© Jasmin Schuller Heike Geißler

Rede zur Eröffnung der ATT 2026 von Heike Geißler, Schriftstellerin

Dieser Ort hier ist ein bester Ort. 

Dieser Ort konkret ist natürlich die Bühne des Deutschen Theaters, sie lebe hoch, zugleich lebe jede Theaterbühne hoch, die mir gerade so einfällt. (Und es fallen mir sofort auch die Bühnen Sachsens und Sachsen-Anhalts ein, von denen ich einige besser kenne als diese hier.)
Die Theaterbühne ist ein bester Ort. Speziell und allgemein. 
Dieser Ort hier ist eine Gelegenheit, um zu feiern, was hier möglich sein kann, was hier heute und in den nächsten Tagen möglich sein wird.
Dieser Ort hier ist einer, an dem gewusst wird, was verloren gehen, dass ein Ort wie dieser an Möglichkeiten verlieren kann.

Es treten auf alle Möglichkeiten, die schon einmal verloren gingen. 
Manche der Möglichkeiten gingen bereits vor einhundert Jahren verloren, anderen passiert das erst heute. Manche konnten zurückgewonnen werden. 
Wir sehen auch Möglichkeiten, die derzeit Gefahr laufen, verloren zu gehen.
All die mehr oder weniger abschiedserfahrenen Möglichkeiten können unterschiedliche Gründe für ihr jeweiliges Ausscheiden nennen. Die häufigsten sind: finanzielle, emotionale, technische, ästhetische und politische.
Die ehemaligen Möglichkeiten, noch mit dem Sortieren ihres Auftritts hier beschäftigt, gruppieren sich im Seitenbereich der Bühne und nennen ihre Gründe. Sie sprechen leise, aber kontinuierlich, das ist ein Grundbrummen, es wird uns begleiten. 

Die Theaterbühne verdient als beispielhafter und konkreter Ort auf jeden Fall eine Feier, ein Fest.
Hier zu stehen, erfüllt mich mit Freude, ich fühle mich gleichermaßen eingeladen zu Wagemut und Demut und – wie von den zwei Wörtern schon angedeutet – aufgefordert zu Mut.
Oder besser gesagt: an diesem Ort, auf der beispielhaften und konkreten Bühne also, fühle ich mich zu Mut verpflichtet.
Zu sagen „Ich fühle mich zu Mut verpflichtet”, kommt mir wie eine Handlung nicht ganz so mutiger Leute vor.

Nichts, was ich hier tun oder sagen werde, erfordert Mut. Die Bühne in ihrer nacktesten Form ist mutbegabter als ich. Sie ist Verstärkerin allen Mutes, den hier jemand aufbringen oder vorführen will, sie ist dabei zugleich der Lautsprecher aller Feigheit und all dessen, was aus Feigheit und falschem Gehorsam (wem gegenüber eigentlich?) unterlassen wird. 
Die Bühne ist ein immer anwesendes Geschenk, ist zugleich Errungenschaft und ein Schatz, den man nicht verlieren will. 
Was die Bühne macht, muss man dabei ja selbst erst einmal hinkriegen. 
Da sein. Kontinuierlich. Dranbleiben. Was hier also ermöglicht wird: die kontinuierliche Anwesenheit und Benutzbarkeit eines bespielbaren und bestenfalls die Möglichkeiten vermehrenden Ortes.
Kontinuität ist immer ein Insistieren. Die Bühne ist also nicht nur da. Sie insistiert.

Sarah Ahmed schrieb in ihrem Buch Eigenwillige Subjekte; „Bloße Beharrlichkeit kann ein Akt des Ungehorsams sein. Vielleicht gibt es nichts Reineres als Beharrlichkeit. Beharrlichkeit kann in einer Abweichung von einem Kurs liegen, das, was das Vorwärtsrasen des Schicksals stoppt und so einen verhängnisvollen Verlauf verhindert.” 
So gern ich behaupten würde, dass die Bühne spätestens genau dann ein
Ort des Ungehorsams ist, wenn es auf jeden Fall notwendig ist. 

So gern ich sagen würde, dass sie allein kraft ihrer Beharrlichkeit, ihrer kontinuierlichen Anwesenheit, ihres Da- und So-Seins ein sich widersetzender und per se kluger Ort ist, weiß ich doch: Beharrlichkeit, Ungehorsam, Protest, Ideen, Schönheit, Kontinuität kommen von denen, die auf und um die Bühne herum agieren, kommen von allem, was sie sagen und tun, von allem, das geschrieben, entworfen, gebaut, genäht, gesichert, geschminkt und inszeniert wurde. Und alles, was hier gesagt und getan wird, kann sich entscheiden, will es beispielsweise auf der Seite des Ungehorsams oder lieber auf der Seite des Opportunismus und vorauseilenden Gehorsams stehen.

Diese konkrete und beispielhafte Bühne als bester Ort kann alles sein, das ist ihr überirdisches Potenzial, das ist ihre Wunderkraft. Und natürlich ist ihre Wunderkraft ganz aus Arbeit gemacht, aus der Arbeit derer, die auf und um sie herum agieren. Die Bühne ist ein Ort des Plurals, ob man das nun gerade sieht oder nicht.

Aus der Mitte der Bühne hören wir ein der Bühne in den Mund gelegtes Zitat von Eva Meyer: Es ist so, als sagte die Bühne dies: „Von jetzt an werde ich mehrere sein. Ich werde nie mehr von mir sagen, ich sei dies oder das. Von jetzt an bin ich nicht mehr die Verlängerung eines gegebenen Zustands. Ich bringe die Wahl zwischen zwei sich ausschließenden Möglichkeiten zum Ausdruck, zwischen dem Zustand selbst und der ihn übersteigenden Möglichkeit.”

Die Bühne ist ein Ort, der Möglichkeiten. Vor allem auch jener Möglichkeit, dass sie plötzlich nicht mehr da ist.
Sie kann sich zudem auftun und alles verschlucken, was sich auf ihr befindet.
Die Bühne ist ein Ort, der sich anbietet, verwechselt zu werden mit einem Marktplatz vor 300 Jahren, mit einem erdfernen Planeten, mit dem Weltfrieden, über den es heißt, er sei die Erzählung naiver Seelen. Die Bühne kann auch zur Verwechslung mit einer naiven Seele zur Verfügung stehen, sie ist da uneitel, und das ist eine ihrer erstaunlichsten Eigenschaften.
Das ist ja alles bekannt, aber eben doch so herausragend, dass es der Feier bedarf, sodass ich sagen möchte:
Ich bitte die Bühne auf die Bühne. Sie zeigt uns, was sie alles kann! Sie zeigt uns, dass sie da ist.
Die Bühne und ihr zwischen Begrenzung und übergroßer Möglichkeit changierende Potenzial, vieles angeblich und tatsächlich zu sein.

Es tritt jetzt leider eine Kaufgierige auf, die eilt hier gleich geschäftig vor und hinter mir hin und her und macht mich nervös.
Sie sagt: Sie stimme mir vollauf zu, dies sei ja wirklich ein bester Ort, kleiner als andere beste Orte, für die sie sich sonst so interessiere, also keine 1400 Hektar, aber aus dieser Bühne ließe sich gut was machen, natürlich, das sei doch ein wunderschönes Projekt, an dem zu arbeiten sich vermutlich sehr lohne.
Die Kaufgierige heißt nicht umsonst so, sie will kaufen. Sie will diesen Ort erwerben, während ich hier rede, während Sie und Ihr dort sitzt. Sie spricht also in ihr Telefon: Hallo, ich habe bei einem Ausflug mit Freunden diese schöne Bühne gesehen und habe sofort gedacht, dass ich sie haben muss. Diese Kaufgierige geht weiterhin auf und ab, sie schaut mich an, als wäre meine Zeit hier und andernorts auch schon längst vorbei, ich schaue reflexhaft genauso zurück.

Was auf der Bühne passiert, muss verhindern, dass die Bühne in Teilen oder ganz verkauft wird. Sich einem Kaufinteresse in den Weg zu stellen, braucht u. a. Zeit, also füge ich, weil ich es hier kann, weil es hier geht, Zeit hinzu. Dies ist die Zeit (sie kreist hier überall, bewegt sich durch den Saal, verteilt sich mit ein bisschen Glück durch die Türen auch nach draußen) – dies ist die Zeit, die benötigt wird, um am Beispiel dieser einen Kaufgierigen hier all die Objekte shoppenden Großeinkäufer*innen der Welt zu blockieren.
Die beispielhafte und konkrete Bühne ist ja kein Entnahmeobjekt aus dem Vorrat einer Stadt, ist nichts, was für private Zwecke umgenutzt werden darf, sondern sie ist (wenn auch eingeschränkt) öffentlich, ist (ebenso eingeschränkt) um Zugänglichkeit bemüht.
Sie ist ein bester Ort, wenn und hoffentlich weil sie grundsätzlich quer zu diesem Wirtschaftssystem steht; es kann von ihr erwartet werden, dass sie das tut. Aber schon klar, man kann die Bühne beschützen, wie man will, man kann zwar alle Zugänge zur Bühne versperren, zustellen, bewachen, der Kapitalismus ist wie der Tod, er findet immer seinen Weg. Er ist da, ist einer der Gegenspieler hier. Er ist da, um zu nehmen, um abzuziehen, 
was nur geht, das ist so bekannt wie dauerskandalös.
Der Kapitalismus also macht sich als großer Verhinderer von Möglichkeiten gleich in Richtung der enormen Menge ehemaliger Möglichkeiten auf. Die fürchten ihn nicht mehr, ehemalige Möglichkeiten sind an Kummer und Arbeit gewöhnt, sie halten den großen Undertaker K solange es geht, beschäftigt. Sie lenken ihn ab, sie lullen ihn ein, machen ihn müde, zum Sterben müde. Der alte K ist sterbensmüde, lange kann das nicht mehr dauern.
Und ja, ich wünschte, das wäre wahr, also soll es hiermit die Wahrheit sein. 

Die Theaterbühne ist ein Ort des Hinzufügens, sie ist ein Ort, der sich endlos füllen lässt.
Sie ist auch ein Ort des Scheiterns, des Abbruchs, der Zäsur, des Neuanfangs, der veränderten Wiederholung, der Probe, Überarbeitung, nochmal, nochmal. Sie ist ein Ort des Innehaltens, des Abschweifens, Verschwindens. Irgendwohin bei gleichzeitigem Hiersein.
Sie ist eine Fortsetzung der Welt mit anderen Mitteln und keine Ausflucht oder Pause von der Welt.
Ab und an eine Umbaupause, wie jene, auf die wir uns gemeinsam 
zubewegen, die kurze Umbaupause vor Barbi Markovićs Stück. Grundsätzlich also hier wie überall wenig Pause, außerhalb der Theaterbühne finden die Umbaumaßnahmen kontinuierlich statt:
Rückbauten in größten Dimensionen und meistens ohne Mitgefühl.

Während der gierige Undertaker K von den ehemaligen Möglichkeiten bearbeitet wird, verwickele ich die Kaufgierige in diese Geflechte aus Zeit und setze sie auf einen doppeldeutigen Haufen aus falschen Fuffzigern, das ist ein Hügel aus Metapher und Falschgeld, auf den ich sie mitten auf dieser Bühne befördere. Sie sitzt nun auf ihrem gesamten Vermögen, eher Berg als Hügel, und es glänzt sehr schön, ihr ganzes Geld, ausgezahlt in schlecht gefälschten Münzen. Die wird sie nicht mehr los, dieses und jedes künftige Kaufvorhaben ist somit vereitel
Diese Kaufgierige rutscht von ihrem Berg, geht ab, sie ist erledigt, sie trat ja ohnehin als bereits auserzählte Figur auf und konnte nur durch einen Trick davor bewahrt werden, daran zu rütteln, wem diese Bühne gehört. Irgendwann wird diese konkrete und beispielhafte Bühne vehement verteidigt werden müssen.
Sie wird vor auserzählten Figuren geschützt werden müssen, vor Figuren, die ihre Zeit schon hatten, deren Zeit außerhalb der Bühnen – ginge es mit rechten Dingen zu – doch schon längst vorbei sein, die nie hätte beginnen müssen.
Auf dieser beispielhaften Bühne hier kann gelingen, was außerhalb der Bühne scheitert.

Auf der Bühne darf man sich allen, die das gelingende Miteinander der Lebewesen verhindern, die das, was auf ihr an Lautem und Leisem, an Suchen, Probieren und Finden möglich ist, zu blockieren versuchen, in den Weg stellen; man darf jedwede Höflichkeit verlieren.
Die konkrete und beispielhafte Bühne ist bestenfalls und notwendigerweise ein Entdomestizierungs-, Widerbosrtigkeits- und Enthöflichungsprojekt. 

Und kaum sagt man Höflichkeit, tritt einer auf, der sie herausfordert.
Es tritt von links ein König auf und gibt mir zu verstehen, ich habe ihn gefälligst angemessen zu grüßen. Der König wartet, aber ich reagiere nicht. Er doziert: Das Wort höflich lautete im Mittelhochdeutschen hovelich und bedeutete dem Hof angemessen, fein gebildet. Mit Hof war dabei nicht der Bauernhof, sondern sprachgeschichtlich schnell der Fürsten- oder Königshof gemeint.
Wo also meine Höflichkeit sei. Das seinem Hof angemessene Verhalten.

Ich sage ihm, das sei hier nicht sein Hof, das sei hier gerade gar kein Hof. Aber wenn jetzt hier plötzlich Könige auftauchen, vollkommen anlasslos, wenn sowieso seit Jahrhunderten anlasslos Könige auftauchen, für mich jedenfalls nicht gut begründbar auftauchen, und wenn zudem jetzt alle irgendwie Könige sind oder sich wie Könige aufführen, wenn also alle jetzt mit ihren Kutschen, Karossen, Cars durch das in beispielsweise Sack, Leinen und Kunststoff gekleidete Fußvolk brettern, ganz wie diese Könige früher durch die schmutzigen Gassen, wenn das so ist, dann mache ich das jetzt auch, weil es genau hier auf, die beste Art möglich ist. Ich werde nicht Königin, sondern werde gleich König.
Indem ich nämlich eine alte, sich jetzt wieder ausbreitende angebliche Steigerung übernehme, indem ich also ganz deutlich, wie man es gerade so macht, an alte Zeiten anknüpfe, jene Zeiten nämlich, als die Frau angeblich des Mannes Untertanin war und der Mann angeblich des Weibes Besitzer und Herrscher und sonstwas – indem ich diese alte Steigerung also aufgreife, entwickele ich mich hier vor dem König, der noch immer auf meine Begrüßung wartet, von der gegebenen Grundform Frau zum Komparativ Mensch und weiter zum angeblichen Superlativ Mann. Dort höre ich aber mit meiner Entwicklung noch nicht auf, sondern werde selbst ein König. 
Danach Kaiser.
Und dann – denn ich denke vorausschauend, und es ist ja auch nur konsequent – werde ich etwas Göttliches, werde gewaltig und groß. Furchterregend. So zu sein, so zu wirken, könnte ja nun nötig sein.

Der eingeschüchterte König grüßt mich tatsächlich auf der Stelle, aber ich erwidere seinen Gruß nicht, wie gesagt, die Bühne ist kein Ort für zweifelhafte Höflichkeit, ich bin hier nicht auf Bündnisse mit auserzählten Figuren aus.
Gut möglich, dass dieser König, der ich ja nicht bin, stirbt.
Er stirbt einen Bühnentod.
Tatsächlich aber stirbt er nicht.
Auch ich sterbe hier nicht. Wir könnten hier Krieg spielen, aber sterben an und in ihm würden wir hier hier nicht.
Die beispielhafte und konkrete Bühne ist ein Ort des Friedens, egal, welchen Konflikt oder Krieg sie zeigt.
Sie hat notwendigerweise ein Ort des Friedens zu sein, ein Ort, der Frieden und dessen Denkbarkeit verteidigt.
Was auch immer Frieden nun genau ist.
Er ist jedenfalls kein dem Hunger, den Ratten, den Infektionskrankheiten, den alten Seuchen überlassenes Land. Und es ist das kein Waffenstillstand, was Bomben abwirft.
Da kann mir auch kein peace board etwas weismachen, denn kein peace board hat die Behauptungskompetenz und -macht einer gut bespielten Theaterbühne.
Ich behaupte:
Die Bühne, wenn sie es sein darf, ist einer der stärksten Orte der Welt.

Vom Bühnenhimmel herab schwebt eine Schnecke. Sie ist klein, man sieht sie kaum.
Noch bevor sie den Boden erreicht hat zitiert sie etwas ungenau Ursula K. Le Guin und sagt: 
„Übrigens:
1. der König, der da nun ermattet rumliegt ist schwanger.”
Sie sagt, mehr wisse sie nicht, ich könne entscheiden, ob dieser König zu seiner eigenen negativen Überraschung oder zu seiner Freude oder zu unser aller Freude oder Verdruss schwanger ist. Er ist jedenfalls da, und die Frage, was da in ihm wächst, könne auch später beantwortet werden.
Und sie sagt:
„2. Der Kaiser ist nackt.”

Ja, sage ich, das weiß ich doch. Hier ist zwar kein Kaiser mehr, aber das ist mir bekannt, denn ich habe ja bei den Märchen gelernt und lerne dort immer noch. Ich weiß, dass die Zeiten, von denen die Märchen erzählen, die Zeiten sind, in denen das Wünschen noch half, aber auf dieser Bühne, auf dieser immer noch beispielhaften Bühne, wo alles möglich ist und meine Redezeit begrenzt, will ich zusammenfassend sagen: das Wünschen hilft.
Eine Form des erfüllten Wunsches ist die Behauptung, dass etwas längst so sei, der Wunsch bereits erfüllt. Das Gewünschte, Erträumte ist dann hoffentlich so gut wie gedacht zugegen.

Die Dichterin Elke Erb sagte in einem Gespräch mit Manfred Rothenberger: „Weißt du, was am besten wäre: Wenn man die Weltschöpfung noch einmal neu bestellen könnte. Das wäre gut, wenn das ginge.”
Hier geht das.

Wie gesagt. Es gibt grundsätzlich wenig Pause, und der Umbau findet 
kontinuierlich statt.

Vielen Dank.

– vorgetragen am 6. Juni 2025, auf der DT Bühne