© Jasmin Schuller v.l. Josephine Kunze, Luda Tushmalishvili, Luzie Reisch, Toni Lorentz, Jakob Busch

Programmzettel Parzival

Auf dieser Seite

Kurz die Welt retten von Bernd Isele

  • in die Welt!
  • Ritterschlag
  • Empathie

Parzival soll nicht raus aus dem Wald. Er ist zwar stark, schön, ein Königssohn – das Kind des Gahmurets, eines berühmten Ritters, der erst vor Kurzem bei einer Schlacht den Heldentod gestorben ist. Aber die Mutter Herzeloyde will das Kind nicht auf die Spuren des großen Vaters führen. Im Gegenteil. Zumindest der Sohn soll ihr bleiben – jetzt, wo so viele sterben. Von Schlacht und Krieg, von Mut und Heldentum soll Parzival am besten gar nichts wissen. Deshalb schottet sie das Kind von der Welt ab und wählt die Waldeseinsamkeit von Soltane zu ihrem Aufenthalt.

In Watte gepackt

Höfische Erziehung bekommt Parzival dort keine; seine „Tumbheit“ soll ihn vor „Âventiuren“ schützen, vor waghalsigen Abenteuern mit oft tödlichem Ausgang. Die Welt ist krank, das weiß Herzeloyde, und bräuchte junge Helden, dringend sogar … Aber ihr eigenes Kind will sie nicht an diese grausame Zeit verlieren. Parzival weiß nicht, wer sein Vater ist. Von König Artus und seiner Tafelrunde hat er noch nie gehört. Ritter hat er noch nie gesehen, und als er das erste Mal welche zu Gesicht bekommt, erscheinen ihm die von Kopf bis Fuß in glänzendes Eisen gekleideten Panzerreiter wie Götter. Aber muss man diesen Göttern folgen? Kann man nicht einfach im Wald des Vergessens bleiben? Ohne Götter? Ohne Helden? Wenn nur die Vögel nicht wären, die in den Bäumen ihre Lieder pfeifen, und mit jedem Ton, den sie singen, eine unbegreifliche Sehnsucht in die jungen Herzen pflanzen …

„Ich bin 17, ich weiß nicht, wie man die Welt rettet.“ –  Parzival

Menschheitsgeschichten

Parzival, das ist Weltliteratur. Schon im Mittelalter ist der auf Mittelhochdeutsch verfasste Roman ein vielkopiertes Buch und ein Best-Teller, verrätselt, vieldeutig und mit 25.000 Versen ein Epos mit Überlänge. Entstanden zwischen 1200 und 1220, direkt nach dem Ende des Dritten Kreuzzugs, lässt sich das Werk wie eine große Menschheitsgeschichte lesen; gleichzeitig ist es eine Coming-of-Age-Story, ein Bildungsroman und eine Geschichtensammlung.

Bevölkert ist das Buch von ebenso fantastischen wie ergreifenden Figuren: Da ist der Gralskönig Anfortas, der auf dem See Brumbane als Fischer verkleidet seine Kreise zieht und die Gralsgesellschaft meidet, weil seine schwelende Wunde am Unterleib zum Himmel stinkt. Oder die Zauberin Cundrie, die Parzival verflucht, weil er dem leidenden Gralskönig die erlösende Frage nicht stellt. Oder Ither, der Rote Ritter, den Parzival aus Unverstand mit einem Wurfspeer tötet. Auch die schöne Jeschute, der Parzival – weil er es nicht besser weiß – auf unsanfte Weise ihren Ring, eine Brosche und zwei Küsse raubt. Oder Sigune, Parzivals Cousine, die ihren erschlagenen Geliebten während seines gesamten Verwesungsprozesses im Schoß hält und erst sein Skelett freigibt. Namen wie aus einem Fantasy-Roman, Geschichten wie ein Best-of aus Harry Potter, der Unendlichen Geschichte und Herr der Ringe – obwohl es natürlich eher umgekehrt ist. 

„Alle wissen, was zu tun ist. Nur Parzival weiß nichts.“ – Bernd Isele, Dramaturg

Dummkopf, Dieb und Mörder

Wolfram von Eschenbach ist eine Ausnahmeerscheinung unter den höfischen Dichtern des Mittelalters, weil er die Regeln seiner Zeit bricht und neu definiert. Bereits zu Beginn des Buchs fordert Wolfram sein Publikum dazu auf, die für die ritterliche Tradition wichtige Trennung in „Gut“ und „Böse“ aufzugeben. Jeder Mensch trage beides in sich: Licht und Schatten, Himmel und Hölle. Dieser Gedanke ist radikal, denn er bedeutet im Falle von Parzival, dass ein Dummkopf, Dieb und Mörder zum Heilsbringer werden kann. Das ist ungeheuer, denn üblicherweise ist im Mittelalter schön, wer gut ist, und umgekehrt. Aber Wolfram hält sich nicht daran. Parzival ist anmutig, stark und rein; schöner ist seit Adams Zeiten kein Mann gewesen, heißt es. Aber ihm fehlt Erziehung; er geht ohne Wissen durch eine Welt, die ganz voll mit strengen Regeln ist. Alle wissen, was zu tun ist. Nur Parzival weiß nichts. Und dieser Widerspruch irritiert alle, die ihm begegnen. Er ist nicht nur falsch gekleidet, er benimmt sich total daneben. Und mehr noch: Aus dem Regelbruch, über den anfangs alle lachen, werden schwerwiegende Verbrechen.

Ein Alptraum, dieser Parzival

Wolfram gibt seinen Helden der Lächerlichkeit und dem Abscheu preis, er schickt ihn durch die Hölle – gesellschaftlich wie persönlich. Seine Mutter hat ihm nur ein Narrenkleid und ein paar missverständlichen Tipps mit auf den Weg gegeben – und als er fort ist, stirbt Herzeloyde, die das Leid bereits in ihrem Namen trägt, an einem gebrochenen Herzen. Analog zu diesem ersten, unbewusst verschuldeten Tod zieht Parzival in die Welt: Er missbraucht die erste Frau, die er trifft, gewinnt am Artushof regelwidrig seinen ersten Zweikampf und raubt dem ermordeten Ritter dann gleich noch seine Rüstung. Ein Alptraum, dieser Parzival.

Und aus Angst vor unhöfischem Benehmen begeht Parzival dann seinen schlimmsten Fehler. – Bernd Isele, Dramaturg

Die Frage aller Fragen

Den zweiten Teil von Parzivals Erziehung übernimmt sein Onkel Gurnemanz. Aber genauso wie Herzeloydes Ratschläge führen ihn auch die Tipps dieses zweiten Lehrers in die Irre. Er solle keinen dummen Fragen stellen, gibt der Lehrer ihm mit auf den Weg. Und aus Angst vor unhöfischem Benehmen begeht Parzival dann seinen schlimmsten Fehler: Er wagt es nicht, den leidenden Gralskönig Anfortas nach dem Grund seiner Leiden zu fragen. Seine Mutter hat ihm kein Benehmen beigebracht, und die höfische Kultur hat ihm die menschlichen Regungen, das Fragen und das Mitleid, aberzogen.

Während die Regeln, auf denen die Parzival-Gesellschaft basiert, kriegerisch sind (im Roman werden ständig Menschen umgebracht, Frauen sterben an gebrochenen Herzen, Männer durchs Schwert), führt dieses kalte Recht des Stärkeren im entscheidenden Moment in die Irre: Eine einzige Frage hätte die Welt erlöst. Aber Parzival kommt einfach nicht auf die Idee, dem König die Frage zu stellen. Interesse am Leid anderer ist in der Welt des Schlachtens und Mordens nicht vorgesehen.

Parzival wird von der Gralsburg gejagt, von Cundrie verflucht und aus der Artusrunde vertrieben. Die Welt kippt ins Chaos, im Sommer fällt Schnee, auf den Schnee fällt Blut – und Parzival verfällt im Anblick der Blutstropfen in eine Langzeittrance über seine geliebte Frau Condwiramur. Wolfram erzählt derweil die Parallelgeschichte um Gawan, der das Musterbild eines Ritters ist. Von Parzival ist währenddessen kaum die Rede. Nur ab und zu taucht er bei Turnieren auf, immer auf der Suche nach der Gralsburg, die man aber nicht suchen, sondern nur finden kann. 

Was den kranken König und die kranke Welt heilt, ist eine einzige Frage: Was fehlt dir? Die Rettung der Welt gelingt durch Mitleid und Empathie. Durch eine Kinderfrage, ganz leicht zu stellen und gleichzeitig ganz schwer. – Bernd Isele, Dramaturg

Der heilige Gral

Am Ende kommt Parzival dann doch noch an. Denn es gibt etwas, das größer ist als jedes Menschen Wunsch und Wille – ein Schicksal, eine Bestimmung, der verschleierte Sinn der eigenen Existenz, ein geheimer Auftrag, den es zu erfüllen gilt. Es gibt keine Möglichkeit, sich dieser Bestimmung zu entziehen oder eine Abkürzung zu finden. So verbüßt der „tumbe tor“ seine Strafe, wird erwachsen und erhält, Jahre später, seine zweite Chance. Er erlöst Anfortas von seinem Leiden und wird selbst zum Gralskönig – und dies mit einer ganz einfachen Frage: „oeheim, was wirret dir?“, Oheim, was fehlt dir?

So ist es am Ende – und das macht den mittelalterlichen Versroman zu einem verblüffend modernen Buch – nicht die Fähigkeit im Kampf, nicht Härte, Mut, nicht Schlachtenglück, auf die es ankommt. Entscheidend ist nicht das Schwert, nicht die Lanze, nicht die Rüstung, vor der Herzeloyde ihr Kind bewahren wollte. Was den kranken König und die kranke Welt heilt, ist eine einzige Frage: Was fehlt dir? Die Rettung der Welt gelingt durch Mitleid und Empathie. Durch eine Kinderfrage, ganz leicht zu stellen und gleichzeitig ganz schwer. 

Woran krankt die Welt? Warum könnte ich dazu bestimmt sein, sie zu retten? – Bernd Isele, Dramaturg

Vom Gestern ins Heute

Das Ensemble besteht aus elf Berliner Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Im Dialog mit Expert:innen, die in der Recherchephase unsere Proben besucht und durch ihr Wissen bereichert haben (darunter Spezialist:innen für das Bildungswesen, Spezialist:innen für Kampf und Krieg und wieder andere für das Thema innere Ruhe) und dem Regieteam haben die Mitglieder des Ensembles das Wissen und die Fragen ihrer Generation in den Theaterabend eingebracht: Was können wir uns erkämpfen was ist uns vorherbestimmt? Glauben wir an eine Bestimmung? Wie frei fühlen wir uns? Woran krankt die Welt? Warum könnte ich dazu bestimmt sein, sie zu retten? Wie lernen wir, unsere Wunden zu zeigen? Und wie lernen wir, die Wunden der anderen zu sehen?

So sind die elf Spieler:innen über die Probenwochen durch den Wald von Soltane gestreift, durch die Stadt Pelrapeire und um die Mauern der Gralsburg Munsal vaesche – sie sind durch mittelalterliche Rittergeschichten gegangen dabei doch immer ganz bei sich selbst geblieben. Die „wildiu maere“ – die wilden Erzählungen – haben sie ins Gestern und dann wieder ins Heute geführt und werden es bei jeder Vorstellung aufs Neue tun.