Goodyear
von René Pollesch
REGIE René Pollesch
Premiere am 26.05.2021
Inhalt
Aus der Stückfassung für das Programmheft:
(Der Schuh ragt aus dem Vorhang)
S: (mit Megaphon) Ich bitte um Ruhe! Ich bitte um Ruhe!
Alle kleinen Mädchen zwischen sechs und acht Jahren, die auf die Rundfunkdurchsage hin nach Cinecittà gekommen sind, werden gebeten, der Reihe nach und ohne Gedränge nach Halle 6 zu kommen, damit der Regisseur Valdecci sie sehen kann. Haben Sie gehört? Nach Halle 6! Bitte bleiben Sie ruhig, sonst hat das ganze keinen Zweck. Wo ist sie denn? Maria! Ich hab meine Tochter verloren. Wo kann sie denn sein? Maria!
J: (ruft) Maria Cecconi! Maria Cecconi!
Das Kind Maria Cecconi wird gesucht.
A: (zu T und K) So, da wären wir, meine Herrschaften! Ich darf sie dann hier entlang bitten. Für die Dauer der Vorführung legen sie ihre Arme auf die Armlehnen und stelle ihre Füße fest auf den Boden.
S: Maria! Maria!
Ich sagte ihr nur, ich mach dich jetzt mal so schön es geht, und dann mach ich ein Foto von dir.
J: Kriech in die Scheune und ruh dich aus!
T: Sie sagte, sie begann zu wachsen, als sie sich aufgeregt hat.
- Leg die Geisel auf den Boden und nimm die Hände hoch, damit wir sie sehen können.
- Reden Sie mit ihr.
S: Ich?
K: Sie sind ihr Vater! Reden Sie mit ihr.
S: Wenn du dich wie eine Erwachsene benimmst, dann wirst du auch wie eine Erwachsene behandelt.
Ich bin ihr so nah und so nervös.
T: Wie konnte sie so wachsen?
A: Ich glaube, jeder Streit mit ihr geht sehr unschön aus.
- Wir sollten die Nationalgarde und polizeiliche Verstärkung anfordern. •
- Ich halte das nicht für richtig, eine Luftbodenrakete auf ein kleines Mädchen abzufeuern.
J: Niemand feuert. Bis ich sage FEUER!
S: Nein!
A: Was machst du überhaupt hier?
K: Sie ist ganz eindeutig nicht in Ordnung.
A: Schluss jetzt! Sie zieht gefälligst das Witwenkostüm an.
S: Das Rauchen ist hier nicht gestattet. Das ist ne Traditionsstrecke.
A: Keine Angst, Süße, ich bin bei der Freiwilligen Feuer-wehr.
- Du weißt doch, wie akribisch sie sich auf ihre Rollen vor-bereitet.
- Aber sie hat doch noch nicht mal nen Führerschein.
S: Geschwindigkeit hab ich im Gesicht!
J: Ich find's großartig! Man ist durch das, was man tut, so ergriffen, dass man sich geradezu verwandelt. Man wird jemand anderes.
A: Und er ist mit dem Film wirklich seit zwei Wochen schon fertig?
J: Ja, schon seit zwei Wochen. Er zieht einfach seinen Rennfahreranzug nicht aus.
T: Es gibt ja welche, die lassen sich nach so einer Rolle erstmal richtig volllaufen.
K: Hör mal, es war Arbeit. Arbeit mit einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. Verstehst du? Und jetzt ist sie beendet. Du hast dein eigenes Leben wieder, mit deiner Familie, deinem Whiskey und allem, was du sonst so willst.
S: Ja, ich würde so gerne einen zweiten Teil drehen.
T: (schlägt die Klappe) Und Klappe!
- Ja und? Was jetzt?
- He! Keiner bewegt sich ohne Regieanweisung über die Bühne!
S: Klappe!
(T schlägt nochmal die Klappe)
- Nein, ich meinte „Klappe".
- Also Klappe und du fängst an, zu lachen.
T: Und jetzt lachen!
(S versucht ein Lachen in ihr Gesicht zu zaubern)
T: (schlägt die Klappe) Und Klappe!
S: Oh Gott! Ich komm nicht aus meiner Figur raus.
K: Was ist denn?
S: Ich komm nicht mehr aus der Rolle.
K: Welcher?
- Meiner.
- (schlägt die Klappe) Und Klappe!
S: Ich weiß nicht, ich krieg das noch nicht richtig, diese Schauspielerin, die nicht mehr aus ihrer Figur kommt.
Pressestimmen
Die Frage, wie man nach den endlosen Lockdown-Monaten zum ersten Mal seit langer Zeit wieder eine richtige Theaterbühne betritt, ohne dass es peinlich bedeutungsschwer wird, aber auch ohne so zu tun, als sei das keine große Sache, beantwortet René Pollesch am DT gewohnt lässig und mindestens doppelbödig. Seine Uraufführung Goodyear beginnt mit einer Beerdigungsprozession, allerdings einer auffällig gut gelaunten Prozession mit scheppernder Brass-Band aus dem Off. Ein gemalter Abendhimmel leuchtet auf dem schwere Falten werfenden Vorhang des Rundhorizonts, die Scheinwerferbatterie hängt gut sichtbar ins Bühnenbild (Barbara Steiner). Klare Sache: Wir sind hier im Theater - mit Schnelltest und FFP2-Maske auch wirklich wieder im Inneren -, da sind auch Trauerzüge kein Grund zur Traurigkeit, sondern vor allem theatralisch ergiebig.
Als Sophie Rois in einer Art Geisterbeschwörung einen gewissen Henry herbeifantasiert („Henry, bist du da?”) und von dessen Schauspielkünsten schwärmt („fürs Inhaltliche hat er sich eh nie interessiert”), ist das natürlich ein kleiner Insiderscherz für Verehrer Henry Hübchens, des Pollesch- und Rois-Kollegen aus alten Volksbühnen-Zeiten. Aber vor allem ahnt man, was da eben zu Grabe getragen wurde, um in den folgenden 75 Minuten eine hochtourige Auferstehung zu feiern: das Theater selbst, also Polleschs Lieblingsthema, an dessen Fragwürdigkeiten, Repräsentationsfallen und Jahrmarktsqualitäten er sich immer mit Vergnügen abarbeitet, egal um was es sonst noch so in seinen Stücken geht
Diesmal geht es unter anderem um eine queere Hommage an die Testosteronspiele des Automobilrennsports und die Rennpiloten-Gattinnen, die immer ein Witwenkostüm im Reisegepäck dabei haben, weil: Falls es irgendwann mal kracht auf der Fomel-1-Strecke, will man ja wenigstens gut aussehen vor den Kameras. Die queere Antwort auf das Macker-Vehikel eines Rennwagens, als motorisierte Penis-Verlängerung sozusagen die Heteronormativität auf Rädern, glänzt an diesem Abend mit maximalem Glamfaktor: ein fahrbarer, riesiger, weißer, glitzerbesetzter Stöckelschuh, angeblich „mit 1498 Kubikzentimeter-Hubraum”. Kein Wunder, dass Astrid Meyerfeldt als Rennpilotin am Steuer dieses Ungeheuers klagt, dass die „luftgekühlte 4-Zylinder-Boxer-Rennmaschine" wie ein Highheel aussieht: „Diese Homosexuellen machen mich fertig.” Logisch, was sollen sie auch sonst machen mit den Überresten der archaischen Welt harter Männer. Wobei Pollesch nichts gegen das Spektakel des Rennsports als solches hat, es hat für ihn nur etwas andere Reize: Das Dröhnen der Motoren feiert die Inszenierung als minutenlange, prächtig laute Musique concrète, die zuverlässig alle Schauspielersätze übertönt: Wrrrummms! (Peter Laudenbach, Süddeutsche Zeitung, 27.05.2021
Dauer
1 Stunde 15 Minuten, 0 Pausen
Premiere
26.05.2021
Besetzung und Regieteam
- Regie René Pollesch
- Bühne Barbara Steiner
- Kostüme Tabea Braun
- Licht Cornelia Gloth
- Dramaturgie Bernd Isele