Lear / Die Politiker
von William Shakespeare / von Wolfram Lotz
REGIE Sebastian Hartmann
Premiere am 30.08.2019
Inhalt
Aus einem Gespräch mit Regisseur Sebastian Hartmann, veröffentlicht im Programmheft zu Lear / Die Politiker. Die Fragen stellten Claus Caesar und Aleksandar Kerosevic:
Eines der Themen in Lear, die für dich eine große Rolle spielen, ist die Frage des Missbrauchs.
Vor einem Jahr, als wir entschieden haben, uns diesem Stoff zu stellen, einen Bewegungsapparat oder Denkapparat für ihn zu finden, da haben wir uns gefragt, wie man am besten mit diesem merkwürdigen Beginn des Stückes umgeht. Da sitzt ein König, der sagt, meine lieben Töchter, es gilt nun, das Königreich in drei Teile aufzuteilen, ich bin auch bereit, jeder von euch ihren Teil zu geben, ich möchte nur noch einmal hören, wie ihr mich liebt. In dieses Setting die Machtposition des Vaters hineinzulesen, der seinen Töchtern etwas mitgeben möchte, was dann auch wieder nur eine Reproduktion von Macht sein kann, das ist eine Situation, die mich sehr beschäftigt hat. Es kam mir zunächst lange wie ein Märchen vor, wie Die feuerrote Blume. […] Das Verhalten Lears seiner Tochter gegenüber in dem Augenblick, als sie aufrichtig antwortet und sich dadurch auch ein Stück weit von seiner Welt emanzipiert: dass er sie vollkommen zerstört, den Tod seiner Kinder später noch wahrnimmt, dann aber larmoyant auf der Bühne steht und seinen eigenen Wahnsinn besingt, das ist ziemlich grauenhaft, und das möchte ich auch nicht zeigen. Für mich reicht das Thema des Missbrauchs über das Sexuelle hinaus. Ob Lear seine Töchter missbraucht hat, interessiert mich weniger, sondern es geht eher um die Frage, wie eine Elterngeneration ihre Kinder in dem Sinn missbraucht, dass sie sie in eine Welt stellt, die nur auf die Reproduktion ihrer selbst abzielt. Und nicht auf eine andere Welt, die lebenswerter ist. In dem Augenblick, in dem wir unseren Kindern keine Erinnerungen an eine andere Zukunft geben, keine anderen Menschenbilder formulieren, missbrauchen wir die nächste Generation. Ich weiß jetzt noch nicht, wo wir bei der Premiere stehen werden, aber wir versuchen, solche Gedanken in den Abend einbrechen zu lassen.
Wolfram Lotz' Stück Die Politiker ist eine Uraufführung, ein Text, mit dem der Abend enden wird, der eine von Shakespeare vollkommen verschiedene sprachliche Qualität hat. Für dich war nach der Lektüre sehr schnell klar, dass das passt.
Ich bin ja schon seit Langem mit Wolfram Lotz in Kontakt, habe auch mal in einer Jury gesessen und versucht, mich für ihn einzusetzen. Er bekam den Preis dann auch, ich glaube für Der große Marsch…
... den du dann inszeniert hast…
... den ich dann inszeniert habe. Im Zuge dessen lernte ich ihn kennen und seitdem verbinden uns einige Telefonate und, immer wieder, der Wunsch nach einer Zusammenarbeit. Wir sind uns einig darin, dass sowohl in seinen Texten als auch in meiner Arbeit etwas ist, das sich nicht darauf beschränkt, einen Text oder dessen Inszenierung bloß herzustellen, sondern das weiter reicht. Wolframs Texte greifen in meine Regiearbeit ein, und meine Regiearbeit in seine Texte, ohne dass ich sie dabei verändern würde. Für mich ist es hochspannend, dass er einem Betriebsanleitungen gegen das Theater schreibt, obwohl die Texte ja für das Theater gedacht sind. Oft steht schon in den Regieanweisungen, wie die Szene nicht funktioniert und auch niemals funktionieren kann. Man wird z.B. dazu aufgefordert, dass 40 Kinder mit Down-Syndrom die Bühne stürmen, auf der ein dicker Schauspieler steht, der Wolfram Lotz ist. Wenn er nicht Wolfram Lotz ist, wird er von einem möglichst dicken Schauspieler dargestellt, der in seiner linken Hand einen gefrorenen Aal hält, wobei der Aal in der vorliegenden Szene überhaupt keine Rolle spielt. […] Wenn man zu Fremdtexten greift, weiß man manchmal vorher schon, dass man das zwar machen kann, aber nicht muss. Die Politiker aber sprechen zu uns, richten sich an uns, meinen uns, fordern uns ununterbrochen zum Denken auf. Das ist mir für die Inszenierung wichtiger als mit einem larmoyanten alten Sack aufzuhören, der stirbt. Ich brauche am Schluss irgendetwas, an dem man sich festhalten kann, und wenn es ein Hilferuf ist…
... eine Öffnung…
... ja. Ich hab's schwer mit unserer Gattung Mensch, aber ich bin kein Zyniker. Es geht um uns alle, um unsere gemeinsame Zukunft. Deren Zerstörung spricht für mich aus Lear, und das wollte ich nicht so stehen lassen. In seiner Traurigkeit, die Wolframs Text durchaus vermittelt, schenkt er uns aber zum Beispiel auch Namen zurück. Beim ersten Lesen war das sehr merkwürdig, diese banale Anrufung von alltäglichen Namen, aber der Text gibt sie uns in einer Art und Weise zurück, die ich so auf der Bühne noch nicht gehört habe. Vielleicht ist der Ort Theater viel zu wichtig geworden, um ihn der Unterhaltung zu überlassen.
Dauer
2 Stunden 45 Minuten, 0 Pausen
Premiere
30.08.2019
Hinweise
Die Uraufführung bezieht sich auf den Text "Die Politiker" von Wolfram Lotz
Besetzung und Regieteam
- Regie Sebastian Hartmann
- BÜHNE Sebastian Hartmann
- KOSTÜME Adriana Braga Peretzki
- LICHT Rainer Casper
- CHORLEITUNG Christine Groß
- LIVE-MUSIK Samuel Wiese
- DRAMATURGIE Claus Caesar