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Programmzettel hildensaga. ein königinnendrama

  • Nibelungen
  • Wölfische
  • Zeiten
  • Sisterhood
  • Machtstrukturen

Die isländische Königin Brünhild gilt als unbezwingbar und herrscht frei über ihr Reich. Ihr Vater, der Göttervater Wotan, verspricht ihre Hand aber demjenigen, der sie in einem Dreikampf bezwingen kann. Zahlreiche Freier verlieren ihr Leben, bis Siegfried, der berühmte Drachentöter, Besitzer des Nibelungenschatzes und zurückgewiesener Verehrer Brünhilds, erneut ihren Weg kreuzt. Er ist Verbündeter des Burgunderkönigs Gunther, der Brünhild besiegen, heiraten und nach Worms bringen möchte. Mithilfe einer List kommt Siegfried unter seiner Tarnkappe Gunther im Dreikampf zu Hilfe. Im Gegenzug darf er Gunthers Schwester, Kriemhild, zur Frau nehmen. Sie gewinnen den Dreikampf und Brünhild muss ihr Reich verlassen. Sie heiratet den Burgunderkönig, verweigert ihm jedoch das Ehebett und demütigt ihn damit vor seinem Hof. Um sie sich endgültig gefügig zu machen, wird der frisch vermählte Siegfried mit seiner Tarnkappe zu einer weiteren List verpflichtet: Die zweite Hochzeitsnacht wird mit Gewalt vollzogen. Doch ist es Kriemhild, die das Verhalten ihres Mannes und ihres Bruders gegen ihre Schwägerin nicht akzeptieren kann und verbündet sich mit der gepeinigten Brünhild. Gemeinsam entschließen sich die beiden Frauen, mit einer eigenen List, auf die Jagd nach ihren Peinigern zu gehen und sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Der Autor und Dramatiker Ferdinand Schmalz überschrieb 2020 für die Wormser Festspiele die Nibelungensage und schuf aus der Helden - eine Hildensaga.

Vom Drachentöten Ein Gespräch mit der Bühnenbildnerin Kathrin Frosch

hildensaga. ein königinnendrama basiert auf dem Heldenepos der Nibelungen. Sie handelt von Göttern, Riesen, Helden und altgermanischen Mythen. Wie hast du dich der Gestaltung der Bühne genähert? Welche Bilder hattest du vor Augen, die dich beeinflusst haben?

In der Beschäftigung und Recherche zu Ferdinand Schmalz’ Text, habe ich mich bald versucht von dem Heldenepos zu lösen. Zu stark waren die Einschreibungen und Narrative mit den mir bekannten Bildwelten.
Die Frage Was macht die Macht mit Menschen und die Auseinandersetzung mit patriarchalen Machtstrukturen hat mich bei der Beschäftigung mit dem Stoff sehr beschäftigt. Die aus der Historie geschaffenen Narrative sind tief eingeschrieben in die Gesellschaft, werden nicht hinterfragt, sondern einfach übernommen.

Wieso wird diesen scheinbaren Regeln gefolgt, statt auf die eigene Stimme zu hören? Das hat mich bald zu dem Grundmotiv der Kreisscheibe geführt, die wie ein Mahlwerk ist, ein Mühlstein, der sich wie die Zeit einfach dreht und dreht. Und die auch eine Fläche ist, die, je nachdem wer sie beherrscht, von dieser Kraft angetrieben oder zum Stillstand gebracht wird. Und die aber auch wie ein sehendes Auge alles dort Stattfindende bezeugt.

Im Weiteren hat mich auf der Ebene der Männer, der Nibelungen, die einen Treueschwur getan haben, der keinen Raum für kritisches Hinterfragen lässt, und die diesen Anspruch haben, sich alles zu eigen zu machen – koste es was es wolle – die Darstellung von Flat Earth fasziniert: ein begrenzter Blick auf das, was für wahr gehalten wird und damit die Frage, wie wenig wir wissen und für wie allwissend wir uns halten.

Auf einer weiteren gestalterischen Ebene arbeitet das Videobild. Welche Besonderheiten wolltet ihr damit untersuchen? Welche Rolle hat diese Ebene für dein Bühnenbild?

Auf der Videoebene setzten wir uns Behauptungen auseinander, die z. B. auch in Unwahrheiten Geschehenes nach außen beschreiben: Fake News. Ein Verbrechen wird zur Heldengeschichte, und das wird durch alle Zeiten und Medien transportiert. Aussagen werden in den Raum geschrieben, morphen sich durch Typografien, die unterschiedliche Bildsprachen entwerfen. Das Arbeiten mit KI – den Zufälligkeiten und Verselbstständigungen, die Betrachtung, wie aus einer diskursiven Aussage ein eigenständiges und nicht mehr einfangbares Narrativ wird – das ist für uns eine erweiterte Ebene an diesem Abend.

Der zweiteilige Bühnenaufbau bleibt lange verborgen, erst im zweiten Teil beherrscht ein besonderes Skelett den Raum. Wie war diese Arbeit für dich, vor welche Herausforderungen hat sie Dich gestellt?

Als ich mich intensiv mit der Ebene der Männer, dem Begriff der Nibelungentreue und dem fehlenden Raum für kritisches Hinterfragen beschäftigt habe, tauchte immerzu der Drache auf, den Siegfried angeblich erschlagen hat. Diese uralte Überlieferung ist für mich ein Zeichen von patriarchaler Macht, denn es hat nie und nirgendwo je einen Beweis für dieses sonderbare Wesen, geschweige denn dessen Ermordung, gegeben. Das wollte ich als Ort, wo alles endet, zeigen.

Den Drachen zu entwerfen – was ist denn ein Drache, was macht ihn aus, was für Bilder haben wir dazu in uns – ihn gebrochen und verendet vor langer Zeit darzustellen, in wirklich großem Maßstab, war ein Suchen zwischen realen Skelettformen, aber auch nichtrealen Bildmitteln. Die Ausführung war eine spannende Herausforderung: Verschiedene Modelle des Skeletts und auch des Innengerüsts wurden in toller Teamarbeit entwickelt. Ein Dank gebührt an dieser Stelle Ramona Hufler und den sehr engagierten Werkstätten, die die Modelle im großen Maßstab step by step übertragen und umgesetzt haben, sodass nun ein bespielbares Riesenskelett vor uns liegt.

Die Fäden selbst in die Hand nehmen Jasmin Maghames

Die Nibelungensage ist eine der bekanntesten und faszinierendsten epischen Erzählungen der germanischen Mythologie. Sie stammt aus dem Mittelalter und ist eng mit dem germanischen Heldenepos verbunden. Die Saga erzählt von Drachen, Göttern, tapferen Kriegern und tragischen Schicksalen. Die Geschichte von Siegfried und Sieglinde, Fafner und Fasolt, Gunther und Hagen, Brünhilde und Kriemhild und vielen mehr, wurde in verschiedenen Quellen überliefert, darunter die Edda, eine Sammlung altisländischer Dichtung, und das Nibelungenlied, ein mittelhochdeutsches Heldenepos, das im 12. Jahrhundert entstand. Die Themen von Macht, Rache, Liebe und Verrat, die in der Saga behandelt werden, haben eine zeitlose Relevanz und bieten immer wieder Anlass für neue künstlerische Auseinandersetzungen.

2020 schuf der Autor und Dramatiker Ferdinand Schmalz eine neue Überschreibung des Stoffs. Schmalz vereinte unterschiedliche Quellen und ließ sowohl Teile des Nibelungenlieds als auch der Edda Grundlage seines Stücks werden. Statt auf das klassische Heldenepos konzentrierte er sich auf die handlungsentscheidend eingreifenden weiblichen Figuren und formt damit einen Heldinnenepos. Während im Nibelungenlied Kriemhild eine der zentralen Figuren darstellt (vor allem im zweiten Teil der Sage), wird dort Brünhilds Geschichte nicht zu Ende erzählt, obwohl sie wesentlich zur Entwicklung der Handlung bis zu Siegfrieds Tod beiträgt, dann aber bis auf wenige Erwähnungen gänzlich aus dem Epos verschwindet. Als Figur, die in sich sowohl die pagane Welt als auch die christliche vereint, interessierte sie Schmalz besonders, weshalb er sie in seiner hildensaga in den Mittelpunkt stellt und seine Erzählung in Island beginnen lässt.

Auch die Nornen, in der nordischen Mythologie schicksalsbestimmende weibliche Wesen, werden Teil seiner Erzählung. In Schmalz’ Stück greifen die Nornen, die die Schicksalsfäden spinnen und damit die Zukunft vorherzubestimmen, in die Geschichte ein, suchen einen neuen Faden, der die Katastrophe, nämlich die hereinbrechende Götterdämmerung Ragnarök, verhindern soll. Durch ihr Eingreifen jedoch beginnt erst das Unglück und fortan suchen sie nach neuen Möglichkeiten, nach neuen Fäden, die doch in eine andere Zukunft führen können.

Die Nornen prophezeien die Befreiung des Fenris wolfs aus seinen von Zwergen gewobenen Fesseln Gleipnir. Diese magischen Fesseln sind die einzige Rettung vor Fenrir, der droht die Götterwelt in der Ragnarök zu verschlingen. Die drohende Katastrophe, nicht weniger als der Untergang der Welt und der Tod der Götter, lässt sich auch in unsere heutige Zeit fern vom Mythos und Sagenwelt spüren: Die Umweltzerstörung und der Klimawandel als Zeit der großen Umwälzungen und Naturkatastrophen, und die damit verbundenen Phänomene wie extreme Wetterereignisse, Anstieg des Meeresspiegels und Artensterben gehören deutlich zu den größten Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Autoritäre Tendenzen, politische Instabilität münden in bewaffneten Konflikten und Kriegen, die zu Massenmigration und Flüchtlingskrisen führen, die Pandemien und globale Gesundheitskrisen beschleunigen, während die wirtschaftliche Ungleichheit und Armut wächst und wächst. Der Göttervater Wotan spürt es bereits: „Wir befinden uns auf dünnem, dünnem Eis.”

Was können also diese neuen Fäden sein, nach denen die Nornen verzweifelt suchen, und die eine andere Zukunft führen? Wo müssen wir in unserem gesellschaftlichen Denken und Handeln neue Formen finden, andere Entscheidungen treffen, neue Verbindungen eingehen, die uns vor dem Untergang bewahren können? In der hildensaga exerziert Schmalz am Beispiel der Frauenfiguren, wie anderes Handeln an einem Knotenpunkt der Geschichte den Fortgang der weiteren Erzählung bestimmt: Statt die Frauen in dem von Männern dominierten System, in dem sie gefangen sind, gegeneinander auszuspielen und in eitle Hierarchiekämpfen zu verstricken, entsteht etwas Neues. Sie treten in eine Komplizinnenschaft und suchen gemeinsam einen Weg, sich zur Wehr zu set zen und Rache an denen zu nehmen, die ihnen Gewalt angetan haben.

Durch diese Verschiebung schafft Schmalz in der höfischen Erzählung einen neuen Gesellschaftsentwurf, der sich nicht aus Macht durch Unterdrückung speist, sondern aus einem Zusammenleben mit Mitgefühl und aus Solidarität. Das patriarchale System des Wormser Hofs wird durch die Komplizinnenschaft in seiner fundamentalen Existenzgrundlage bedroht: Das herrschende System kann nur bestehen, wenn das angeordnete Wort nicht kritisiert oder in Frage gestellt wird. Die moralischen Bedenken der Einzelnen im System werfen ein Licht auf die desolaten Zustände des Machtgefüges, das an einzelnen Stellen auch durchbrochen werden kann. Das Patriarchat ist Teil eines größeren Systems der Unterdrückung, und ein alternativer Gesellschaftsentwurf würde nach einem umfassenden Wandel streben, der die herrschenden Strukturen radikal transformieren müsste. Am Horizont des Stücks steht die Vision einer Gesellschaft, in der Geschlechtergerechtigkeit und Gleichstellung der Geschlechter erreicht sind. In dieser Utopie haben Frauen, Männer und Menschen aller Geschlechter gleiche Rechte, Chancen und Zugang zu Ressourcen. Es ist eine Welt frei von Geschlechterstereotypen und  -rollen, in der individuelle Freiheit und Selbstbestimmung respektiert werden. Ein solcher Gesellschaftsentwurf strebt nicht nur nach Gleichstellung auf rechtlicher und politischer Ebene, sondern auch nach sozialem und kulturellem Wandel, der ein neues Bewusstsein für die Vielfalt und Komplexität menschlicher Erfahrungen schafft und sich für einen gemeinschaftlichen Weg aus den Krisen unserer Zeit einsetzt.

Ferdinand Schmalz’ hildensaga führt nicht am Beispiel der Nibelungensage diesen Entwurf bis zum Ende durch, sondern legt den Fokus auf den vorherigen Schritt: die Notwendigkeit, sich miteinander zu verbünden und den Ausbruch aus alten Strukturen, um gemeinsam in der Welt bestehen zu können.