. Auf TikTok und Instagram ist ständig sichtbar, was Freund:innen und Bekannte machen – und manchmal führt genau das dazu, dass wir uns einsamer fühlen, und dass dieser Gefühlszustand vor Freund:innen unsichtbar bleibt. Eine andere, bedenkliche Facette ist, dass ein Zusammenhang feststellbar ist zwischen dem Zustand von Einsamkeit und der Empfänglichkeit für autoritäre Strukturen und Gewaltbereitschaft.
„Alleinsein lässt sich keineswegs einfach gleichsetzen mit Einsamsein.“ – Lilly Busch, Dramaturgin
Während Einsamkeit also gesamtgesellschaftlich präsent ist, hat das Thema gleichzeitig in den vergangenen Jahren viel mehr Sichtbarkeit und Beachtung in der Öffentlichkeit und in der Forschung gefunden: In Großbritannien wurde 2018 das erste Ministerium für Einsamkeit gegründet, in Deutschland hat 2023 die Bundesregierung eine Strategie gegen Einsamkeit beschlossen. Das unterstreicht, dass es eine Aufgabe für die Politik ist, krankmachende Vereinzelung vorzubeugen, etwa durch die Infrastruktur einer Stadt, die öffentliche Begegnungen und soziale Räume fördert. Andererseits ist es gut, sich individuell daran zu erinnern, dass Menschen gern verbunden sein möchten – und dass kleine Gesten der Zugewandtheit, ob unter Vertrauten oder Unbekannten, im Alltag Großes bewirken können.
Im Spiegelkabinett von Timo Staaks
Wo DT Jung* draufsteht, da ist Berlin drin. Echte Berliner:innen und Berliner Themen. Themen, die nicht einfach zu knacken sind, sondern eine Vielzahl an Perspektiven benötigen. Das Thema für Lonely Hearts war leicht gefunden: Selten haben wir, das Team von DT Jung*, so klar aus der altersdurchmischten DT Community den Auftrag bekommen, uns dem Thema Einsamkeit anzunehmen.
Machen wir ein kleines Experiment: Wenn Sie diesen Programmzettel in den Händen halten, wie fühlt es sich an, dass andere sehen, dass Sie sich für ein Stück interessieren, dass Lonely Hearts heißt?
„Wo DT Jung* draufsteht, da ist Berlin drin. Echte Berliner:innen und Berliner Themen.“ – Timo Staaks, Theaterpädagoge
Dabei sollten wir doch – rein objektiv betrachtet – für jedes Warnsignal dankbar sein, oder? Der Mensch strebt nach innerer und äußerer Homöostase – ein schönes Wort für „Gleichgewicht“. Einsamkeit heißt, hier ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten. Ein „Achtung! Bitte Wenden!“ Ein Signal, dass uns zum Handeln bewegen soll, damit wir gesund bleiben.
Doch da ist auch diese Scham. Dieses nagende Gefühl, das bisweilen so bitter nach Versagen, nach „ich mache etwas falsch“, nach „du gibst dir nicht genügend Mühe“ schmeckt und oft nur verschlüsselt ausgesprochen wird. Und wenn das Monster dann doch einmal zur Sprache kommt, dann fragt man auch gerne mal „für eine:n Freund:in“. Denn „einsam“, das sind immer die anderen. Sich in der eigenen Bedürftigkeit zu zeigen, das erfordert Mut und birgt Gefahren.
„Einsamkeit heißt, hier ist etwas aus dem Gleichgewicht geraten.“ – Timo Staaks, Theaterpädagoge
Ein weiteres Gedankenexperiment: Haben Sie schon einmal auf Youtube nach Tipps gegen Einsamkeit gesucht? Wäre es okay, wenn andere wüssten, dass Sie nach so etwas im Internet suchen? Wie viel Geld wären Sie bereit auszugeben, um nicht mehr einsam zu sein?
Der Wunsch ist groß nach einem Rezept, besonders da, wo man allein keins findet. Es muss doch ein Kraut gewachsen sein gegen dieses nagende und schmerzende Gefühl. Dabei hat sich die Menschheit eins der besten Rezepte vor Jahrtausenden selbst zum Geschenk gemacht: Das Theater.
Im Theater aber, da fängt das Thema Einsamkeit an wie ein Edelstein zu funkeln, bricht das einfallende Licht in unterschiedliche Facetten. Außerdem wird eine Lösungsansatz gleich noch mitgeliefert und umgesetzt: Gemeinsam mit anderen Menschen etwas erleben!
„Dabei hat sich die Menschheit eins der besten Rezepte vor Jahrtausenden selbst zum Geschenk gemacht: Das Theater. “ – Timo Staaks, Theaterpädagoge
Wie sehr Theater auf menschlichem Kontakt beruht, das merkten wir schon im Probenprozess. Für Lonely Hearts trafen sich sechs Menschen unterschiedlichen Alters, die sich vermutlich sonst nie begegnet wären. Gemeinsam mit Regisseurin Anja M. Wohlfahrt bildeten sie eine Bande auf Zeit – ein Ensemble. Sie warfen ihre Erfahrungen und Biografien in die Manege, hörten einander zu, stritten, lachten, suchten – kamen in Kontakt. Was dabei beim Proben entstand, ist eine Anti-Einsamkeit. Oder Mehrsamkeit? Hat das Gegenteil von Einsamkeit einen Namen?
Doch damit nicht genug, das Theater-Spiegelkabinett dreht sich weiter: Auch die Aufführung als wichtigster Teil des Theaters basiert auf expliziertem In-Erscheinung- und In-Kontakt-Treten. Die Grundlage jeder Theateraufführung ist eine soziale Situation, ohne Menschen geht hier gar nichts. Oder wie Peter Brooks es in einer der wohl geläufigsten Theaterdefinitionen zu definieren versucht hat: „Ein Mann geht durch den Raum, während ihm ein anderer zusieht; das ist alles, was für eine Theaterhandlung notwendig ist.“
„Die Grundlage jeder Theateraufführung ist eine soziale Situation, ohne Menschen geht hier gar nichts.“ – Timo Staaks, Theaterpädagoge
In der Box des Deutschen Theaters versammeln sich so zu jeder Vorstellung bis zu 70 Menschen plus ein Ensemble und erleben für ca. 70 min das Gleiche. Begegnung entsteht – zwischen Menschen im Publikum und zwischen Publikum und Bühne. Im Zuschauen, im Gesehenwerden, im gemeinsamen Lachen oder Weinen. Vielleicht merken wir: Bei manchen Empfindungen, gibt es einfach keinen Weg drumherum sondern nur hindurch. Im Theater brauchen wir das nicht allein zu tun. Wir sind ja eine Bande auf Zeit.
Und im Anschluss: Austausch. Gespräch. Vielleicht Widerspruch. Denn Kontakt heißt ja nicht zwingend, gleicher Meinung zu sein. Sich ehrlich streiten, bedeutet, sich auf einen Kontakt einzulassen.
Und so bespiegelt sich das Problem und die Lösung selbst immer und immer wieder in diesem Prozess und in der Aufführung – Ein wunderbares Spiegelkabinett, in dem Einsamkeit und Mehrsamkeit in ein und demselben Moment gleichzeitig existieren können.
„Begegnung entsteht – zwischen Menschen im Publikum und zwischen Publikum und Bühne. Im Zuschauen, im Gesehenwerden, im gemeinsamen Lachen oder Weinen.“ – Timo Staaks, Theaterpädagoge
Und, haben Sie Lust mit uns von Lonely Hearts einen gemeinsamen Abend zu begehen? Vielleicht könnten wir uns danach in der Bar noch darüber unterhalten, auch wenn wir uns gar nicht kennen. Ich frage auch nur für einen Freund.