Cry Baby
von René Pollesch
REGIE René Pollesch
Premiere am 08.09.2018
Inhalt
S: (zu J) Hören Sie, als man mir sagte, dies sei ein Liebhabertheater, dachte ich natürlich, dass wir als Liebhaber des Theaters dafür bezahlen, hier aufzutreten. Ich wusste nicht, dass es ein Stück ist voller Liebhaber, mit lauter Liebhabern.
B: Wo denn? Hörn Sie mal! Ich dachte, ich sehe hier Theater. Ich sehe eine Aufführung.
Was ist denn das für eine Liebhaberaufführung hier!
T: (zu B) Verzeihen Sie, dass ich Sie berichtige, das hier ist keine Liebhaberaufführung, sondern Liebhabertheater. Eine Variante des Theaters, bei der die Schauspieler dafür bezahlen, auftreten zu dürfen.
S: Ja. Und gibt's daran irgendetwas auszusetzen?
T: Eine Liebhaberaufführung ist ein Laienschauspiel. Das ist etwas komplett anderes.
S: (zu B) Sie werden doch nicht behaupten, Sie sehen hier ein Laienschauspiel!
(zu T) Hören Sie, als Sie sagten „Liebhabertheater“, dachte ich, die Aufführungen drehten sich um Liebhaber, oder fänden vor Liebhabern statt, ich wusste nicht, dass man dafür bezahlt, hier auftreten zu können.
T: Doch, das tut man. Das macht dann 20.000 Francs bitte.
S: Ja, gut. Aber eigentlich dachte ich, ich könnte hier Geld verdienen.
J: Wovon sprachen Sie? Ich möchte nicht indiskret sein.
S: Oh, über nichts. Über dieses und jenes. Wir sprachen von Liebhaberstücken.
J: Nun, ich dachte früher, ein Liebhaberstück wäre ein Stück über Liebhaber. Aber es ist eher etwas..., also ein Liebhaberstück ist ein Ding, das Leute für kostbar halten, für wertvoll. Dinge mit einem Liebhaberwert.
B: Sie haben dafür bezahlt hier aufzutreten? Was soll denn das bitte heißen!
S: Hören Sie mal auf, da rumzumurmeln.
B: Ich will Schauspieler sehen, die hier was verdienen.
S: Was ich hier mache, ist echt und bezahlt.
B: Ja, aber doch von Ihnen!
S: Ja, und? Normalerweise spiele ich Ihnen was vor und Sie haben dafür bezahlt. Meine Leidenschaft fürs Theaterspielen ist echt und ich hab dafür bezahlt. Deshalb nennt man das auch Liebhabertheater.
B: Ja, aber ich nehme auch an, dass Ihre Leidenschaft echt ist, wenn ich dafür bezahlt habe.
S: Hören Sie mal! Einigen wir uns einfach darauf, dass wir beide bezahlt haben. Ich für meine echte Leidenschaft und Sie auch für meine echte Leidenschaft. Sie haben wahrscheinlich gar keine. Sie sind wie eine Figur von Maupassant. Sie lieben die Dinge nicht und keine Personen.
J: Hör mal, als man mir sagte, das sei ein Liebhabertheater, dachte ich, es ginge um Liebhaber, ich wusste nicht, dass du dafür bezahlst, um hier auftreten zu dürfen.
S: Ja und? Was solls!
Besetzung und Regieteam
REGIE René Pollesch BÜHNE Barbara Steiner KOSTÜME Tabea Braun CHORLEITUNG Christine Groß LICHT Cornelia Gloth DRAMATURGIE Bernd Isele
mit Sophie Rois, Judith Hofmann, Christine Groß, Bernd Moss und als Chor Barbara Colceriu, Aysima Ergün, Therese Lösch, Sarah Quarshie, Milena Schedle, Stella Sticher, Beatrix Strobel, Julia Zupanc (Studentinnen aus dem 2. Studienjahr Schauspiel der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch" Berlin) und Lea Beie, Josephine Lange, Charlotte Mednansky, Thea Rasche, Nathalie Seiß, Yasmin El Yassini
Pressestimmen
„Sophie Rois und René Pollesch debütieren am Deutschen Theater Berlin. Wie wird das werden? Wird es zusammenpassen? Schon erklingt der "Einmarsch der Torreros", bekannt aus "Carmen" und "Tom und Jerry", aber es dauert noch gute zehn Minuten bis Sophie Rois mit dem Aufschrei "Oh mein Gott! Ich bin so müde!" auftritt und sich aufs Bett wirft. […] Und es geht gut. Grade noch. Grade noch gut genug für Begeisterungsstürme, grade noch genug, dass man lacht und sich freut, ein Müweniger und das Ganze wäre nur noch mau gewesen. Tolle Sache natürlich, das absolute Minimum, das für einen rauschenden Erfolg nötig ist, so genau zu erwischen.” Gabi Hift, Nachtkritik.de, 08.09.2018
„Die extrem traditionelle Innenarchitektur vom Deutschen Theater ist in die Tiefe der Bühne hinein verlängert mit zusätzlichen Logen links und rechts; und in der Tiefe des Raumes steht unter bühnenhohen Vorhängen als einziges Requisit ein Bett. Darauf lümmeln sich unter- und übereinander ein Dutzend junger Frauen in ziemlich bunten Schlafanzügen. […] Die wichtigste Frage aber bleibt wie immer bei Pollesch: Worum geht’s hier eigentlich? Das ist (wie ebenfalls immer) recht schwer zu beantworten. Im Bett zu Beginn lagert auch Rois mitten zwischen den Mädels – und gibt sich extrem erschöpft: Kunst neigt zur Ermüdung. Und mit Moss oben rechts in der Loge führt die schräge Diva später einen Dialog über den Wert des Theaters an sich, lange beschäftigen sich Autor und Ensemble mit dem Begriff des „Liebhaber-Theaters“. Geht’s da um Liebhaber an sich – oder bringen die Ensemblemitglieder Geld mit, um spielen zu dürfen? Speziell hier ist „Cry baby“ extrem pointensatt; gelegentlich gefällt sich Pollesch ja in der Rolle des Ober-Komödianten, des Emmanuel Striese sozusagen in der zeitgenössischen Theatermoderne.” Michael Laages, Deutsche Bühne, 09.09.2018
Dauer
1 Stunde 10 Minuten, 0 Pausen
Premiere
08.09.2018
Besetzung und Regieteam
- Regie René Pollesch
- Bühne Barbara Steiner
- Kostüme Tabea Braun
- Chorleitung Christine Groß
- Licht Cornelia Gloth
- Dramaturgie Bernd Isele