Die Wildente
von Henrik Ibsen
REGIE Stephan Kimmig
Premiere am 13.06.2021
Inhalt
Die naturromantische Anmutung täuscht: Die Wildente ist eines der zerrissensten und widersprüchlichsten Stücke von Henrik Ibsen. Den ersten Widerspruch trägt es bereits im Titel: Die leitmotivische Wildente ist ein flügellahmes, auf der Jagd angeschossenes Tier, das keineswegs in der freien Natur lebt, sondern auf dem Dachboden der Familie Ekdal, wo sie von der jungen Hedvig gehegt, gepflegt und geliebt wird, als wäre diese Kreatur ein Teil ihrer selbst.
Der größte Widerspruch dieses Stückes geht einmal quer durch Ibsens eigene Biographie. Das fängt an mit den Vätern: den zwei scheinbar gegensätzlichen Vaterfiguren, die Henrik Ibsen in der Wildente einander gegenüberstellt: auf der einen Seite der mächtige und angesehene Unternehmer Werle, der sich im Mittelpunkt der besten Gesellschaft weiß und die Schuld seiner Vergangenheit insgeheim mit Geld begleicht wie Schulden; auf der anderen Seite der alte Ekdal, der an einem Bankrott mit anschließender Gefängnisstrafe zerbrochen ist und nunmehr von seinem ehemaligen Geschäftspartner Werle mit Schreibarbeiten und Almosen über Wasser gehalten wird. Während Werle die Honoratioren der Stadt mit auftrumpfender Geste zum Festmahl einlädt und mit einer zweiten Heirat einen neuen Lebensabschnitt begeht, flüchtet sich der alte Ekdal in den Alkohol und in den imaginären Jagdwald auf dem Dachboden seines Sohnes, wo er zahme Kaninchen schießt. Der eine zelebriert seine repräsentative Sichtbarkeit, der andere taucht hinunter auf den Grund des Verschwindens.
Pressestimmen
„Eine klinisch-weiße Bühne, mal mehr, mal weniger grell ausgeleuchtet von Decken-LEDs, helle Kostüme für alle. Eine hermetische Zelle mit kreisrunden Fenstern, vor denen angedeutete Ventilatoren den Familien-Mief aufwirbeln. Ein menschliches Versuchslabor. Jeder und jede kämpft für sich allein. Aber alle beäugen sich. Permanent. Kimmig inszeniert den Text als großes Drama über Kommunikationsunfähigkeit, darüber, wie Egomanie und Taktik emotionale Gefüge zerfressen – im Innen wie im Außen. […] Abhängigkeiten stabilisieren das dysfunktionale System selbstredend, und über den Abgrund hinwegreden können alle gut. Mit Ausnahme der jugendlichen Tochter Hedvig, die auf dem berühmten Dachboden dieses Stücks eine Wildente hegt und pflegt, die, verletzt und flügellahm, alles andere als wild ist. Linn Reusse spielt Hedvig mit Intensität. In dieser Inszenierung ist das Kind, das allen erwachsenen Ego-Monstern aus dem Blickfeld gerät, eine autistisch anmutende Kassandra. Fast erblindet, die Ente, ihr Kostbarstes, zärtlich-stoisch in einem gläsernen Wägelchen hinter sich herziehend. Ihr sprachliches Stakkato, ihre mäandernden Gedanken: Reusses Spiel wirkt im Vergleich zu den empathiebefreiten Kommunikations-Scharmützeln ihrer Mitspieler*innen manchmal fast überzogen, obwohl es das unterm Strich nicht ist. Kimmig setzt hier den Kontrapunkt, da ist sie, die personifizierte Wahrhaftigkeit und sie hat keine Chance, null, nada.“ Stephanie Drees, nachtkritik, 13.06.2021
„Stephan Kimmig ist mit dem ausgezeichneten Ensemble eine packende, wirkungsvoll konzentrierte Inszenierung gelungen. […] In hundert spannend komprimierten Minuten kann man im Deutschen Theater bewundern, wie sich Kimmig der Protagonistin und ihrem Schicksal gegenüber so vorsichtig wie zupackend, so analytisch kühl wie einfühlsam forschend bewährt. […] Und als sich Hedvig hinter der Bühne erschießt, überströmt blendendes Licht den klinisch weißen Schaukasten: Operation gelungen, Patientin tot. Aber das Theater lebt.“ Irene Bazinger, FAZ, 15.06.2021
Dauer
1 Stunde 40 Minuten, 0 Pausen
Premiere
13.06.2021
Besetzung und Regieteam
- Regie Stephan Kimmig
- Bühne Katja Haß
- Kostüme Anja Rabes
- Musik Michael Verhovec
- Licht Robert Grauel
- Dramaturgie John von Düffel