Programmzettel The Hills Are Alive
SCHÖNBÖS Ein Gespräch mit Nikolaus Habjan und Neville Tranter
Wie hat eure Zusammenarbeit begonnen?
TRANTER Das weißt du sehr gut, welches Jahr das war …
HABJAN Es war das Jahr, in dem du Frankenstein gespielt hast: 2001. – Ich habe mir die Vorstellung angeschaut und am nächsten Tag am Workshop von Neville teilgenommen. Da war ich 14 Jahre alt.
TRANTER Ja genau, du warst der jüngste Teilnehmer überhaupt. Deine Eltern haben mich gefragt, ob es okay ist, dass du mitmachst, weil es eigentlich ja ein Workshop für Erwachsene war. Ich habe gesagt: „Ja, natürlich“, und dann bist du reinstolziert mit einer kleinen Vampirfigur. Du sahst wirklich sehr jung aus!
Das heißt, Nikolaus, du hast deine ersten Erfahrungen mit Puppen in Nevilles Workshop gemacht?
HABJAN Ich hatte immer schon eine Faszination für Puppen, vor dem Workshop allerdings mehr für Marionetten. Meinen Erstkontakt mit Puppen hatte ich mit fünf Jahren im Salzburger Marionettentheater. Das war die Zauberflöte, und da habe ich mich total verliebt in diese für mich völlig neue Welt. Danach habe ich angefangen, mit meinem Großvater Marionetten zu sammeln und zu bauen. Aber zu den Klappmaulpuppen, die ich jetzt auch in dieser Produktion spiele, bin ich durch Neville gekommen. Ganz wichtig bei Puppen war mir immer, auch bei Marionetten, dass sie den Mund bewegen können. That´s very important!
TRANTER Die Münder der Salzburger Marionetten bewegen sich nicht, oder?
HABJAN Nein, die sind starr. Aber die Marionetten, die ich mir zum Geburtstag und zu Weihnachten gewünscht hatte, konnten das schon. Das habe ich nämlich extra auf meinen Wunschzettel geschrieben: „Die Marionette muss den Mund bewegen können!“
Was ist spielerisch der Unterschied zwischen Marionette und Klappmaulpuppe?
HABJAN Die Physik.
TRANTER Man braucht eine ganz andere Technik. Die Marionette ist viel weiter weg von dir.
HABJAN Du kannst mit Marionetten auch nicht so schnell arbeiten. Wenn wir mit den Klappmaulpuppen arbeiten, können wir sofort auf das Publikum reagieren.
TRANTER Ja, das Spiel ist direkter.
HABJAN Zum Beispiel gibt es eine Aufzeichnung von mir, wo in einer Szene auf der Bühne aus Versehen etwas umfällt. Das Witzige ist, dass man genau sieht, dass die Puppe zuerst hinschaut und dann erst ich. Diese Reaktion ist so verrückt, weil ich in der Puppe drinstecke! Das kann man mit Marionetten nicht tun, da sie wie ein Pendel schwingen. Wie kam es zur Idee für die Stückentwicklung The Hills Are Alive?
TRANTER Ich habe nach einem Thema für Niki und mich gesucht. Die Filmvorlage von The Sound of Music, die dieses verkitschte Österreichbild nach außen hin präsentiert, dachte ich, eignet sich wunderbar, um daraus eine Komödie zu machen.
HABJAN In Österreich ist der Film total unbekannt. Das hat sicher damit zu tun, dass er einen amerikanischen Blick widerspiegelt. Allein wie absurd die Tracht dargestellt wird: alles viel leuchtender und total amerikanisiert. Diesen Blick von außen halten die Österreicher:innen nicht aus. Und vor allem hat der Film ja nichts mit der Realität zu tun.
TRANTER Auch in unserer Inszenierung geht es uns um die Charaktere aus dem Film, die nichts mit der realen Trapp-Familie zu tun haben. Der Film basiert nur sehr frei auf der wahren Familiengeschichte. Unser Stück wiederum basiert sehr frei auf dem Film, da es ebenfalls eine ganz neue Geschichte über das alte Ehepaar von Trüb, das wieder nach Österreich zurückkehren möchte, erzählt. In Amerika waren sie Immigrant:innen, dann sind sie Amerikaner:innen geworden und nun sind sie in Österreich wieder Immigrant:innen. Das finde ich interessant.
Wie kommt Arnold Schwarzenegger ins Stück?
HABJAN Mit dem Flugzeug.
TRANTER Arnold steckt durch seine Doppelstaatsbürgerschaft in einer ähnlichen Situation. Der berühmte „Terminator“ ist im Stück der Nachbar von Max und Maria von Trüb und will den beiden, die von Herrn Frickl an der Einreise gehindert werden, aus der Patsche helfen. Außerdem war Arnies reale Geschichte über seine Affäre mit seiner Nanny ein guter Aufhänger für unsere Komödie. Maria war auch einst die Nanny bei Max, der in den USA vermeintlich wieder neue Affären hat, woraus auch eine weitere Figur entstanden ist: David. Der Vater-Sohn-Konflikt hat mich auch interessiert, vor allem das Thema, welche Geschichten vererbt und weitergelebt werden.
HABJAN Ja, wie auch bei dem alten Nazi Keller aus dem Film und seinem Sohn Frickl, der sich für seinen Vater rächen möchte. Im Grunde genommen ist das Stück eine Satire auf den Hollywoodfilm, die mit Figuren wie Herrn Magister Frickl auf die bürokratische Absurdität von Asylverfahren hinweist ...
HABJAN Genau. Es geht uns darum, einen kritischen und politischen Blick auf diese Komödie zu werfen.
TRANTER Wir nehmen vor allem auf das Hollywoodsetting Bezug und spielen sogar auf Englisch, was die Situation, da alles in Salzburg spielt, noch bizarrer macht.
HABJAN Wir wollten vor allem, dass es bitterlustig wird.
TRANTER Exactly. Diesen speziellen Humor sollte es haben.
HABJAN In der Schweiz gibt es ein ganz gutes Wort dafür: schönbös. Das beschreibt es am besten.
Das Gespräch führte Jennifer Weiss.
„Living legends do not make a nation.” Herr Mag. Frickl
Edelweiss und Nazis von Jennifer Weiss
Menschen aus aller Welt besuchen seit dem Kinostart 1965 von The Sound of Music die Drehorte und Schauplätze des Films in Salzburg – an die 650.000 Übernachtungen hat das Bundesland dem Film alljährlich zu verdanken – und bestellen ihr Wiener Schnitzel mit Nudeln, weil sie sich erinnern: „My favorite things are schnitzel with noodles and crisp apple strudel“. Der Hollywoodmusicalklassiker The Sound of Music (auf Deutsch: Meine Lieder – Meine Träume), seit Jahrzehnten ein Kassenschlager und Kultfilm, erreichte bislang an die 1,2 Milliarden Zuschauer:innen – weltweit. Der von Robert Wise inszenierte Film erhielt fünf Oscars, zehn Oscar-Nominierungen und die zuvor als Mary Poppins berühmt gewordene Schauspielerin Julie Andrews den Golden Globe Award als beste Hauptdarstellerin. Das Drehbuch greift auf das erfolgreiche Broadwaymusical The Sound of Music zurück, das 1959 von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein geschaffen wurde. Rogers und Hammerstein wiederum ließen sich von der wahren Geschichte der singenden und vor den Nazis aus Österreich fliehenden Familie Trapp inspirieren, wie sie 1952 von Maria von Trapp in ihrem Buch unter dem Titel Vom Kloster zum Welterfolg geschildert hatte.
Die Handlung des Films konzentriert sich auf die romantische Liebesgeschichte des frommen Kindermädchens Maria und des verwitweten k.u.k.-Offiziers Kapitän von Trapp mit seinen sieben Kindern. In immer neuen Variationen wird vor dem idyllischen Hintergrund der Salzburger Berglandschaft die Lebensfreude musikalisch orchestriert, während die Machtübernahme der Nationalsozialisten eine kleine Nebenrolle spielt, die erst gegen Ende bedrohlich wird und das Familien-Happy End nicht aufhalten kann: In der prächtigen Villa Trapp wird die Liebe besungen, während der Faschismus wie ein ungebetener Gast vor der Tür steht. Höhepunkt kurz vor dem Ende: Der k.u.k.Kapitän greift im Trachtenjanker bei den Salzburger Festspielen zur Gitarre – als Kampfansage gegen den Gauleiter Zeller. Für die Worte „edelweiss, edelweiss, bless my homeland forever“ gibt es erst schallenden Applaus vom Publikum, das vielköpfig eingestimmt hatte, und danach Fluchthilfe von den freundlichen Klosterschwestern.
Die Romantisierung des Widerstands – die Trapp Familie jodelt sich einfach aus dem Naziregime heraus, um in den USA glücklich zu werden – ist in seiner fiktionalisierten Harmlosigkeit nicht unproblematisch und reiht sich ein in die Bildergalerie erfolgreicher Auswanderergeschichten, die die USA gerne von sich selbst zeichnet als „land of the free“. Der Sehnsuchtsort mit ungeheurem Magnetismus wird hier ein weiteres Mal bestätigt. Fun fact: Viele Amerikaner:innen glauben, der Song Edelweiss sei die Nationalhymne der Republik Österreich.
Fakt ist, dass von Trapp wirklich Widerstand leistete, indem er seine Einberufung in die deutsche Armee ablehnte und sich weigerte, an Hitlers Geburtstag mit seiner Familie zu singen. Das brachte Ärger mit den Nazis. Die Flucht war allerdings weniger dramatisch als im Film und verlief vor allem nicht über die Schweiz sondern mit dem Zug nach Italien und von dort aus weiter in die USA. Maria von Trapp beschwerte sich bei Regisseur Robert Wise: „Haben die in Hollywood keine Ahnung von Geografie? Salzburg grenzt nicht an die Schweiz“, und bekam als Antwort: „Hollywood macht sich seine eigene Geografie.“
Ein Jahr nach ihrer Flucht übernahm der SS Führer Heinrich Himmler die verlassene Villa der von Trapps als Sommerresidenz. Der Schauplatz, der seit Jahrzehnten The Sound of Music-Fans anlockt, war also auch jener Ort, an welchem die systematische Ermordung von Millionen Menschen geplant wurde. Hinter der schönen Fassade des Hollywoodschinkens steckt die dunkle Geschichte der Massenvernichtung.